
Deutschland ist im internationalen Vergleich seit vielen Jahren ein Land mit besonders hoher Steuer- und Abgabenlast. Nur in Belgien fließt gemessen an den Arbeitskosten ein höherer Anteil in die Steuerkasse und an die Sozialversicherungen. Im vergangenen Jahr hat Deutschland diese „Spitzenstellung“ verteidigt – Arbeitnehmern blieb sogar noch weniger Netto vom Brutto. Das zeigt ein Vergleich, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Mittwoch veröffentlicht hat.
49,3 Prozent der Arbeitskosten eines alleinstehenden Durchschnittsverdieners gingen demnach für Steuern und Sozialkassen drauf. Das waren 1,34 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Dieser Anstieg gehe vor allem auf die Erhöhung der Sozialversicherungsbeiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung zurück. Mehrbelastungen bei der Einkommensteuer, die durch insgesamt steigende Verdienste entstanden, fielen mit einem kleinen Beitrag ins Gewicht.
Übertroffen wurde der deutsche Steuer- und Abgabenkeil wie in den Vorjahren nur von Belgien (52,5 Prozent für einen Alleinstehenden), im Schnitt betrug der Steuer- und Abgabenkeil in den 38 untersuchten Ländern 35,1 Prozent. Die Vereinigten Staaten (30 Prozent) und die Schweiz (23 Prozent) lagen deutlich unterhalb des Durchschnitts. Besser kommen in Deutschland Paare weg, bei denen nur eine Person arbeitet (34,9 Prozent).
Die schwarz-rote Bundesregierung hat Arbeitnehmern mit kleinen und mittleren Einkommen im Koalitionsvertrag finanzielle Entlastung zugesagt. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat eine entsprechende Einkommensteuerreform angekündigt, die Anfang 2027 greifen soll und derzeit im SPD-geführten Bundesfinanzministerium erarbeitet wird. Umstritten ist zwischen den Koalitionspartnern, inwiefern Entlastungen für Gering- und Normalverdiener durch einen höheren Spitzen- und Reichensteuersatz zumindest teilweise gegenfinanziert werden sollen.
Zwei Steuerexperten der Union im Bundestag, Yannick Bury (CDU) und Florian Dorn (CSU), haben nun ein Reformkonzept vorgelegt, das die Steuerzahler um 25 bis 30 Milliarden Euro im Jahr entlasten soll. Zur Gegenfinanzierung schlagen sie vor allem den Abbau von Subventionen vor. „Bisherige Reformvorschläge unterstellen, dass diese Entlastung aber nur mit gleichzeitiger Mehrbelastung bei höheren Einkommen und Betrieben möglich wäre“, schreiben Bury und Dorn im „Handelsblatt“. Stattdessen sollten zuerst die Einsparpotentiale im Haushalt gehoben werden. „Tut man dies, wird eine Steuerreform möglich, die alle Einkommen entlastet.“
Spitzensteuersatz soll später greifen
Das Konzept sieht vor, den Grundfreibetrag um mindestens 1000 Euro zu erhöhen. Der Spitzensteuersatz von 42 Prozent solle künftig erst von einem zu versteuernden Einkommen von 85.000 Euro an greifen statt wie bisher von rund 70.000 Euro. Für Spitzeneinkommen soll der Steuersatz dagegen von derzeit 45 auf 47,5 Prozent steigen und früher greifen als bisher. Ein Steuerzahler mit 70.000 Euro zu versteuerndem Einkommen würde künftig knapp 1400 Euro weniger Steuern im Jahr zahlen. Der Solidaritätszuschlag solle für alle entfallen. Gekürzt werden könne vor allem bei der EEG-Zulage.
Das Konzept stößt in der CDU auf Zustimmung. Generalsekretär Carsten Linnemann bezeichnete eine mögliche Reform nach diesem Vorbild in der „Bild“-Zeitung als „Durchbruch in der aktuellen Steuerdebatte“. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sprach von einem „wichtigen Debattenbeitrag, um Bewegung in die Steuerdebatte zu bringen“. Johannes Winkel, Abgeordneter und Vorsitzender der Jungen Union, stellte sich ebenfalls hinter das Konzept. Finanzwissenschaftlerin Dominika Langenmayr sieht in dem Konzept viele sinnvolle Elemente. Skeptisch ist sie mit Blick auf die vorgeschlagene Gegenfinanzierung. „Über 20 Milliarden Euro durch Streichung von Subventionen und 10 Milliarden durch effizientere Verwaltung ist eine, sagen wir, optimistische Gegenfinanzierung“, kommentierte sie auf der Plattform X.
Der Ball liegt nun bei Finanzminister Lars Klingbeil (SPD). Kommenden Mittwoch will er die Eckwerte für den Bundeshaushalt 2027 ins Kabinett einbringen. Sein nächstes Großprojekt, das damit unmittelbar verknüpft ist, ist dann die Steuerreform.
