Schon Bridget Jones wusste, dass Schokolade zum Frühstück eine gute Idee ist. Auch das Schokoladenhotel Voss in Westerstede lebt diese Philosophie. Begrüßt werden wir mit einem Choco Rosso, einer Eigenkreation des Hauses. Der weinrote Prosecco hat eine satte schokoladige Note. Nicht zu süß, wohltemperiert.
Das familiengeführte Hotel liegt im Ammerland an der Grenze zu Ostfriesland. Das braune Backsteingebäude, das sich in der Stadtmitte von Westerstede befindet, wirkt eher unscheinbar. Und auch sonst sieht die niedersächsische Stadt mit rund 24.000 Einwohnern an diesem verregneten Tag ein wenig verschlafen aus. Wer in Westerstede Urlaub machen will, kommt am besten mit dem Auto. Auch mit dem Fahrrad lässt sich die Gegend hervorragend erkunden, etwa bei einem Ausflug nach Oldenburg oder Bad Zwischenahn. Die Kurstadt liegt am Zwischenahner Meer, dem drittgrößten See des Landes Niedersachsen. Mit rund einer Stunde Autofahrt ist auch die Nordseeküste nicht weit. Doch Gäste wie wir kommen nicht wegen der Umgebung. Sie kommen wegen der Schokolade.
Als wir den Blick durch die Lobby schweifen lassen, merken wir: Der Schokolade entkommen wir ab sofort nicht mehr. Die Rezeption ist einer Schokoladentafel nachempfunden, den Teppichboden zieren stilisierte Kakaofrüchte, die wie Rugbybälle geformt sind. An der gegenüberliegenden Wand hängt ein Bild, das Kakaofrüchte zeigt. Je nach Sorte haben diese unterschiedliche Farben. Mal violett, mal grün, mal rot. Auch die Zimmerkarte ist mit einer Schokoladentafel bedruckt.

Die Hotelzimmer tragen vollmundige Namen: Schokolade, Praline und Trüffel. Hinter dem Bett unseres Zimmers, dessen Kopfteil in anderen Zimmern überdies ebenfalls in Form einer Schokoladentafel gestaltet ist, prangt ein riesiges Bild kakaobestäubter Trüffeln. Eine Bordüre, die in Struktur und Farbgebung an das goldene Verpackungspapier einer Schokoladentafel erinnert, komplementiert den schokoladigen Fiebertraum. Oder wie es das „Nicht stören“-Schild verkündet: „Ich bin im Schokoladenrausch.“
Neben diesen Spielereien ist das Herzstück des Hotels die hauseigene Schokoladenmanufaktur. Gäste können durch die Glasscheiben des Schokoateliers schauen und beobachten, wie die Chocolatiers Pralinen, Tafeln oder Osterhasen in Form gießen. „Schokolade ist sehr anspruchsvoll“, sagt die Hotelinhaberin Kathlyn Voss. „Man muss sie über mehrere Temperaturstufen hinweg verarbeiten, damit sie diesen Glanz und Knack erhält. Das ist der Grund, warum die Schokoladenglasur beim Kuchenbacken manchmal grau wird.“
Doch die Chocolatiers im Atelier wissen natürlich, wie man mit Schokolade umgeht. Schließlich ist das Hotel seit zehn Jahren offiziell als Schokoladenhotel eingetragen und markenrechtlich geschützt. Kein anderes Hotel in Deutschland darf diesen Titel tragen. Im Jahr 1995 hatten die Eltern von Kathlyn Voss das damalige Landhotel in dritter Generation übernommen und 2012 begonnen, den Fokus auf die Schokolade zu legen. Seit drei Jahren führen Kathlyn und ihr Ehemann Christian Voss, der auch als Küchenmeister im hauseigenen Restaurant arbeitet, nun das Hotel.

Bevor wir uns in der Schokolounge ein paar Pralinen und eine heiße Schokolade gönnen, wollen wir uns entspannen. Also geht es im Bademantel zum Pool. Das Wasser ist angenehm warm, die Entspannung stellt sich rasch ein. Wer nicht nur Bahnen ziehen möchte, kann auch eine Massage buchen oder in die finnische Sauna gehen. Schwimmen, abtrocknen, schwitzen. Mit diesem Dreiklang lässt es sich gut durch den Tag kommen.
In der Lounge trinken wir dann eine heiße Himbeerschokolade. Sofort sticht uns die Auslage mit den süßen Desserts ins Auge. Die Pralinen sind kleine Kunstwerke. Manche von ihnen erinnern in Farbe, Glanz und Form an die viralen Fruchtdesserts von Cédric Grolet, auch dank der Airbrush-Technologie. In feinen Sprühstoßen werden die Pralinen mit der Farbe bedeckt. Eine ist einer Kakaofrucht nachempfunden: geformt wie eine längliche Mango in einem rot-gelb-grünen Farbkorsett. Hergestellt mit peruanischem Piura-Kakao, der für seine nussige und zugleich fruchtige Note bekannt ist. Ob Maracuja, Mocca oder Kardamom, eins haben die Pralinen gemein: Sie sind herb, nicht zu süß und aromatisch im Geschmack. Knacktest bestanden.
Wer mehr über Schokolade wissen will oder sein eigenes Geschick erproben möchte, kann an verschiedenen Workshops teilnehmen, etwa an einem Schokoladentasting oder einem Kochkurs. Wir gießen unsere eigene Schokoladentafel. Die Wahl zwischen weißer, Vollmilch- oder Zartbitterschokolade fällt nicht leicht. Schließlich entscheiden wir uns für eine Marmorierung mit verschiedenen Sorten und verzieren die Tafel mit Cranberrys, Blütenblättern und Kakaobruch.
Die vom Hotel verarbeitete Schokolade stammt aus verschiedenen Ländern. Aus Ecuador, Peru, Bolivien. Der Kakao werde in Zusammenarbeit mit lokalen Kakaobauern nachhaltig und unter fairen Bedingungen hergestellt, sagt Kathlyn Voss. „Kakao hat verschiedene Ursprungssorten, so wie Wein verschiedene Rebsorten hat. Da schmeckt man auch wirklich die Unterschiede. Nicht nur in der Sorte der Kakaofrucht, sondern auch in der Verarbeitung, wie die Bohnen fermentiert werden.“
Auch herzhafte Gerichte sind mit Schokolade
Dieses Wissen kommt auch Christian Voss und den beiden Küchenchefs zugute. Neben Pralinen, Desserts und Kuchen bietet das Restaurant auch etwas an, was es sonst eher selten gibt: herzhafte Gerichte mit Schokolade. „Wir können die einzelnen Ausprägungen der Schokolade, ob sie zum Beispiel fruchtig oder eher säurehaltig ist, sehr gut mit herzhaften Zutaten kombinieren“, sagt Kathlyn Voss. „Das funktioniert super, weil die Schokolade eben nicht so süß ist wie herkömmliche Schokolade.“
Beim Abendessen probieren wir uns durch die Gerichte. Rotweinzwiebeln mit einer Emulsion aus Schokolade und mit Kakaosplittern. Roastbeef, für die Vegetarier wahlweise Falafel, mit Portwein-Schokoladen-Jus. Was zunächst seltsam klingen mag, daran müssen sich unsere Geschmacksknospen durchaus erst einmal gewöhnen. Und doch, die Schokolade sorgt für ein ganz neues Geschmackserlebnis. Fruchtig und herb, süß und salzig zugleich. Das erinnert an Geschmackskombinationen wie Feige-Senf oder Erdbeer-Basilikum.
Das Frühstück am nächsten Morgen ist zwar weniger ausgefallen, aber nicht weniger schokoladig. Die hausgemachte Schokoladencreme hat einen angenehm nussigen und nicht zu süßen Geschmack, ebenso das herb-schokoladige Granola. Aufs Brot legen wir kleine Schokoladentäfelchen, die „Vosszetten“. Unsere Favoriten sind Salbei und Chili. Weil Schokolade nicht immer einfach nur süß sein muss.
