
Eines stellt Yılmaz Böcek gleich zu Anfang klar: „Wir sind nicht hier, um Rache zu üben. Im Gegenteil.“ Es sei Aufgabe des Istanbuler Gerichts, die Schuld der Täter zu beweisen und ihnen eine gerechte Strafe zu geben. Er vertraue der türkischen Justiz, sagt der Hamburger. Böcek steht am Dienstagmorgen vor dem zehnstöckigen „Justizpalast“ von Istanbul. Dort soll wenig später der Prozess gegen sechs Männer beginnen, denen vorgeworfen wird, für den Tod seines Sohnes Servet, seiner Schwiegertochter Çiğdem und seiner Enkelkinder Masal und Kadir Muhammet verantwortlich zu sein.
Die junge Hamburger Familie war im November für einen Kurzurlaub nach Istanbul gefahren und nie mehr zurückgekehrt. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft waren sie in ihrem Hotelzimmer durch den unsachgemäßen Einsatz des Insektizids Aluminiumphosphid vergiftet worden. Angeklagt sind der Hotelbesitzer, zwei Rezeptionisten, der Besitzer der Pestizidfirma, dessen Sohn und jener Mitarbeiter, der das Gift im Zimmer 101 ausgebracht hatte. Ein Stockwerk höher lag das Hotelzimmer der Böceks. Nummer 202.
„Von heute auf morgen kam keine Antwort mehr“
Auch Servets Bruder Mustafa ist für den Prozess aus Hamburg gekommen. Er wolle „diesen Menschen in die Augen sehen“, sagt er vor dem Gerichtsgebäude. Zwei Tage vor der Abreise seines Bruders in den Urlaub hätten sie noch zusammengesessen, in seiner Wohnung in Hamburg. Aus Istanbul habe sein Bruder ihm dann jeden Tag von den Ausflügen berichtet. „Von heute auf morgen kam keine Antwort mehr. Dann bekomme ich die Nachricht, die sind nicht mehr da.“ Mustafa Böcek blickt ins Leere. Wenn es nach ihm gehe, sollten die Täter „lebenslang“ bekommen für das Leid, das sie seiner Familie angetan hätten. Die ganze Zeit über hält er die Hand seiner Mutter, die die vergangenen drei Monate bei ihrem Sohn in Hamburg verbracht hat. Normalerweise wohnt sie in der Provinz Afyonkarahisar, wo ihr Sohn Servet jetzt begraben liegt. „Mein Sohn hatte Träume“, sagt Cemile Yılmaz – und fordert ebenfalls eine „harte Strafe“.
Gegen fünf der sechs Angeklagten lautet der Vorwurf auf fahrlässige Tötung. Das Strafmaß liegt zwischen zwei Jahren und – im besonders schweren Fall – 22 Jahren. Dem Anwalt der Böceks ist das nicht genug. Yaşar Balcı ist überzeugt, dass die Pestizidfirma DSS bewusst den Tod der Familie in Kauf genommen habe. Das Unternehmen sei vorher schon in schwere Zwischenfälle verwickelt gewesen, sagt der Anwalt im Gespräch mit der F.A.Z. Im Jahr 2022 sei ein Kind durch deren Schädlingsbekämpfung so schwer verletzt worden, dass es auf der Intensivstation behandelt werden musste. Im April 2025 sei dann bereits ein Kind gestorben. Weil der Bericht des Sachverständigen noch immer nicht vorliege, sei DSS in dem Fall noch nicht belangt worden. Nur deshalb habe die Firma im November vom Harbour Suites Old City Hotel beauftragt werden können, in dem die Böceks untergekommen waren. Deshalb drängt Balcı auf eine Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung – mit einer Mindeststrafe von 20 Jahren. Er fordert außerdem, dass auch die Ärzte belangt werden müssten, die die Familie Böcek nach einer ersten Untersuchung wieder zurück ins Hotel geschickt hatten, wohl weil sie eine Lebensmittelvergiftung vermuteten. Gegen sie ist bisher kein Verfahren eingeleitet worden.
Für den Anwalt Balcı ist dies kein gewöhnlicher Prozess. Seit der Kindheit war er mit Servet Böcek befreundet. So wie vorher schon ihre Mütter. „Wir wollen, dass dieser Fall zu einem warnenden Beispiel wird. Er soll als Abschreckung dienen und dazu führen, dass Gesetze, Vorschriften und Inspektionen verschärft werden“, sagt der Anwalt.
Die türkischen Aufsichtsbehörden haben nicht so genau hingeschaut
Am ersten Prozesstag im Saal des 30. Strafgerichts wird deutlich, dass die türkischen Aufsichtsbehörden nicht so genau hingeschaut haben. Der Rezeptionist an jenem Abend, ein Pakistaner namens Muhammad M., war illegal beschäftigt. In jener Nacht im November, in der zunächst die beiden Kinder ums Leben kamen, hatte er das Hotel für zwei Stunden verlassen und die Tür verriegelt. Die herbeigerufenen Sanitäter kamen zunächst nicht hinein. Der verzweifelte Vater versuchte vergeblich, sie aufzubrechen. Muhammad M. sagt, er sei essen gegangen und habe das wegen des Geruchs von Erbrochenem nicht im Hotel tun wollen.
Der Besitzer der Pestizidfirma, Zeki K., gibt zu, dass er weder eine Genehmigung für den Umgang mit Pestiziden habe noch etwas darüber wisse. Er komme aus der Bauindustrie. Die nötige Erfahrung habe sein Geschäftspartner gehabt, der die Firma inzwischen verlassen habe. Eine neue Genehmigung habe man zwar beschaffen wollen, doch dann sei Corona dazwischengekommen. Die Mitarbeiter hätten keine formelle Ausbildung, sie hätten sich den Umgang mit Schädlingsmitteln gegenseitig beigebracht, berichtet er nonchalant. Dabei ist Aluminiumphosphid hochgiftig und nur für den Einsatz in Kornspeichern und anderen menschenleeren Orten zugelassen. Die Abgabe ist im türkischen Recht streng geregelt. Doch in der Praxis ist das Mittel online leicht erhältlich.
Im Handelsregister war DSS als Reinigungsfirma geführt. Auf Google erschien sie jedoch als Erstes, wenn man nach einem Schädlingsbekämpfer in Istanbul suchte. Auf seiner Website schmückte sich DSS mit dem Logo des Zertifikats, das es nicht besaß. „Ihnen ist klar, dass das Betrug ist?“, fragt der Richter den Sohn des Firmenbesitzers, der mehr über DSS zu wissen scheint als sein Vater, aber dennoch jede Verantwortung von sich weist.
Der Hotelbesitzer Hakan O. betrieb das Hotel erst seit sechs Monaten. Vorher war er als Kellner beschäftigt. Man habe die Pestizidfirma nicht nach Zertifikaten gefragt, sondern sich auf die Bewertungen bei Google verlassen. Einige Nutzer sollen laut Balcı, dem Anwalt, gefragt haben, welches Mittel DSS denn verwende. Zur Antwort hieß es demnach auf der Seite: „Das ist unsere geheime Mischung, diese Frage beantworten wir nicht.“
Balcı geht davon aus, dass das Aluminiumphosphid, das sich durch Kontakt mit Feuchtigkeit in ein giftiges Gas verwandelt, durch Rohre in das darüberliegende Zimmer der Böceks gelangt ist, die durch eine Wandverkleidung verdeckt waren. Im Gegensatz zu den Türen, Fenstern und dem Lüftungsschacht sei die Verkleidung aber nicht abgeklebt worden. In scharfem Ton fragt er den Hotelbesitzer danach, doch der will davon nichts wissen.
Ungewöhnlich schnell haben die türkischen Justizbehörden das Gerichtsverfahren eingeleitet, weniger als sechs Monate nach dem Tod der Böceks. Dazu habe die Berichterstattung deutscher Medien und die deutsche Staatsbürgerschaft der verstorbenen Kinder beigetragen, meint Balcı. In vergleichbaren Fällen dauern die Verfahren Jahre.
