Zum Auftakt des Gerichtsverfahrens um den Tod einer Familie aus Hamburg in der Türkei haben sich die Angeklagten gegenseitig beschuldigt. Im vergangenen November waren die vier Familienmitglieder im Urlaub aufgrund einer Vergiftung durch ein im Hotel verwendetes Insektizid gestorben. Unter den sechs Angeklagten sind der Besitzer des Hotels und
der Chef einer Schädlingsbekämpfungsfirma. Die Staatsanwaltschaft wirft
ihnen »bewusste fahrlässige Tötung« vor und fordert bis zu 22 Jahre
Haft.
Die vom Hotel-Chef beauftragte Firma zur Schädlingsbekämpfung hatte keine gültige Zertifizierung und war als Reinigungsfirma registriert gewesen. Der Hotelbetreiber sagte, dass er nicht in der Pflicht gewesen sei, die gültigen Zertifikate der beauftragten Firma zu recherchieren. Er habe seine Mitarbeiter angewiesen, niemanden in das behandelte Zimmer einzuchecken. Über die Beschaffenheit und Risiken der Lüftungsschächte, über die das Insektizid in das Zimmer der Familie kam, des Hotels habe er nichts gewusst.
Die Familie aus Hamburg war während ihres Urlaubs in Istanbul zunächst mit dem Verdacht einer Lebensmittelvergiftung ins
Krankenhaus gekommen. Zuerst starben die 27-jährige Mutter und die
Kinder im Alter von drei und fünf Jahren, nach mehreren Tagen auf der
Intensivstation dann auch der 38 Jahre alte Vater. Ein Gutachten
stellte später eine Vergiftung durch den schädlichen Stoff Aluminiumphosphid fest. Dieser wird als Insektizid verwendet.
Unsachgemäße Anwendung von Pestiziden auch andernorts in der Türkei
Der angeklagte Mitarbeiter, der die Behandlung durchgeführt hatte, bestreitet die Verwendung von Aluminiumphosphit. Hätte er gewusst, dass die genutzten Mittel giftig seien, hätte er sie nicht verwendet, sagte er vor Gericht. Der ebenfalls vor Gericht stehende Sohn des Inhabers der Schädlingsbekämpfungsfirma sagte, dass niemand je nach einem Zertifikat gefragt habe.
Die Angehörigen der Familie, die beim Prozessauftakt vor Ort waren, forderten die höchstmögliche Strafe für die Angeklagten. Diesen warf der Bruder des gestorbenen 38-Jährigen vor, sich mit Ausreden retten zu wollen.
Der unerlaubte Einsatz von Chemikalien, fehlende Kontrollen in der Branche und mangelnde Ausbildung der Arbeiter sind ein Problem, das nicht nur auf diesen Fall begrenzt ist. Wie andere Fälle zeigen, führte der nicht sachgemäße Umgang mit Schädlingsbekämpfungsmitteln auch andernorts in der Türkei bereits zu schweren Erkrankungen und Todesfällen.
