Wolfgang Fleischer, lange Zeit eine Art Sekretär Heimito von Doderers, berichtet in seiner Biographie über eine Begegnung Doderers mit Theodor W. Adorno. Sie fand am 12. April 1957 statt, laut Fleischer auf Wunsch Adornos, der sich damals zu Vorträgen in Wien aufhielt. Die beiden trafen sich im Hotel Sacher. Doderers Notizbuch notiert für „1h15 Essen bei Sacher | m. Adorno | 3h Café Sacher“. Über die Themen des Gesprächs hat Doderer nichts festgehalten. Auch Fleischer gegenüber hat er nichts über sie mitgeteilt. Dass das an den „so grundlegend verschiedenen Ansichten der beiden Herren“ lag, ist freilich vom Biographen extrapoliert, und es ist erlaubt, Zweifel zu hegen. Doderer hat Fleischer gegenüber nur „fast merowingerisch“ (Fleischer bezieht sich auf Doderers 1962 publizierten Roman „Die Merowinger“) über die große Verlockung berichtet, „Adorno mit der flachen Hand auf die Glatze zu klatschen: er sei überzeugt gewesen, es würde – wie bei einem Bovist – ein Wölkchen Staub aufpuffen“.
Den Biographen Adornos ist das Treffen im Hotel Sacher nicht der Analyse wert gewesen, aber es hatte Nachwirkungen. Adorno übersandte – kaum nach Frankfurt zurückgekehrt – Doderer die von ihm eingeleitete und mitherausgegebene zweibändige Ausgabe der „Schriften“ Walter Benjamins mit einer Widmung, die über das Förmliche hinausging: „Für | Heimito von Doderer | als Zeichen | der herzlichsten Verehrung | Theodor W. Adorno | Frankfurt, 23. April 1957“. Diese Ausgabe der „Schriften“ befindet sich heute im Besitz von Heribert Tenschert.
Verwandtschaftsverbindungen hinter dem Buchgeschenk
Aus dem Geschenk selbst lässt sich schließen, dass Adorno im Gespräch im Hotel Sacher wohl Gedanken zu Benjamin zur Sprache brachte und Doderer darauf mit Interesse reagierte. Immerhin lag die Publikation der Benjamin’schen „Schriften“ 1957 bereits zwei Jahre zurück, und es war auch nur die Einleitung, die von Adorno stammte. Doderer wird gewusst haben, dass die Mitherausgeberin Gretel Adorno mit Marie-Louise von Motesiczky und Karl Motesiczky verwandt war. Karl, genannt Mote, hatte in den Zwanzigern Lesungen in Heidelberg und Mannheim für Doderer organisiert und ihn auch finanziell unterstützt.
Dass Doderer die beiden Bücher nicht gleich ins Regal stellte, belegt der ausführlichere Antwortbrief an Adorno vom 20. Mai 1957 im Theodor W. Adorno Archiv. Doderer schreibt dort dem „sehr verehrte[n] liebe[n] Herr[n] Professor!“: „Das war lieb von Ihnen, mir die von Ihnen herausgegebenen Schriften Walter Benjamins zu senden und zu widmen. Bisher blieb mir dieser Autor unbekannt, doch will er, wie es in Ihrer Einleitung P XV heisst: – ‚nicht durchs Denken Intentionen nachzeichnen, sondern sie aufknacken und ins Intentionslose stossen, wo nicht gar, in einer Art von Sisyphusarbeit, das Intentionslose selbst enträtseln‘, so fängt er mich damit sogleich ein. Ebenso mit dem von Ihnen zitierten Ausspruch: ‚ … er brauche eine gehörige Portion Dummheit, um einen anständigen Gedanken denken zu können.‘“

Doderer fährt fort – und hier scheint das Gespräch im Hotel Sacher nachzuwirken – „Was für merkwürdige Käuze doch in unserer Zeit den ‚historischen Materialismus‘ so mitnehmen zu müssen meinten: über Stock und Stein eines furchtbaren Schicksals. Doch solche, die aus der Mitte, aus der Religiosität, aus dem Geheimnis, wie Sie es nennen, leben und schreiben, bringen alles unter und verlieren sich an nichts.“ Der materialistischen Grundierung des Adorno’schen und des späten Benjamin’schen Denkens gibt Doderer einen theologischen Akzent, und er benennt – bewusst oder unbewusst – zugleich die Konfliktzone, die noch zu Lebzeiten Benjamins die Auseinandersetzung zwischen den beiden prägte. Den Superlativ in Adornos Widmung verdoppelt Doderer in der Schlusswendung: „Dem Herausgeber und Spender herzlichsten Dank und höchsten Respekt.“ Er verbleibt als Adornos „sehr ergebener“ Heimito von Doderer.
„Die Strudlhofstiege“ in der Auflage von 1958
In Adornos Bibliothek finden sich vier Bücher Doderers, „Die Strudlhofstiege“ (1951), „Die Dämonen“ (1956), „Die Posaunen von Jericho“ (1958) und „Die Peinigung der Lederbeutelchen“ (1959). „Die Strudlhofstiege“ – Adornos Auflage (19.–21. Tausend) war 1958 auf den Markt gekommen – ist dabei die einzige Publikation Doderers, die von Adorno mit einem Besitzvermerk, Anstreichungen und Bemerkungen versehen wurde.
Die Anstreichungen betreffen offenbar Stellen, die Adorno anrührten. Durchweg affirmativ sind die vereinzelten Annotationen am Rande. Der Kommentar des Erzählers zur Situation Melzers: „Und so mußte er denn jene Augenblicke leiden, die niemand erspart bleiben, der eigentlich gelebt hat: die tiefe Angst nämlich, nicht eigentlich gelebt zu haben.“ (Seite 96) wird nicht nur angestrichen, sondern durch ein emphatisches „großartig“ hervorgehoben (so auch bei Stellen auf den Seiten 184 und 221). Gleich dreimal angestrichen und ebenfalls mit einem „großartig“ versehen, findet sich eine Stelle, die Adorno wahrscheinlich direkt auf sich bezog: „Nicht eigentlich wohlhabend, verfügte er so unter den jungen Leuten am meisten über Geld, auf jeden Fall über weit mehr wie die Söhne der reichen und großen Häuser, die ja nie welches kriegen.“ (Seite 229 f.). Es gibt auch Passagen, die Adorno „sehr schön“ (Seite 180 und 239) nennt. Besonders beeindruckte ihn ein Passus, in dem ein Schlüsselwort Doderers begegnet. Die Rede ist vom „Sich-Einlassen“: „Leben besteht darin, daß man sich einläßt: sich selbst hineinläßt. Niemand kann das äußere Leben ausschließlich einer Maske in Auftrag geben und dahinter integral bei sich selbst bleiben.“ Den letzten Satz begleiten drei energische Randstriche.

Wahrscheinlich war die intensive Lektüre der „Strudlhofstiege“ eine Nachwirkung des Wiener Treffens, wobei Adorno anscheinend sowohl die Länge als auch die Dichte von Doderers Text unterschätzte. Mit Seite 320 brechen die Anstreichungen ab. Missfallen kann, wie die Marginalien zeigen, schwerlich der Grund gewesen sein – vielleicht verhinderte die weitere Lektüre der Zeitdruck, unter dem Adornos publizistische Aktivitäten standen. Aus einer Anfrage Friedrich Torbergs, den Adorno in Wien offenbar ebenfalls getroffen hatte, geht aber hervor, dass er noch während seines Wien-Aufenthaltes um einen Artikel über Doderer für die von Torberg geleitete Zeitschrift „Forum“ gebeten worden war und diesen zugesagt hatte.
Die „Dämonen“ fordern sehr viel Zeit
Torberg hatte am 24. April 1957 um eine zeitliche Konkretisierung gebeten: „Es wäre natürlich ein ganz besonders schöner Zug von Ihnen, wenn Sie die erbetene Auskunft gleich auch mit der Mitteilung verbänden, wann ich Ihr Manuskript über Doderer bekomme.“ Adornos vertröstende Antwort erfolgte postwendend am 26. April 1957. Aus ihr lässt sich schließen, dass es sich bei dem erbetenen Text um einen Essay zu den „Dämonen“ gehandelt haben muss: „Ich möchte […] erst den Aufsatz über die ‚Wiener Schule und Europa‘ schreiben und Ihnen geben, und wenn ich Glück habe, gelingt es mir in der nächsten Woche. An Doderer ist vor Herbst nicht zu denken, vor allem deshalb, weil ja die Lektüre der ‚Dämonen‘ sehr viel Zeit voraussetzt; und erst wenn ich damit durch bin, kann ich entscheiden, ob ich diese mich sehr lockende, aber höchst verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen kann.“ Auch den Aufsatz zur Wiener Schule scheint Adorno aber nicht geliefert zu haben, und Torberg druckte in der Mai-Nummer behelfsweise Auszüge aus Adornos 1956 erschienenen „Dissonanzen“.
Nach all dem verblüfft, dass in Adornos „Gesammelten Schriften“ – fast 11.000 Seiten – der Name Doderer nicht vorkommt. Auch in den aus dem Nachlass edierten Vorlesungen zur Ästhetik taucht er nicht auf. Ebenso fehlt er in den bis dato edierten Briefwechseln – mit einer einzigen, allerdings hochsymbolischen, Ausnahme. In einem der letzten Briefe an Siegfried Kracauer, einem Begleitbrief zu Büchersendungen vom 28. September 1966 – Kracauer starb am 26. November, Doderer am 23. Dezember des Jahres – kommentierte Adorno die Übersendung seines ersten theoretischen Hauptwerks, der „Metakritik der Erkenntnistheorie“, „von der ich mir gar nicht vorstellen kann, daß ich sie Dir wirklich nicht sogleich beim Erscheinen geschickt habe; es muß da ein idiotischer Irrtum passiert sein. Das Buch ist, mit Doderer zu reden, als ‚Rampe‘ zur ‚Negativen Dialektik‘ zu verstehen, und ich wäre darum besonders froh, wenn Du es genau lesen wolltest; von mir aus gesehen, gehört es zu den belastetesten Dingen, die ich überhaupt geschrieben habe.“
Ein intellektuelles Bekenntnis zu Doderer
Dieser singuläre Nebensatz verweist auf einen vielzitierten, vom Biederstein Verlag in Verlagsprospekten verbreiteten Selbstkommentar Doderers, der mit einem Wortspiel seinen Roman „Die Strudlhofstiege“ die „Rampe“ zu seinem Roman „Die Dämonen“ nannte. Adorno setzt das Verhältnis der beiden dichterischen Hauptwerke Doderers in Analogie zur Relation seiner beiden eigenen theoretischen chefs-d’œuvre. Man kann das drehen und wenden, wie man will, es bleibt ein intellektuelles Bekenntnis zu Doderer, ausgesprochen gegenüber seinem ältesten philosophischen Freund.
Wahrscheinlich hat Adorno die Metapher der „Rampe“ dem am 5. September 1966 in der F.A.Z. erschienenen Artikel Hilde Spiels zu Doderers siebzigstem Geburtstag („Ein Fenster auf Österreich“) entnommen. Dreimal wird sie von ihr herangezogen. „1951 erscheint ‚Die Strudlhofstiege‘, in seinem Gesamtkonzept eine Rampe, die zu dem mächtigen Bau der ‚Dämonen‘ führt. Keine geringe Rampe – 909 Seiten starker und eigenwilliger Prosa, von trotzigen Austriazismen durchsetzt, metaphorisch von zwingender Kraft.“ Und wenig später: „Der Einbruch der ‚zweiten Wirklichkeit‘ ereignet sich auch im individuellen Bereich. Bei Dutzenden Figuren, zum Teil schon von jener ‚Rampe‘ her bekannt, wird der Hang zur Hybris geschildert. Ein einzig Reiner befindet sich unter ihnen, Leonhard, der Fabrikarbeiter, dessen Weg zur Befreiung aus der Masse führt.“ Adorno memoriert Hilde Spiel.

Und es war Hilde Spiel – ihre Mutter hatte noch mit Doderer getanzt –, die mehr als alle anderen zur Ehrenrettung Doderers nach 1945 beigetragen hatte. Seine Parteimitgliedschaft konnte nicht so einfach durch seine Distanzierungen von 1938 an, den Eintritt in die katholische Kirche und einen (abgelehnten) Ausreiseantrag in die Vereinigten Staaten überschrieben werden. Hilde Spiels Rezensionen und mündliche Stellungnahmen allerdings scheinen das auf so grundlegende Weise vermocht zu haben, dass etwa auch Paul Celan das Gespräch mit ihm suchte und in Verlagsangelegenheiten seine Hilfe erbat. Das Ausweichen Adornos vor jeder Gelegenheit, sich öffentlich mit Doderer zu beschäftigen – Ausdruck von Selbstzensur – ist sprechend, ein argumentum e silentio: Adorno schützte einen Rückzugsort, eine Möglichkeit der Regression. Der Nabel war das Wien Mitte der Zwanzigerjahre, in dem er bei Alban Berg und Eduard Steuermann studiert hatte und in dem auch der größte Teil der „Strudlhofstiege“ und der „Dämonen“ spielt. Das kindliche Versinken im Lesen ermöglichte die neuerliche Rückbindung. Ein bislang ungedrucktes Zeugnis hierauf hat sich im Theodor W. Adorno Archiv erhalten.
Es ist ein Brief an Laura Vossler, die Tochter des Romanisten Karl Vossler und Schwester des Historikers Otto Vossler, der als Dekan der Frankfurter philosophischen Fakultät 1949 den Brief geschrieben hatte, mit dem Adorno gebeten wurde, seine Lehrtätigkeit in Frankfurt wiederaufzunehmen. Das Schreiben vom 24. Februar 1959 an die „Schönste Laura“ meldet die Erholung von einer schweren „Grippe mit Lungenaffektion und irrsinnig hohem Fieber“. Adorno fährt dann fort: „Nun widme ich mich der Rekonvaleszenz, mit jener Mischung aus geistiger Erregung und Trottelei, aus Müdigkeit und Lebenshunger, die einem zwar, wenn man Distanz genug hat, sie zu beobachten, recht lächerlich vorkommt, zu der man aber doch vielleicht in einer solchen Situation einigermaßen legitimiert ist. Es ist jene Situation, die einem etwas von dem Kinderglück des Lesens wiederschenkt, des Vergrabens in vielhundert- oder tausendseitige Romane. Daß es dabei um den Doderer sich handelt, ist wohl kaum nötig hinzuzufügen.“ Das „oder“ hält „Die Strudlhofstiege“ (908 Seiten) und „Die Dämonen“ (1344 Seiten) auseinander.
