Plié, Tendu, kleine Sprünge, große Sprünge: Die Routinen im klassischen Ballett reichen bis ins 17. Jahrhundert. Tägliches technisches Training ermöglicht erst die abendlichen Höchstleistungen auf der Bühne. Was aber unterscheidet Tänzer von Hochleistungssportlern? Was sind die besonderen Herausforderungen dieses Berufs? Und vor allem: Wo liegen die Risiken für Verletzungen und Verschleiß im täglichen Arbeitspensum? Gerade einmal zehn Prozent des täglichen Trainings eines Bühnentänzers bringen weder ein mittleres noch ein erhöhtes Verletzungsrisiko mit sich. Das ist eines der Ergebnisse, die nun eine Studie der Goethe-Universität zu den körperlichen Belastungen im Tanzberuf erbracht hat. Erstmals ist systematisch erfasst worden, wo die Gefahren besonders hoch sind.
Eileen Wanke, Professorin im Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Goethe-Universität, leitete die Studie, an der das Deutsche Tanzfilminstitut Bremen sowie die Unfallkassen Nordrhein-Westfalen, Hessen und Niedersachsen beteiligt waren. Erstmals hat die Ärztin dabei eine neue Methode mit einem bewährten System verbunden. In der Regel werden für arbeitsmedizinische Untersuchungen typische Bewegungsabläufe gefilmt und von Beobachtern analysiert. Die Studie, die Wanke zusammen mit dem österreichischen Physiker und Biomechaniker Christian Maurer-Grubinger konzipiert hat, geht noch weiter: Die Datenerfassung lief über ein Programm, das speziell für das Vorhaben entwickelt wurde.
Die 16 Tänzerinnen und zwölf Tänzer des Oldenburger Staatstheaters sowie des Theaters Kiel trugen während des üblichen, 90 Minuten dauernden Trainings Spezialanzüge mit eingebetteten Sensoren. 240 Mal je Sekunde können diese Sensoren die Beschleunigung und die Position von Rumpf, Kopf, Armen, Beinen, Händen und Füßen der Tänzer genau erfassen. Diese Daten werden an ein Auswertungsprogramm gesendet. Gleichzeitig aber haben Wanke und ihre Kollegen auch traditionell beobachtet, haben das Training im Ballettsaal gefilmt und fotografiert. Das hat nicht nur einer zusätzlichen analogen Analyse gedient: Gleich zwei filmische Dokumentationen, eine Lang- und eine Kurzfassung, sind entstanden, die auf Youtube abgerufen werden können.
Erstmals gelingt eine genaue Auswertung von Tanz
So konnte erstmals das gesamte klassische Training mit Blick auf Verschleiß und Verletzungen ausgewertet werden. Denn auf jeden Tänzerkörper wirken während des Trainings, das doch nur den Beginn des Arbeitstags darstellt, bis zu 50 Tonnen Bodenreaktionskräfte. Die telematische Erfassung ist für die Auswertung mit einem in der Arbeitsmedizin üblichen Punkteverfahren gekoppelt worden. Je stärker Gelenke, Muskeln, Bänder und Sehnen beansprucht werden, desto höher fällt dieses Punktekonto aus, das als „Rapid Entire Body Assessment“ (REBA) den gesamten Körper erfasst. Der „REBA-Score“ wird farbig dargestellt – von grün für „wenig belastend“ bis rot für „stark belastend“. Das Ergebnis: Mehr als 60 Prozent der Trainingszeit arbeiten Tänzer mit einem mittleren und 30 Prozent der Zeit mit einem hohen Verletzungsrisiko.
Die Methoden zu koppeln, hat Wanke schon lange vorgehabt. Das Verfahren könne auch für andere Berufe angewendet werden, sofern die Anzüge zu den dort üblichen Arbeitsabläufen passten, so Wanke. Denn das Institut der Frankfurter Universität ist nicht allein auf Tanz oder Sport ausgerichtet. Beides allerdings ist Wankes Spezialdisziplin. 1988 kam sie das erste Mal in Kontakt mit Tanzmedizin. Von der plastischen Chirurgin und Handchirurgin hat sich Wanke zur Sport- und später noch Arbeitsmedizinerin weiterqualifiziert. Lange Jahre ist sie leitende Ärztin des deutschen Karateverbandes und der Nationalmannschaft gewesen.
Doch der Tanz ist sowohl in der Medizin als auch privat ihre Leidenschaft. Sie tanzt schon ihr ganzes Leben lang, ist auch aufgetreten, und bis heute trainiert sie an ihrem Wohnort in Bremen zusammen mit Profis, sooft sie kann, manchmal täglich. „Das beste Krafttraining“ sei das klassische Ballett-Training, so Wanke. Schon als junge Medizinerin fand sie einen Doktorvater, der jemanden mit Sinn für Tanz suchte: 1996 resultierte daraus ihre Dissertation „Leistungsprofil im klassischen Tanz – eine experimentelle Studie an einem professionellen Ballettensemble“.
Das Thema hat sie nie wieder losgelassen, von einer künstlermedizinischen Sprechstunde bis zu einer Bodenuntersuchung an den öffentlichen Theatern reichten ihre Projekte. „90 Prozent der Studios sind immerhin in Ordnung, aber nicht alle Arbeitsbereiche sind mit Schwingböden ausgestattet“, so der Befund. Und selbst die für den Körper besseren Schwingböden haben keine Normierung, allenfalls Vorgaben, die sich an Sporthallen orientieren – und an schwereren Sportlerkörpern mit Turnschuhen. Früh hat Wanke, als sie in Berlin an der Charité tätig war, die Geschichte der Tanz- und Künstlermedizin der DDR kennengelernt. Das dort in den Sechziger- und Siebzigerjahren gesammelte Wissen hat eine Reihe an Literatur hervorgebracht, die Wanke begeistert. In Westdeutschland war das Wissen aber nicht angekommen.

Zum Jahresende 2025 sind aus den Ergebnissen der Trainingsauswertung die „Grundsätze der Prävention im professionellen Bühnentanz“ entstanden. Herausgegeben hat den „Leitfaden zum Arbeits- und Gesundheitsschutz“ die Unfallkasse Nordrhein-Westfalen. In vielen Berufsfeldern seien solche Grundsätze längst veröffentlicht worden, so Wanke. Für den Bühnentanz ist ihre Publikation ein erster Schritt. Denn aus ihnen leitet sich die Empfehlung eines Vorsorgeangebots für Arbeitnehmer ab, von dem sich Wanke Veränderungen erhofft. In der Arbeitsmedizin wird zwischen Pflicht-, Angebots- und Wunschvorsorge unterschieden. Erstmals ist in die Grundsätze für den Bühnentanz nun eine Angebotsvorsorge eingeschlossen. Diese muss der Arbeitgeber offerieren, der Arbeitnehmer wiederum ist nicht verpflichtet, sie anzunehmen.
Die Broschüre mit den Grundsätzen geht allerdings weit über die Ergebnisse aus den von Wanke und ihrem Team angestellten Bewegungsstudien hinaus. Allgemeine Regeln zum Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, aber auch weitere von Wanke erarbeitete Erkenntnisse zu Ausbildung, Ernährung, körperlicher Eignung und Prävention stecken in der eng gedruckten 150 Seiten starken Handreichung. Aus gutem Grund: Es habe sich viel verändert in der Arbeitsmedizin, sagt Wanke. So müssen Arbeitnehmer, die einen Antrag auf Anerkennung einer Berufskrankheit stellen, nicht mehr wie früher verpflichtend die schädigende Tätigkeit unterlassen. Auch Tänzer könnten also, mit Einschränkungen, heute weiter in ihrem Beruf arbeiten. Aber der Antrag ist komplex und auf Deutsch, viele der Tänzer, die oft nur Englisch sprechen, füllen ihn nicht aus.
Wanke weiß aber auch, dass Tänzer Schmerzen oft als Teil ihres Berufs empfinden. Sie hat einen Schmerz-Fragebogen entwickelt, der evaluiert worden ist. Ergebnis: Rund 80 Prozent der Tänzer haben Schmerzen. Ohne Leidenschaft kann der künstlerische Beruf nicht ausgeübt werden. Im Wort „Leidenschaft“ allerdings liegt auch das Leid. Oft ist die Rede von „gutem Schmerz“, den man aushalten müsse, um weiterzukommen, mehr und besser tanzen zu können. 25 Prozent der Profitänzer etwa haben schon mit Ende 20 mindestens eine Arthrose. In der Allgemeinbevölkerung liegt diese Zahl deutlich unter fünf Prozent. Dieser Gelenkverschleiß ist nicht das einzige große Gesundheitsproblem bei Tänzern – aber noch gibt es keine anerkannte spezifische Berufserkrankung, während etwa das „Fußballerknie“ mittlerweile eine ist.
Als weitere typische Gesundheitsbelastung nennt Wanke den notorischen Vitamin-D-Mangel bei Tänzern, die sehr oft Tage und Nächte in Räumen ohne Tageslicht arbeiten. Ihre jetzigen Auswertungen legen überdies nahe, das Training und das Erarbeiten von Choreographien anders zu betrachten. Mit Rücksicht auf Geschlecht und Alter, Ausbildung und den körperlichen Zustand. Und warum nicht auch einzelne Bewegungselemente an andere Stellen setzen als an die, an denen sie seit Jahrhunderten stehen? Man könnte schwierige Kombinationen vorziehen, denn wenn die großen Sprünge am Ende des Trainings absolviert werden, ist der Körper schon ermüdet und die Konzentration schwächer. Wanke hat das selbst ausprobiert, mit gutem Erfolg. Und nun will sie weiter forschen.
