Der in einer flachen Bucht der Ostsee-Insel Poel gestrandete Buckelwal hat sich am Abend in Richtung Fahrrinne bewegt, ist in der Dämmerung dann aber wieder zur Ruhe gekommen. Dies war in Livestreams von Medien zu sehen. Die Helfer hoffen indes weiter, dass er es bis ins tiefe Wasser schafft und dann den Weg aus der Bucht herausfindet.
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) entschied sich, die Nacht vor Ort auf einem Fischereiaufsichtsboot zu verbringen. Er wolle mit einem Nachtsichtgerät beobachten, was weiter passiere, sagte er. An Schlaf werde nicht zu denken sein, aber er sei hart im Nehmen. Er habe in den vergangenen Wochen überhaupt wenig geschlafen.
Wettlauf gegen die Zeit
Bereits seit rund drei Wochen ist der zwölf Meter lange Buckelwal in der Kirchsee-Bucht. Nachdem er tagelang im bauchtiefen Wasser festlag, schwamm er am Morgen plötzlich los. Nach zwei Stunden blieb er jedoch am Ausgang der Bucht wieder im flachen Wasser liegen, unweit der Fahrrinne.
Mit eigenen Bewegungen gelangte er am Abend bis auf einige Meter an die Fahrrinne heran. Helfer hatten zuvor Schlick unter dem Tier weggeblasen, um ihm den Start zu erleichtern. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: In der Nacht soll der Wasserstand sinken.
Unterdessen erkrankte die Tierärztin der privaten Rettungsinitiative, Janine Bahr-van Gemmert, wie Backhaus bestätigte. Sie wurde demnach ins Krankenhaus gebracht.
Boote sollen Wal in richtige Richtung lenken
Der Plan des von einer privaten Initiative beauftragten Tauchunternehmers Fred Babbel sieht vor, den Buckelwal aus dem Kirchsee in die Wismarbucht und von dort Richtung offenes Meer zu leiten. Boote sollen ihm demnach den Weg nach Osten, in Richtung Wismar, versperren.
Der Wal habe sich nach dem Start am Morgen unnatürlich bewegt, sagte der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter. Grund dafür könne zwar die geringe Wassertiefe gewesen sein. „Es kann aber auch daran gelegen haben, dass er Schmerzen hat oder eine Verletzung und auch daran, dass er eben 20 Tage lang lag. Das macht was mit den Muskeln, das macht was mit dem Organismus.»
Auf Livestreams war zu sehen, wie der Wal nahe von Fahrwassertonnen wieder auf Grund liegt. Er liege nach vorliegenden Erkenntnissen nicht vollständig auf, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) am frühen Mittag. „Er könnte nach links ohne weiteres ausweichen, um dann in tiefes Fahrwasser zu kommen, um ihn dann aus dem Kirchsee herauszuführen.“
Absinken des Wasserstandes könnte schlimme Folgen haben
„Es ist ein Nadelöhr, durch das er durch muss“, sagte Unternehmerin Karin Walter-Mommert, die den privaten Bergungsversuch mitfinanziert. Das Wasser außerhalb der Fahrrinne ist im Kirchsee vielerorts nur hüfttief. Backhaus sagte, man gehe davon aus, dass der Wal sich ausruhe und sich dann wieder aufmache.
Allerdings drängt die Zeit: Der Wasserstand in der Lübecker Bucht sollte ab Montagmittag bis Dienstag wieder sinken. Dem Meeresbiologen Boris Culik zufolge kann das für den rund zwölf Tonnen schweren Wal schlimme Folgen haben: „Wenn er jetzt gemütlich mit dem Bauch auf einer Sandbank liegt und oben guckt das Blasloch raus, alles gut. Aber wenn dann 50 Zentimeter weniger Wasser da sind, dann entwickelt er ein unheimliches Gewicht, das dann auf seinen inneren Organen lastet. Er hat ein ganz schwaches Skelett im Vergleich zu uns.“ Es werde höchste Zeit, ihn von der Stelle wegzubugsieren.
Laut Culik könnte der Wal gezielt immer wieder flache Stellen angesteuert haben: Ein geschwächter Wal könne durchaus auch gewollt stranden, wenn ihm dies das Atmen erleichtere. „Dass er in der Ostsee eine Sandbank aufsucht, um sich zu erholen, kann man sich schon vorstellen“, sagte er. Das Tier war seit März bereits viermal an verschiedenen Stellen gestrandet, teils nur einige Stunden lang, zuletzt vor Poel rund drei Wochen.

„Es ist nicht möglich, diesen Wal aktiv zu retten“
Walforscher Ritter plädierte dafür, das Tier nun wirklich in Frieden zu lassen. „Dieser Wal macht, was er will. Er ist nicht zu kontrollieren und wir müssen jetzt endgültig einsehen, dass es für uns nicht möglich ist, diesen Wal aktiv zu retten“, sagte der Meeresbiologe. „Wir sollten ihm im Moment nur den größten Gefallen tun, indem wir ihn sein lassen.“ Entweder finde er wieder zu Kräften und die Schädigungen seien nicht so groß, so dass er ohne Zutun den erneuten Aufbruch schaffe. „Oder er ist halt auf dem Weg zu seinem Lebensende. Das müssen wir einfach jetzt akzeptieren.“
Auch Ritter geht davon aus, dass der Wal die ruhende Position im flachen Wasser immer wieder einnimmt, „weil er sich das Leben erleichtern will“. „Er liegt im Wasser, das trägt ihn, das heißt, er erdrückt sich nicht mit seinem eigenen Gewicht. Er muss nicht dafür sorgen, dass er an die Oberfläche kommt. Er braucht sich nicht bewegen, wenn er Schmerzen hat. Und er kann atmen, die ganze Zeit.“

Wal soll noch besendert werden
Sollte sich die Gelegenheit bieten, soll der Wal nach Angaben aus dem Schweriner Umweltministerium noch mit einem Sender versehen werden. Damit ließe sich der Standort auch noch erkennen, sollte der Wal später in tieferem Gewässer abtauchen.
Das Fahrwasser im Kirchsee ist nach Aussage eines Sprechers des Ministeriums etwa zweieinhalb bis drei Meter tief. Ansonsten sei die Bucht etwa zwischen 90 und 110 Zentimeter tief. Deutlich tiefer ist seinen Angaben nach das Fahrwasser der sich anschließenden Wismarbucht mit mehr als neun Metern. Doch auch dann ist der Wal noch nicht wieder in seinem natürlichen Lebensraum: Der Wal müsste wieder zurück in die Nordsee und dann weiter in den Atlantik gelangen.
Eigentlicher Rettungsplan nicht durchführbar
Der morgendliche Aufbruch des Wals durchkreuzte die eigentlichen Pläne der privaten Initiative. Vorgesehen war, dass unter den Wal eine zwischen Pontons – schwimmenden Plattformen – befestigte Plane geführt wird. Damit sollte er aus dem flachen Bereich geborgen und Richtung Nordsee gebracht werden. Die Pontons sollten dazu von einem Schlepper gezogen werden. Die Netzplane für das Tier war nach Behördenangaben bereits im Wasser.
Falls der Wal – wie nun geschehen – wegen der steigenden Wasserstände losschwimmt, sollte nach Angaben der Initiative „Plan B“ greifen und das Tier von Booten geleitet werden.
Auch Plan B klappt nicht
Daher war nun am Montagmorgen von Booten aus versucht worden, den Wal auf Kurs Richtung offene Ostsee zu bringen, der aber wiederholt seine Richtung änderte. Es gab direkt Vermutungen von Wal-Beobachtern zum Hin- und Herschwimmen, dass das Tier so geschwächt sein könnte, dass es versucht, in Küstennähe zu bleiben. Eine andere Erklärungsmöglichkeit wäre demnach, dass der Wal so desorientiert ist, dass er den Weg zurück ins offene Meer nicht allein findet.
Wegen der neuen Position des Wals haben die Behörden die zum Schutz des Tieres eingerichtete Sperrzone derweil angepasst. Die aktualisierte Regelung gilt laut einer Mitteilung der Wasserschutzpolizei seit Montagnachmittag. Die Sperrzone war früheren Angaben zufolge eingerichtet worden, um dem großen Tier Ruhe zu geben.
Innerhalb eines Radius von 500 Metern dürfen demnach keine unbefugten Boote fahren oder sich unbefugte Menschen anderweitig auf dem Wasser aufhalten. Auch Drohnenüberflüge sind untersagt. Ausnahmen gelten etwa für Menschen, die für das Tier im Einsatz sind. Als Referenzposition gibt die Wasserschutzpolizei einen Punkt am Ausgang des Kirchsees in die Wismarbucht an, neben der dortigen Fahrrinne.
Erste Sichtungen bereits vor rund sieben Wochen
Erste Sichtungen des Wals hatte es Anfang März gegeben. Am 3. März tauchte der Buckelwal im Hafen von Wismar auf und lockt Schaulustige an die Kaikante. Gegen Abend schwamm er wieder Richtung Ostsee. In den Tagen darauf wurde er vor der Ostseeküste Schleswig-Holsteins sowie der Küste Mecklenburg-Vorpommerns gesehen. Das Tier hatte sich Experten zufolge wiederholt in Netzen verfangen. Einsatzkräfte und Meeresschützer der Organisation Sea Shepherd hatten es von einem Teil des Materials befreit.
Am 23. März war der Wal das erste Mal auf einer Sandbank vor Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht gestrandet. Umfangreiche Rettungsversuche begannen, das Tier schwamm schließlich selbst los. Wenige Tage später strandete es auf einer Sandbank in der Wismarbucht. Bei steigendem Wasserstand schwamm der Wal in der Nacht weiter, lag kurz darauf in der Wismarbucht wieder auf, schwamm erneut weiter. Seit 31. März saß er dann wieder fest, diesmal in der Kirchsee-Bucht. Die aktuelle Strandung im Zuge der morgendlichen Treibversuche ist nun die fünfte in Folge.
