
Es ist ein schwieriges Datum: Am 100. Geburtstag ihrer am längsten dienenden Repräsentantin will die britische Monarchie ihrer gedenken, doch der Tod Königin Elisabeths II. ist erst dreieinhalb Jahre her. Eine Feier, die einfach jene Persönlichkeit hochleben lässt, die sieben Jahrzehnte lang das Gesicht des Königshauses bildete, könnte als pietätlos empfunden werden; für eine historische Würdigung der Königin, die ihre Regierungsjahre aus der Vergangenheit zurückholt, ist es hingegen noch zu früh. Bislang ist nicht einmal das Denkmal fertiggestellt, das künftige Generationen der britischen Nation an die Monarchin erinnern soll, ja die Bauarbeiten im St. James’ Park, in Sichtweite des Buckingham-Palasts, haben noch gar nicht begonnen.
Es soll nicht bloß eine Statue der Königin aufgestellt werden, wie es in der britischen Hauptstadt seit Jahrhunderten Sitte ist: Königin Victoria thront auf einem Monument direkt gegenüber der Vorderfront des Palasts; die Eltern Elisabeths II., König Georg VI. und seine Frau Elisabeth, bewachen hingegen einen bescheidenen Treppenaufgang an der Nordseite der Mall, der Paradestraße, die den Park im Norden begrenzt.
Charles will am Dienstag den Entwurf der Statue begutachten
Die Erinnerung an die verstorbene Königin soll aus einer Art Gesamtkunstwerk geformt werden, das der preisgekrönte Architekt Sir Norman Foster entworfen hat. Es besteht aus neuen Anpflanzungen, aus einer steinernen Figur und einer geschwungenen metallenen Brücke über den Teich inmitten des Parks, die in ihrer Form eine Tiara nachahmen will – also jenen diamantenen Haarschmuck, der bei vielerlei festlichen Anlässen die Frisur der Königin zierte.
Ihr Sohn und Thronerbe will anlässlich des 100. Geburtstags am Dienstag mit seiner Frau Camilla den Entwurf des Erinnerungsmonuments begutachten, der gegenwärtig im Britischen Museum präsentiert wird. Außerdem würdigt König Charles III. das Jubiläum seiner Mutter mit einem Empfang im Buckingham-Palast und dem Besuch der Ausstellung „Queen Elizabeth II. – Her Life in Style“. Die Royal Collection, die den Kunstbesitz des Königshauses verwaltet, hat in ihrem Domizil gleich um die Ecke des Palasts eine Auswahl der 2400 Kleidungsstücke Elisabeths II., über die sie verfügte, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: ihr Brautkleid, Roben für Staatsbankette, Cocktailkleider, Kostüme, Hüte, Kopftücher, Tweedjacken.
Aus all dem formt sich der Eindruck, als ginge es bei diesem Geburtstagsgedenken nicht so sehr um das Wesen und Wirken der verstorbenen Königin, sondern um ihre Erscheinung. „Ich muss gesehen werden, damit man an mein Dasein glaubt“, hat die Königin einst gegenüber einer ihrer Biographinnen festgestellt. Doch ihre hinterlassenen Kleider und Hüte wirken hinter Glas ohne ihre Trägerin nicht länger elisabethanisch, sondern vor allem leblos: Mit leeren Hals- und Armöffnungen dokumentieren sie, dass die Aura der verstorbenen Königin nicht in ihren Gewändern steckte.
Die Königin pflegte stets eine sphinxhafte Unbestimmtheit
Freilich sollten mitunter auch die Kleider selbst Botschaften senden. Das galt vor allem für Staatsbesuche, bei denen die Monarchin im Auftrag ihrer Regierung die Beziehungen zu anderen Nationen zu pflegen und zu vertiefen hatte. Für die erste Staatsvisite in Paris entwarf der Haus-Couturier Norman Hartnell der Königin ein Kleid, das mit Mustern französischer Feldblumen bestickt war. In Kanada zierten Ahornblätter ihre Abendrobe, in Japan waren es Kirschblüten, und bei der ersten Visite der Monarchin in Irland 2011 – neun Jahrzehnte nach der Unabhängigkeit der irischen Republik – trug Elisabeth II. bei der Ankunft Grün und später ein weißes Abendkleid voller kleiner seidener Kleeblätter.
In dieser Weise lebt die Königin am Ende doch in ihren Kleidern weiter. Anders als ihr Nachfolger Charles, der in den Jahrzehnten seiner Wartezeit als Thronfolger zahlreiche gesellschafts- und umweltpolitische Engagements verfolgte, dabei Stellung nahm und Standpunkte bezog, pflegte die Königin in den sieben Jahrzehnten ihrer Regentschaft durchaus eine sphinxhafte Unbestimmtheit. Und während heute das frühere umweltpolitische Engagement des Königs noch so gut in Erinnerung ist, dass ihm jetzt kleine Anspielungen genügen, um der Nation seine Haltung zu demonstrieren, blieb seine Mutter, die schon im Alter von 27 Jahren Königin wurde, zeitlebens auf die kleinen Gesten beschränkt. 2017 trug sie zur feierlichen Parlamentseröffnung einen Hut, den blaue Sternblüten mit gelben Staubgefäßen zierten. Eine Anspielung auf die Europäische Fahne – und eine gezielte Kritik am kurz zuvor beschlossenen EU-Austritt?
Wahrscheinlich sei die Königin wie der Rest des Landes hin- und hergerissen gewesen zwischen Austritt und Verbleib, mutmaßte jüngst ihr Biograph Robert Hardman, der trotz vieler Zeitzeugenbefragungen – sogar der amerikanische Präsident Donald Trump zählte dazu – auch nicht zu wissen schien, was genau die Monarchin in dieser Angelegenheit nun dachte. Aber eine andere Überzeugung, die ihm Elisabeth II. verraten hatte, die teilte er mit seinen Lesern: „Wenn ich Beige tragen würde“, habe die Königin ihm einst verraten, „dann wüsste niemand, wer ich bin.“
