Auch in diesem Jahr plant das Museum für die Geschichte der polnischen Juden POLIN wieder die „Aktion Narzissen“. Zum Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto werden am 19. April ausgewählte Botschafterinnen und Botschafter gelbe Papiernarzissen in der Stadt verteilen und über die Ereignisse von 1943 informieren. Jede Blume trägt das Motto der Initiative: „Uns verbindet die Erinnerung“.
Die Wahl der Narzisse ist dabei von symbolischer Bedeutung. Jahr für Jahr bekam Marek Edelman, der letzte lebende Anführer des Aufstands, am 19. April einen Strauß Narzissen von einer anonymen Person geschenkt und legte diese am Denkmal für die Helden des Ghettos nieder. Das wurde zu einem stillen Ritual des Gedenkens.
In diesem Jahr jedoch steht die Aktion im Zentrum einer politischen Kontroverse. Ende März wurde bekannt, dass das POLIN-Museum den Autor und Reporter Mariusz Szczygieł als einen der Botschafter der „Aktion Narzissen“ ausgewählt hat. Szczygieł hat auf seinem Instagram-Account seit dem 7. Oktober 2023 der israelischen Regierung immer wieder Völkermord an den Palästinensern vorgeworfen. Seine Nominierung löste in den polnischen sozialen Medien eine Debatte aus, die bald auch außerhalb der digitalen Welt geführt wurde.

Für die einen besteht kein Widerspruch zwischen der Erinnerung an die jüdischen Opfer des Aufstands von 1943 und scharfer Kritik an der aktuellen Politik Israels – selbst dann nicht, wenn dabei der Genozidvorwurf erhoben wird. Für die anderen markiert genau dies eine Grenze, die nicht überschritten werden dürfe. Innerhalb weniger Tage unterzeichneten nahezu 600 Personen eine Petition gegen die Nominierung Szczygiełs, die am 31. März dem Museumsdirektor übergeben wurde.
Die Initiatorin der Petition, Beata Lewkowicz, argumentierte, die Entscheidung sei erinnerungspolitisch keineswegs neutral. Vielmehr signalisiere sie, welche Deutung eine staatliche Institution im Hinblick auf Israel und die Gegenwart jüdischen Lebens für legitim halte. Im Fall Szczygieł gehe es nicht um eine einzelne Äußerung, sondern um ein konsistentes Narrativ, in dem weder die Rolle der Hamas noch das Schicksal israelischer Opfer angemessen berücksichtigt werde. Der Genozidvorwurf könne zudem, zumindest mittelbar, auch antisemitische Ressentiments befördern.
Sympathie nur mit den toten Juden
Während die Debatte andauerte, wurde eine zweite, in die entgegengesetzte Richtung zielende Petition lanciert. Sie richtete sich an den Warschauer Stadtpräsidenten Rafał Trzaskowski und forderte, bei den Gedenkfeierlichkeiten auf das Hissen der israelischen Flagge zu verzichten – als Zeichen gegen die aktuelle israelische Politik im Gazastreifen, im Libanon und im Westjordanland.
Die Initiatoren, Adam Lipszyc und Maria Świetlik, untermauerten ihren Vorstoß mit Argumenten, die den historischen Befund deutlich verkürzen. Ihre Behauptung, die Aufständischen von 1943 hätten vornehmlich sozialistischen oder kommunistischen, nicht aber zionistischen Milieus angehört, und der Gedanke eines eigenen Staates sei bei den Aufständischen nicht nationalstaatlich geprägt gewesen, lässt wesentliche Tatsachen außer Acht.

Ebenso fragwürdig scheint die Forderung, die Deutungshoheit über den jüdischen Aufstand stärker polnischen Akteuren zu überlassen und das Gedenken unter Ausschluss Israels zu gestalten. Ähnlich wie bei der Einladung Szczygiełs durch das POLIN-Museum kann man darin den Versuch sehen, die historische Bedeutung des Aufstands politisch umzudeuten und gegenwartsbezogenen Konflikten unterzuordnen.
Die Kontroverse um die beiden Petitionen ist aus mindestens zwei Gründen bemerkenswert. Erstens zeigt sie mit ungewöhnlicher Deutlichkeit, dass Antisemitismus im zeitgenössischen Polen keineswegs nur ein Phänomen des rechtsextremen Randes ist. Dort tritt er zwar weiterhin offen zutage, wie in der symbolträchtigen Szene im Jahr 2023, als ein rechtsradikaler Abgeordneter im polnischen Parlament versuchte, die Lichter einer Chanukkia mit einem Feuerlöscher zu ersticken.
Zugleich gewinnt jedoch eine subtilere Form an Sichtbarkeit: jener Antisemitismus, den der erste nichtkommunistische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki bereits 1960 als den Antisemitismus der „gutmütigen und anständigen Menschen“ beschrieb. Er zeigt sich heute auch in Milieus, die sich selbst als aufgeklärt verstehen und – wie etwa Mariusz Szczygieł – bei jeder Gelegenheit ihre Sympathie für die jüdische Kultur betonen. Problematisch ist dabei, dass sich diese Sympathie vor allem auf vergangene jüdische Lebenswelten bezieht und die Figur des „toten Juden“ aus Literatur und Kunst den realen Juden in Israel vorzieht.
Neue Dimension der Universalisierung der Schoa
Zweitens fügt sich die Argumentation vor allem der zweiten Petition, aber indirekt auch des POLIN-Museums in die lange Geschichte der Universalisierung der Schoa ein. Zur Zeit des Sozialismus wurde diese Katastrophe in Ostmitteleuropa nicht als eine explizit jüdische, sondern als eine allgemeinmenschliche interpretiert, in der Polen ebenso wie Juden unter der nationalsozialistischen Herrschaft gelitten hätten.
Die Korrektur, die der Autor Henryk Grynberg 1994 an dem bekannten Motto aus Zofia Nałkowskas Erzählband „Medallions“ vornahm – nicht Menschen hätten Menschen dieses Schicksal bereitet, sondern Menschen den Juden –, verweist zwar auf neue Tendenzen der polnischen Erinnerungskultur nach 1989, die eine stärkere Sensibilisierung für das Leid der Juden erkennen lassen. Zuletzt versuchten jedoch Historiker, die mit dem Institut für Nationales Gedenken verbunden sind, erneut, die Deutung zu verschieben: Demnach hätten die Deutschen den Menschen die Katastrophe bereitet.
Im Kontext der aktuellen Debatten nimmt diese Universalisierung eine neue Dimension an. Weder das POLIN-Museum noch die Autoren der zweiten Petition stellen den spezifisch jüdischen Charakter des Aufstands infrage. Gleichwohl wird die Erinnerung in beiden Fällen primär in den Dienst einer allgemeinmenschlichen Mahnung des „Nie wieder“ gestellt – und damit aus ihrem konkreten historischen und politischen Zusammenhang gelöst. Insbesondere bleibt die jüdische Geschichte nach 1945 in der pauschalen Israelkritik weitgehend unberücksichtigt: die Erfahrung von Emigration und Staatsgründung, die sicherheitspolitischen Zwänge Israels sowie die fortdauernde Bedrohung jüdischen Lebens.
Gelbe Narzisse und Gaza-Shirt – geht das zusammen?
Dies überrascht umso mehr, als gerade in Polen der Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg verhängnisvoll fortwirkte. Während der antisemitischen Kampagne von 1967/68 wurden rund 15.000 polnische Juden zur Emigration gezwungen. Die Abschiedsszenen am Warschauer Danziger Bahnhof, wo die mit einem „Pass zur einmaligen Ausreise“ ausgestatteten Juden die Züge Richtung Westen bestiegen, sind zu einem festen Bestandteil des polnischen kulturellen Gedächtnisses geworden.
Bereits 1967/68 galt der Kampf angeblich nur dem Zionismus, bediente tatsächlich jedoch antisemitische Ressentiments innerhalb der Kommunistischen Partei wie auch in Teilen der polnischen Gesellschaft. Entscheidend ist daher eine Perspektive, die jüdische Geschichte nicht auf ihre Vernichtung reduziert, sondern ebenso das jüdische Leben davor wie danach in den Blick nimmt und als integralen Bestandteil der Gegenwart begreift.
Die Erinnerung an die jüdischen Opfer des Warschauer Ghettos muss verbunden werden mit Interventionen gegen heutige Gefährdungen von Juden. Sie lässt sich nicht im postkolonialen Sinne als bloße Chiffre allgemeiner Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen deuten. Deswegen zielt die Kritik der Unterstützer der ersten Petition zu Recht auch auf die Selbstinszenierung Mariusz Szczygiełs, der sich sowohl im T-Shirt mit der Aufschrift, alle zehn Minuten sterbe ein Kind in Gaza, als auch mit der gelben Narzisse in den sozialen Medien präsentiert.
Der diesjährige Jahrestag des Warschauer Ghettoaufstands wird in einer in vielerlei Hinsicht tief polarisierten Gesellschaft begangen. Zwar hat sich der Direktor des POLIN-Museums mit der Initiatorin der ersten Petition getroffen, doch die Auswahl der Botschafter wurde nicht revidiert. Es bleibt offen, ob und wie sich der Warschauer Stadtpräsident zu dem Aufruf verhalten wird, während der Feierlichkeiten auf das Zeigen der israelischen Flagge zu verzichten.
Sicher ist hingegen: Jan Błońskis Essay über die „armen Polen, die aufs Ghetto blicken“ aus dem Jahr 1987 hat nichts von seiner Aktualität verloren. Auch heute gibt es „die armen Polen“, die – auch aufgrund ihrer eigenen historischen Verwundungen – Schwierigkeiten haben, die Perspektive der jüdischen Opfer in ihrer ganzen historischen und gegenwärtigen Tragweite anzuerkennen.
Anna Artwińska ist Professorin für Slawistische Literaturwissenschaft und Kulturstudien an der Universität Leipzig.
