Überall Eis, Schnee und frostiger Wind – und mittendrin ein paar riesige einsame Tiere mit zotteligem Fell – so stellen sich Laien die Eiszeit vor gut mehr als zwei Millionen Jahren vor. Eine neue Eiszeit-Ausstellung im Essener Ruhrmuseum zeigt, dass solche Klischees aus Filmen wie «Ice Age» mit der Realität wenig zu tun haben.
Unter dem Motto «Überleben in der Eiszeit» präsentiert das Museum in der einstigen Kohlenwäsche der Zeche Zollverein mehr als 350 Exponate, Animationen eiszeitlicher Landschaften, lebensechte Tierplastiken und teils bekannte Exponate. Die Ausstellung läuft bis 10. Januar 2027.
Granit-Findling ist über eine Milliarde Jahre alt
Highlights sind etwa der 1975 in Haltern entdeckte Schädel eines Mammuts mit Stoßzähnen und der berühmte Unterkiefer eines Menschen, der in Mauer bei Heidelberg gefunden wurde und der ganzen Menschenart Homo heidelbergensis den Namen gab. Vergangenheits-Schauder könnte ein Granit-Findling auslösen, der über eine Milliarde Jahre alt ist und von Gletschern von Finnland bis ins heutige Ruhrgebiet geschoben wurde.
Es gab in der Eiszeit tatsächlich Kältephasen, in denen der Norden von Nordrhein-Westfalen mit einem über 100 Meter dicken Eispanzer bedeckt war, sagt Museums-Vize Dietmar Osses. Sie wechselten sich aber ab mit Warmzeiten, in denen an Rhein, Lippe und Ems Wälder, Auenlandschaften und Moore entstanden und wärmeliebende Tiere wie das Waldnashorn oder das Flusspferd das heutige Nordrhein-Westfalen besiedelten.
Badeten Flusspferde im Rhein?
«Vielleicht haben Flusspferde sogar im Rhein gebadet», sagte Osses. Klimawechsel hätten sich jeweils über mehrere Tausend Jahre vollzogen, trotzdem verlangten sie von Pflanzen, Tieren und auch dem Menschen gewaltige Anpassungsleistungen.
Nicht alle Arten überstanden die gewandelten Lebensverhältnisse – auch nicht bei den Menschen, die seit etwa 350.000 Jahren an Rhein und Ruhr lebten, wie die Ausstellung zeigt. Homo heidelbergensis und Neandertaler starben aus, allein der anatomisch moderne Mensch überlebte. Er habe sich mit der Nutzung von Werkzeugen, Kleidung und Kulturtechniken etwa beim Jagen Vorteile verschafft, sagte Osses.
Atomwaffe am Schluss: Droht neue Eiszeit?
Am Ende des Rundgangs schlägt die Ausstellung einen Bogen in die Neuzeit: Die Ausstellungsmacher präsentieren die fast vier Meter lange Hülle einer Nuklearwaffe aus dem Kalten Krieg, hinter einer Sitzgruppe ist die Abschlusserklärung der Pariser Klimaschutzkonferenz an der Wand zu lesen, mit der sich die Welt zur Begrenzung der Erderwärmung verpflichtete.
«Mit Atombomben kann die Menschheit eine neue Eiszeit herbei bomben», sagt Osses. «Und was das Klima angeht, sind wir an einem Kipppunkt». Wenn alles Eis der Erde schmelze, steige der globale Wasserspiegel um 80 Meter. «Köln, Bonn und Düsseldorf sind dann unter Wasser.»
Das «Monster von Minden» und der «Kervenheimer Wal»
Die Ausstellung ist Teil einer Reihe zur Erdgeschichte Nordrhein-Westfalens, die vom NRW-Heimatministerium initiiert worden ist und mit 1,5 Millionen Euro gefördert wird. Im Juli schließt sich im LWL-Naturkunde-Museum in Münster eine Ausstellung mit Spuren ausgestorbener Dinosaurier an. Gezeigt wird dort etwa das «Monster von Minden», ein 163 Millionen Jahre alter Raubsaurier, dessen Überreste im Wiehengebirge zwischen Porta Westfalica und dem Osnabrücker Land gefunden wurden.
Die dritte Ausstellung beginnt im September im Lippischen Landesmuseum in Detmold und stellt die Zeit in den Mittelpunkt, in der ein warmes Flachmeer das urzeitliche NRW bedeckte. Zu sehen ist etwa der 1987 in Kevelaer am Niederrhein gefundene, etwa 6,5 Meter lange urzeitliche «Kervenheimer Wal» – ein Beleg dafür, dass die Region zeitweise auch vom Meer bedeckt war.
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