
Rüstem Karabey wirkt aufgedreht. Während sich die internationale Standardelite, die Männer im Frack, die Frauen in ausladenden Glitzerkleidern, zu Walzerklängen geschmeidig auf der Tanzfläche dreht, läuft der Moderator des Bad Homburger Turnierballs gut gelaunt zwischen den Tischen am Rande herum, herzt immer wieder Gäste oder steppt selbst mit wiegenden Hüften im Rhythmus der Livemusik.
Ganz offensichtlich genießt der Siebenundsiebzigjährige diesen Abend, der für ihn und seine ein Jahr jüngere Frau Renate, die bescheiden im Publikum sitzt, ein besonderer ist. Zum letzten Mal präsentieren sich die beiden im Kurhaus als Tanzschulbetreiber: Zum 30. Juni schließt die Institution am Mühlweg, in der gefühlt jeder Einwohner der Kurstadt Cha-Cha-Cha oder Tango gelernt hat. Oberbürgermeister Alexander Hetjes bildet da keine Ausnahme. Der Grundkurs, der für Jugendliche einst als obligatorisch galt, prägte auch seine Umgangsformen, wie das Stadtoberhaupt erzählt. Wenn jemand Kaugummi kaut in der Öffentlichkeit, weckt das bei ihm Erinnerungen an die Vergangenheit. „Dagegen hat Rüstem eine Aversion“, sagt Hetjes. Die Schüler des gestrengen Lehrmeisters für Eleganz und Etikette bekamen das nachhaltig zu spüren.
„Wir verlieren ein Zuhause“
Die Stadt wird die Räume der Tanzschule übernehmen, Rüstem und Renate Karabey ziehen nach Neu-Anspach. Sohn Sascha, mit seiner Schwester Natascha mehrmaliger nationaler Titelträger und Medaillengewinner bei Welt- und Europameisterschaften in der Standardsektion, will die fast ein halbes Jahrhundert währende Unterrichtstradition der Familie beim TV Oberstedten weiterführen. An der Schule selbst zeigten die Geschwister kein Interesse: Beide arbeiten als Trainer, Natascha Karabey, die beim Turnier als Wertungsrichterin wirkt, überwiegend in Asien, ihr Bruder im eigenen Land. Die Organisation eines solchen Unternehmens würde dieses Engagement stark einschränken.
„Wir verlieren ein Zuhause“, sagt Bianca Foesel, die Vorsitzende des TC „Der Frankfurter Kreis“, der eng mit den Karabeys kooperiert und dessen Turniertanzgruppe noch in Bad Homburg übt. Aber die „Familie“ bleibe zusammen und will gemeinsam auch den Ball, der unter dem Label des Vereins firmiert, weiterführen. Die 40. Auflage am 17. April 2027 ist gesichert. Danach steht das Kurhaus wegen Sanierung oder Neubau – das soll 2027 ein Bürgerentscheid bestimmen – voraussichtlich etwa vier Jahre lang nicht zur Verfügung. Es gebe bereits Ideen, wie man die Veranstaltung, die der hessischen Gemeinde internationale Präsenz und „einen unglaublichen Marketingeffekt“ beschere, in der Übergangszeit in den eigenen Grenzen halten könne, sagt Hetjes. Spruchreif seien diese noch nicht.
Das Turnier genießt in der Szene vorbildlichen Ruf
Sascha Karabey, der als stellvertretender Vereinsvorsitzender das Turnier mit je zehn Paaren in den Standard- und lateinamerikanischen Tänzen leitet, freut dieses Signal. Das Event woanders anzusiedeln, wäre nicht nur wegen der regionalen und lokalen Sponsoren nicht leicht. Es müsste sich auch erst noch ein geeigneter Ort dafür finden, der das Potential für den gewohnten festlichen Rahmen birgt.
In der Szene genießt das Turnier, das am Wochenende mit 400 Zuschauern ausverkauft war, einen vorbildlichen Ruf. Es biete ein Gesamtpaket dessen, was für sie selbst ihre Leidenschaft ausmache, sagt Zehn-Tänze-Weltmeister Mark Chilcote, der mit seiner Partnerin Madison Ingoldsby bereits zum vierten Mal aus der britischen Heimat angereist ist. Sich willkommen zu fühlen, zu „neuer Musik“ das auszudrücken, was in einem selbst vorgeht, und damit die Betrachter zu berühren, das bereitet den beiden viel Spaß.
Als Zweitplatzierte hinter den Debütanten Dmytro Lishchuk und Liza Perepelytsia aus der Ukraine rangieren die Stammgäste laut einer Abstimmung in der Gunst des Publikums im Standard-Wettbewerb am höchsten. „Wir würden gerne auch im nächsten Jahr wiederkommen“, sagt Chilcote, dessen Landsleute Yegor Young und Zoe Woodhall bei den „Lateinern“ triumphieren. Die Skala der Gefühle wird bei romantischer Rumba, kämpferischem Paso doble und den federnden Sprüngen des Quickstep aber nicht nur von den Sportlern hoch- und runtergespielt. Die Vorführungen der Könner werden begeistert gefeiert. Sascha und Rüstem Karabey ziehen einander als Conférenciers gewohnt witzig auf.
Aber es gibt auch einige wehmütige Momente, in denen es um den Abschied der angesehenen Tanzpädagogen geht. Mehrmals erheben sich die Zuschauer, darunter zahlreiche ehemalige und aktuelle Schüler, von ihren Sitzen und spenden ihnen minutenlang Applaus. So noch einmal auf ganz andere Art im Mittelpunkt stehend, kann und will Rüstem Karabey seine Rührung nicht verhehlen. „Wir haben viel gegeben“, sagt der Geehrte, „aber auch viel zurückbekommen.“ Dass der Ball noch seinen runden Geburtstag erlebt, erfüllt ihn mit Genugtuung.
