Als Christian Wück nach dem Abpfiff in Österreich Bilanz zog, hörte es sich nicht nach einem Abend zum Abhaken an – eher nach einem mit Folgen: „Heute sind wir vielleicht die Treppenstufe, die wir schon erklommen hatten, wieder heruntergefallen.“ Der Ton des Bundestrainers machte klar: Weglächeln wollte er das torlose Unentschieden nicht, dafür steckten ein paar Warnsignale zu viel in seinem Verlauf.
Und die Lage der Dinge allein nach dem Tabellenbild zu bewerten, ist ohnehin nicht die Sache des 52-Jährigen, der seit seinem Einstieg als Trainer der Frauen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) bei fast jeder Gelegenheit zu erkennen gab, dass er es für überfällig hält, dass er und die anderen neuen Gesichter in diesem Kreis an alte Titeltriumphe anknüpfen. Seine Auswahl blieb auch beim vierten Einsatz auf ihrer Bewerbungstour für die Weltmeisterschaften ungeschlagen. Doch nach der Darbietung in Ried im Innkreis ging es Wück vor allem um die Erkenntnis, dass längst noch nicht alle so weit sind, wie es ihm lieb wäre, und sich sein Team mehr Verlässlichkeit in allen Teilen aneignen muss, um im Vergleich mit den Topnationen mitzuhalten.
Wück: „Wir haben so viele leichte Fehler gemacht“
Wück hat den Anspruch zu Beginn des Jahres, als er seinen Vertrag vorzeitig bis Mitte 2029 verlängert hatte, deutlich umrissen: Die Starterlaubnis für das Turnier im Sommer 2027 in Brasilien sollten sich die Spielerinnen kraft ihres Talents und der kollektiven Entschlossenheit über den ersten Platz in der Qualifikationsgruppe A verdienen. Am Samstag monierte der Bundestrainer unverhohlen: „Wir haben so viele leichte Fehler gemacht.“ Im neunten Vergleich konnte Deutschland erstmals nicht gegen Österreich gewinnen.
„Es hat vorn und hinten nicht gepasst“, stellte Mittelfeld-Aufpasserin Sjoeke Nüsken fest: schroff formuliert, doch argumentativ stimmig. Mal schalteten sie einen Moment zu spät um, dann absolvierten sie Laufwege zu halbherzig – und der Gegner wurde nicht aus seiner Defensivordnung gerissen. Wück konnte seine Ungeduld an der Linie mitunter kaum zügeln. „Auf was wartet ihr denn?“, rief er, als ein weiterer Angriff wieder im Ansatz versandete. Vor den Kameras gab sich Wück später trotz allem beherrscht; er sprach vom Versuch, „das Positive herauszuziehen“.
Hinter verschlossenen Türen, das betonte er, wird der Ton ein anderer sein: „Intern bin ich noch viel härter.“ Gegen Norwegen im Juni muss den deutschen Frauen in der Offensive mehr einfallen. Larissa Mühlhaus – bei ihrem Startelf-Debüt auf der Position im offensiven Mittelfeld eingesetzt – deutete ihr Potential allenfalls an. Jule Brand und Vivien Endemann, die sich in der zweiten Hälfte am Knie verletzte, kamen auf den Außenbahnen nicht durch, während Nicole Anyomi als Sturmspitze unauffällig blieb.

Wück hatte bereits nach dem 5:1 am Dienstag in Nürnberg Wasser in den Wein geschüttet und auf Details verwiesen, die ihm missfielen. In Ried blieb dann nicht einmal mehr das Resultat, das sie überdeckte. „Wir müssen verstehen, dass wir unser Basispotential auf den Platz bringen müssen“, sagte er und meinte damit präzise erste Kontakte, Passqualität und Timing. Erst dann dürften seine Spielerinnen „Glanzpunkte setzen“. Zur Untermalung seines Befunds passte, dass in einem Spiel ohne echte österreichische Chance die Nervosität der Deutschen in Unterzahl gehörig wuchs, nachdem Janina Minge die Rote Karte sah, weil sie einen Konter per Foulspiel unterband (79. Minute). Zuvor hatte die Kapitänin nach einem Freistoß an die Latte geköpft (72.).
Der Vorsprung vor Norwegen, das sich 3:2 in Slowenien durchsetzte, schrumpfte so auf einen Punkt. Am 5. Juni kommt es in Köln zum Aufeinandertreffen mit den skandinavischen Verfolgerinnen um die sechsmalige Champions-League-Gewinnerin Ada Hegerberg; mit einem Sieg könnten die Deutschen die Vorbereitungen für den Südamerika-Trip endgültig beginnen. Beim 4:0 im Hinspiel in Stavanger Anfang März hatten sie dank Hartnäckigkeit im Strafraum aufgetrumpft. „Wir haben noch alles selbst in der Hand“, sagte der Bundestrainer.
Und der Zwischenstand gibt ihm recht: Das 0:0 verschob im Gesamtklassement nichts Grundsätzliches. In Ried wurde aber deutlich, wie oft den Deutschen Mittel und Ideen fehlen, wenn der Gegner kompakt steht und wenig Freiraum anbietet. Daran wird Wück arbeiten müssen: an Abläufen, die schneller zu Chancen führen, statt sich im folgenlosen Ballbesitz zu erschöpfen. Weil in diesem Sommer kein großes Turnier wartet, ist die Qualifikation mehr als Pflichtprogramm. In den kommenden Monaten sollen Automatismen entstehen, die eine Titeljagd überhaupt plausibel machen. Das Spiel in Österreich war ein Hinweis, dass allerhand noch nicht gefestigt ist. Der Punkt kann am Ende reichen. Als Maßstab taugt er Wück und den Seinen nicht.
