
Bei der Deutschen Bahn gibt es keine Schonfrist. Ismail Ertuğ war gerade drei Wochen in seinem neuen Amt als Konzernbevollmächtigter für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland, als in der Nacht zum 20. Januar eine Lokomotive bei Hattersheim entgleiste und gegen einen Oberleitungsmast prallte, was den Eisenbahnbetrieb über Tage beeinträchtigen sollte. Schon da war er plötzlich gefragt in seiner neuen Rolle als Verbindungsmann etwa zu den lokalen Behörden und Repräsentanten.
Noch weitaus schlimmer war dann, was Anfang Februar in Landstuhl bei Kaiserslautern geschah. Der tödliche Angriff eines Fahrgastes auf einen Zugbegleiter erschütterte nicht nur die Tausende zählenden Mitarbeiter des Staatskonzerns, sondern darüber hinaus das gesamte Land, er löste eine bis heute anhaltende Diskussion über die Sicherheit des Personals in den Zügen aus. Abermals war Ertuğ gefragt. Bis heute steht er in Kontakt zur Familie des 36 Jahre alten Kollegen, der im Dienst sein Leben verlor.
Nachfolger von Klaus Vornhusen
Die schlimmen Ereignisse trafen Ertuğ, während er noch unterwegs war, um sich bei Oberbürgermeistern, Landräten, Bundestags- und Landtagsabgeordneten in den drei Bundesländern vorzustellen, in denen er künftig den Deutsche-Bahn-Konzern mit Sitz in Berlin repräsentiert. Und die er umgekehrt gleichsam als Lobbyist in Berlin vertritt, so wie seine sechs Amtskollegen in den anderen Regionen der Bundesrepublik auch. Gemeinsam berichten sie an Thorsten Krenz, den Leiter Politische Beziehungen im Konzern.
Der am 5. Dezember 1975 in Amberg in der Oberpfalz geborene Ertuğ ist zum Jahreswechsel auf Klaus Vornhusen gefolgt, der dieses Amt bis zu seinem Ruhestand ein Vierteljahrhundert lang ausgeübt hatte. Vornhusen hatte es in dieser langen Zeit geschafft, als das Gesicht der Deutschen Bahn in der Region wahrgenommen zu werden, auch wenn Konzernbevollmächtigte keine unmittelbaren operativen Zuständigkeiten haben. Vielleicht ist das Amt in Frankfurt noch etwas wichtiger als anderswo in der Republik, leidet man doch am Main immer noch ein wenig unter Phantomschmerzen, weil die einstige Bundesbahn dort über Jahrzehnte ihren Sitz hatte.
Hessen hat das älteste Bahnnetz nach Nordrhein-Westfalen
Für Ertuğ sind Frankfurt, wo er sein Büro hat, das Rhein-Main-Gebiet und überhaupt die ganzen drei Bundesländer, für die er zuständig ist, Orte und Landstriche, die er sich erst noch erschließen muss. Sein Leben hatte ihn nach dem Eintritt in die SPD 1999 zunächst fünf Jahre später in den Stadtrat seines Heimatortes geführt, 2009 dann ins Europäische Parlament, wo sich der Industriekaufmann und Betriebswirt auf Verkehrspolitik spezialisierte, etwa als Obmann im zuständigen Ausschuss, zuletzt von 2019 an als stellvertretender Fraktionsvorsitzender mit Zuständigkeiten für Mobilität, Digitales und Industrie. Seit 2023 war er bei der Deutschen Bahn als „Beauftragter für nachhaltige Mobilität Europa“ tätig.
Der neue Bevollmächtigte weiß, dass alles rund um die Eisenbahn rege diskutiert wird. „Mit der Deutschen Bahn verhält es sich wie mit der Fußball-Nationalmannschaft – da gibt es 80 Millionen Trainer, hier 80 Millionen Bahnchefs“, sagt er gelassen. Niemand verhehle, dass es beträchtliche Probleme gebe.
Ertuğ freut sich, dass er nun für Deutschlands Mitte zuständig ist, mithin für das Zentrum des Eisenbahnnetzes, bei dem sich Störungen auf viele Strecken auswirken. Er hofft auf eine rege Bautätigkeit; nach Nordrhein-Westfalen habe Hessen das älteste Bestandsnetz. Insofern ruhen seine Hoffnungen auf den Generalsanierungen, die die Deutsche Bahn neuerdings weniger hochtrabend Korridorsanierungen nennt. Die nächste in seinem weitläufigen Sprengel beginnt im Juli, dann wird die rechte Rheinstrecke gesperrt. Ertuğ sieht die Deutsche Bahn darauf gut vorbereitet: „Jedenfalls sehe ich keinen Grund, dass wir uns vorwerfen lassen müssten, wir hätten irgendeinen Aspekt nicht berücksichtigt.“
Die Freude an seinem neuen Amt ist Ismail Ertuğ anzumerken. Ihn beeindruckt die Präzision, mit der im Deutsche-Bahn-Konzern gearbeitet wird, ein Rädchen greife in das andere. Die Erfahrung lehrt allerdings auch, dass es im Leben des neuen Konzernbevollmächtigten für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland wieder und wieder auch Momente geben wird, in denen alles anders läuft als geplant.
