Mr. Odenkirk, Sie sind inzwischen 63 Jahre alt und nicht zuletzt bekannt durch Ihre Rolle in den hochgelobten Serien „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“. Wie kommt es, dass Sie plötzlich in Liam Neesons Fußstapfen treten und auf Ihre etwas älteren Tage noch zum Actionstar werden?
Actionrollen zu übernehmen ist ein guter Grund, ins Fitnessstudio zu gehen und in Form zu kommen. Als ich vor ein paar Jahren mit „Nobody“ meinen ersten Actionfilm drehte, war ich jedenfalls das erste Mal tatsächlich motiviert, meinen Körper zu trainieren. Und vor allem habe ich festgestellt, wie viel Spaß es macht, Stunts und Kampfszenen zu drehen. Auch weil ich verstanden habe, wie viel diese Arbeit mit meinen Anfängen in der Sketch-Comedy zu tun hat. Schon damals, als ich Autor bei „Saturday Night Live“ war oder dann mit meinem Freund David Cross die Sendung „Mr. Show“ schrieb, ging es immer um perfektes Timing, die richtige Struktur und im Ergebnis kurze, temporeiche Drei- bis Fünfminüter. Bei einer guten Actionszene kommt es exakt auf die gleichen Dinge an.
Dass Sie ein Händchen dafür haben, zeigt nun auch Ihr neuer, gerade in den Kinos angelaufener Film „Normal“. Wobei Sie dieses Mal nicht nur als Hauptdarsteller, sondern auch als Drehbuchautor beteiligt waren. Haben Sie sich den in eine Kleinstadt versetzten Übergangs-Sheriff ausgedacht, den Sie nun spielen?
Die Grundidee hatte der Hauptautor Derek Kolstad, der schon die Drehbücher zu den „Nobody“-Filmen geschrieben hatte. Aber gerade auf den Teil der Geschichte, der eher Krimi-Komödie ist, bevor es in Richtung Actionhorror geht, hatte ich mit meinen Ideen viel Einfluss. Ich komme selbst aus einer Kleinstadt in Illinois, davon habe ich mich sehr inspirieren lassen. Nicht zuletzt auch, was den Titel des Films angeht, denn „Normal“ ist tatsächlich der Name eines Ortes in Illinois.
Dieses Städtchen, das Sie aus Ihrer Heimat kannten, hat es nun auf die Kinoleinwand geschafft?
Nicht ganz. Unser Normal liegt nun in Minnesota und ist fiktiv. Normal in Illinois ist eine Collegestadt, deswegen gibt es dort zumindest ein bisschen Geld. Uns schwebte eher so ein echtes Kaff im Mittleren Westen vor, dem seine ursprüngliche Identität als Farm- oder Industriestadt abhandengekommen ist, sodass nun das Geld fehlt und die Einwohner immer weniger werden. Das zu beschreiben und auch ein wenig zu karikieren, hat mir viel Spaß gemacht, denn in einem solchen Städtchen bin ich groß geworden. Das Kleinstadtleben hat mich geprägt. Wie dieser Sheriff den Ort und die Menschen dort kennenlernt, war also meine Baustelle, während sich Derek vor allem um die Action kümmerte.
Das Kleinstadtsterben, gegen das Normal im Film auf unkonventionelle Weise aufbegehrt, ist gerade in den USA ein echtes Problem. Ist „Normal“ womöglich auch ein gesellschaftspolitischer Kommentar?
Klar, bis zu einem gewissen Punkt mit Sicherheit. Ich will nicht zu viel verraten, was in diesem Städtchen vor sich geht, das würde schließlich den Spaß am Film verderben. Aber vieles, was Henry Winkler als Bürgermeister da vorträgt, ist ganz nah dran am realen Alltag solcher Orte, überall in Amerika. In den meisten gibt es auf der Hauptstraße noch ein Dialysezentrum, einen Secondhand-Laden und einen Discounter-Supermarkt. Viel mehr ist da nicht, die Hälfte der Straße besteht aus Leerstand und verbarrikadierten Geschäften, die niemand mehr haben will.
Sie haben eben bereits Ihre Comedy-Wurzeln erwähnt. Zuletzt waren Sie allerdings – ob in „Better Call Saul“ oder jüngst bei Ihrem Broadway-Debüt im Stück „Glengarry Glen Ross“ – vor allem in anspruchsvollen, dramatischen Rollen zu sehen. Vermissen Sie es manchmal, in albernen Sketchen aufzutreten?
Kürzlich habe ich zusammen mit meiner Frau Naomi und anderen einen Film produziert, in dem ich auch eine kleine Rolle spiele. Das ist wirklich eine astreine, herrlich komische Komödie. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich vermisse es, witzig zu sein. Aber ältere Herrschaften wie mich sieht man in der Sketch-Comedy-Welt einfach eher selten. Das war schon immer eine Domäne der Jugend, von Ausnahmen wie der „Carol Burnett Show“ einmal abgesehen. Scheinbar möchte niemand alberne Senioren sehen. Oder man hält das für unwürdig? So oder so finde ich das sehr bedauerlich. Als mein Freund David und ich uns vor nicht allzu langer Zeit eine neue Show ausgedacht hatten, fanden wir dafür leider keinen Sender. Jetzt schreiben wir stattdessen etwas Neues für die Bühne. In Sachen Humor gebe ich also noch lange nicht auf.
Die gerade erwähnte Carol Burnett haben Sie schon häufig als humoristisches Vorbild genannt, genau wie Monty Python. Über wen lachen Sie heutzutage?
Kennen Sie „On Cinema at the Cinema“? Das begann mal als Podcast und wurde dann zu einer Webserie. Der famose Tim Heidecker hat sich das ausgedacht, zusammen mit Gregg Turkington, und die beiden tun so, als seien sie Amateur-Filmkritiker. Mittlerweile gibt es sicherlich 15 Staffeln, und das ist das Lustigste, Absurdeste und Verrückteste, was ich kenne. Ich bin sicher, auf Youtube findet man auch in Deutschland ein paar Videos davon.
Weil wir gerade bei Vorbildern waren: Sie haben auch Humphrey Bogart als Inspiration bezeichnet. Was würde der Oscar-Gewinner wohl über einen Film wie „Normal“ denken?
Oh, ich bin mir sicher, dass er meine Rolle, ohne mit der Wimper zu zucken, sofort auch gespielt hätte. Er hat ja gerne die toughen Typen gegeben. Und ganz allgemein hat er zu kaum etwas Nein gesagt, so viel wie er gearbeitet hat. Seine Filmographie besteht wahrlich nicht nur aus Meisterwerken und Klassikern.
Was sehen Sie in Bogart, das Sie inspiriert?
Bogart habe ich für mich als Vorbild entdeckt, als es damals darum ging, dass ich, aus der Comedy kommend, die Hauptrolle in „Better Call Saul“ übernehmen und eine ganze Serie auf meinen Schultern tragen sollte. Ich, der da schon längst nicht mehr als jung durchging und schon gar nicht als gutaussehend. Ich bin ja eher der schrullige Typ, nicht elegant wie Cary Grant oder sexy wie Leonardo DiCaprio. Bogart war irgendwie der Vergleich, der am besten passte. Zu wissen, dass man den auch große, anspruchsvolle Rollen spielen ließ, beruhigte mich.
