Ein arabischer Kollege, ebenfalls Arzt, hatte ihn gewarnt. „Kauf keine Praxis einen Meter östlich von Berlin-Ostkreuz.“ Das sei eine rassistische Gegend. Dennoch entschloss sich Adnan Khamis 2019, vier Jahre nach seiner Flucht aus Syrien, dazu, von einer deutschen Kollegin eine allgemeinmedizinische Praxis in Marzahn-Hellersdorf zu übernehmen, einem Stadtteil, geprägt durch die größten Plattenbausiedlungen der einstigen DDR, der oft als sozialer Brennpunkt wahrgenommen wird und vom Ärztemangel besonders betroffen ist.
Nur wenige Schritte sind es von der S-Bahn über die verkehrsreiche Kreuzung bis zu dem verwitterten Gebäudekomplex mit Supermarkt, Friseur, Fußpflege, Kosmetiksalon und Apotheke, in dem auch Khamis’ Praxis untergebracht ist. Chic ist hier nichts. Umso freundlicher sind die blau-weiß gehaltenen Praxisräume in der mittleren Etage. Zwei der drei Arzthelferinnen tragen pastellfarbene Kopftücher, und auch die angestellte Ärztin, mit der sich Khamis die Versorgung von circa 4000 Patienten teilt, hat ein rosafarbenes Tuch um den Kopf geschlungen; ein Praktikant huscht zwischen beiden Behandlungszimmern hin und her.
In Deutschland arbeiten 7042 Ärzte mit syrischer Staatsangehörigkeit
Der 62-Jährige ist einer von mehreren Tausend Ärzten und Ärztinnen mit syrischen Wurzeln in Deutschland. Die jüngste Ärztestatistik der Bundesärztekammer zählte 2024 hierzulande insgesamt 68.102 tätige Mediziner ohne deutsche Staatsangehörigkeit, ein neuer Höchststand, und Syrien war mit 7042 das häufigste Herkunftsland. Wie viele Ärzte aus Syrien nach Deutschland gekommen sind, lässt sich nur schätzen, da viele – auch Khamis – inzwischen eingebürgert sind und deshalb nicht mehr in der Statistik auftauchen.
Noch sind an diesem Vormittag im März nicht alle 14 Stühle im Wartezimmer besetzt. Auf dem kleinen Tisch mit großem Blumenstrauß liegen keine Zeitschriften, nur medizinische Fachblätter. Unter den überwiegend stark erkälteten Patienten und Patientinnen ist eine ältere Frau die einzige gebürtige Deutsche. „Er hat mich Gott sei Dank gleich angenommen“, sagt sie über den Arzt. „Das ist selten.“ Eine Libanesin mit chronischen Rückenschmerzen ist froh über die Empfehlung ihrer Nachbarin: „Man wird hier gleich als Mensch wahrgenommen.“

Und welche Erfahrungen macht Adnan Khamis, ein großer Mann mit grau meliertem Haar, in einem Stadtteil, in dem bei der letzten Bundestagswahl ein Drittel der Stimmberechtigten AfD wählten? Was für Patienten kommen zu ihm? „Als ich die Praxis übernahm“, sagt er, „waren 99 Prozent der Patienten Deutsche. Inzwischen hat sich die Patientenzahl mit 4000 pro Quartal fast vervierfacht. 80 Prozent meiner Patienten sind Migranten aus aller Welt, überwiegend Araber. Sie kommen aus allen Stadtteilen, auch aus Brandenburg und Potsdam. Manche bringen einen Übersetzer mit.“
„Deutsch ist hart, ein bisschen disharmonisch“
Offene Ablehnung habe er nur einmal erlebt, berichtet er: „Eine Deutsche warf mir vor, ich kümmere mich mehr um meine Landsleute; später entschuldigte sie sich. Manchmal gibt es kulturelle Missverständnisse. Während meiner Assistenz im Krankenhaus monierten die Krankenschwestern, dass ich ihnen nicht in die Augen schaue; sie hielten das für Missachtung. Nach islamischer Tradition schauen nur schlechte Männer fremden Frauen direkt in die Augen.“
Vor zehn Jahren habe ich den Arzt aus Damaskus in einem Deutschkurs für Geflüchtete kennengelernt, nach dem Nachzug auch seine große Familie, und habe das Tempo verfolgt, mit dem er die Sprach- und Facharztprüfung für Innere Medizin bestand und schon nach zwei Berufsjahren im Krankenhaus den Sprung in die Selbständigkeit wagte. Auch während unseres Gesprächs notiert Adnan Khamis, dessen Eltern Analphabeten und Viehbauern waren, die wenigen ihm nicht geläufigen deutschen Wörter oder spricht sie ins Handy.
„Nach meiner Ankunft in Deutschland“, erzählt er, „rieten mir manche: Wichtiger, als gleich Deutsch zu lernen, ist es, eine Wohnung zu finden. Aber ich habe mir sofort 40 Deutschlektionen auf mein Handy geladen und schrieb alle Texte auf, die ich auf der Straße und in der U-Bahn sah. Mein Sohn war manchmal sauer, wenn ich Menschen in der U-Bahn ansprach: Was bedeutet das?“ Nach drei Monaten, sagt er, habe er angefangen zu verstehen: „Deutsch ist hart, ein bisschen disharmonisch, es geht hoch und runter. Sehr schwer sind die trennbaren Verben, das gibt es im Arabischen nicht.“
Auch seine drei Töchter arbeiten inzwischen als Medizinerinnen
Anfangs habe er manchmal noch Sprachschwierigkeiten gehabt, sagt Khamis. Einmal sagte ein Patient: „Ich habe flotten Otto.“ Als Khamis nicht verstand, sagte der Patient: „Na, Dünnschiss.“ Nach fünf Minuten begriff Khamis.
In Damaskus hatte die Familie ein Haus, in Deutschland wohnte sie erst mal in einer Sporthalle, ohne Privatsphäre. Er und seine Familie sind Sunniten, liberal, sagt er; seine Töchter tragen kein Kopftuch. Heute wohnt die Familie in einer beengten Mietwohnung in Charlottenburg, 17 S-Bahn-Stationen von der Praxis in Marzahn entfernt; demnächst wird eine gekaufte Wohnung in dem von Migranten geprägten Bezirk Neukölln bezugsfertig. Inzwischen sei auch der Kredit für die Praxis getilgt, berichtet der sechsfache Familienvater Khamis. Fast jährlich kam ein Kind hinzu, nachdem er 1994 eine entfernte Cousine, eine ausgebildete Krankenschwester, geheiratet hatte. Auch seine drei Töchter arbeiten inzwischen als Human- und Zahnmedizinerinnen, sein ältester Sohn schloss gerade sein Zahnmedizinstudium ab, der jüngste machte kürzlich Abitur.
Sein Sohn wurde mit elf Jahren erschossen
Khamis’ Schmerz über den Tod seines mittleren Sohnes, der mit elf Jahren in Syrien erschossen wurde, lässt dessen Profilbild auf seinem Mobiltelefon erahnen, auch wenn der Mediziner von den Gräueln des Assad-Regimes fast lakonisch berichtet: „Nach dem Besuch bei einer Tante fuhr ich mit meinem Sohn nachts mit dem Auto nach Hause. Als ich sah, dass der Checkpoint gesperrt war, wendete ich; dabei wurde unser Auto beschossen. Unser Sohn starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Als die Ärzte fragten, wer geschossen habe, sagte ich, ich wisse es nicht, denn mir war klar: Wer die Wahrheit sagt, wird festgenommen.“
Khamis erzählt von einem Patienten, den er in Damaskus behandelte, der 14 Jahre im Gefängnis saß: „Er war in der Armee und hatte ein paar Tage Urlaub beantragt. Als der Offizier ablehnte, sagte er: Wäre ich Alawit, würden Sie mir den Urlaub genehmigen.“ Auch er selbst sei immer mehr ins Visier des Assad-Regimes geraten, weil er der Angst zum Trotz heimlich verletzte Demonstranten behandelte. Als auf seine Ergreifung ein Kopfgeld ausgesetzt wurde, floh er, gemeinsam mit seinem damals siebzehnjährigen Sohn: „Wir waren 53 Tage unterwegs, ich nahm zehn Kilo ab. Meine Vorstellung war: Deutschland ist ein reiches, sehr industrialisiertes Land, die Leute sind arrogant. Doch ich habe Berlin vom ersten Tag an geliebt, es gab viele ehrenamtliche Helfer. Mich überraschte das viele Grün; es gibt mehr Wasser als in ganz Syrien.“
Die älteste Patientin kam zu ihm, nachdem 36 Praxen sie abgelehnt hatten
Als schockierend empfindet Khamis die vielen Obdachlosen hierzulande: „In Syrien ist Betteln verboten, unter Assad kamen Wohnungslose ins Gefängnis. Auch Tätowierungen wurden bestraft, ich habe etliche entfernt. Sie sind generell im Islam verboten, weil Allah den Menschen schön erschaffen hat. Das Regime errichtete Checkpoints zur Kontrolle, machte aber eine Ausnahme, wenn Menschen das Bild von Assad oder regimefreundliche Parolen tätowiert hatten. In Berlin spreche ich häufiger mit Patienten über ihre Tattoos.“
Die Altersspanne seiner Patienten reiche von eins bis 98, sagt er. Die älteste Patientin sei zu ihm gekommen, „nachdem 36 Praxen sie abgelehnt hätten. Die meisten Patienten kommen wegen Grippe, Magen-Darm-Entzündungen, Hepatitis, Gallen- und Nierensteinen, Harnwegentzündungen. Generell“, erzählt er, „nehme ich die Symptome der deutschen Patienten ernster als die der arabischen. Araber machen mehr Drama, sie haben eine niedrigere Schmerzschwelle, wollen stärkere Medikamente und sind ungeduldiger, wenn sich nicht schnell Besserung einstellt. Und sie können oft schlechter warten. Arabische Patienten sind oft erstaunt, dass ein Check- up und Laboruntersuchungen zur Kontrolle nur alle zwei bis drei Jahre bewilligt werden. Einige wollen ein Attest, weil sie nicht arbeiten wollen. Manche kann ich überzeugen: Sie schaden nicht nur dem Staat, sondern sich selbst. Denn Simulanten werden oft wirklich krank. Die Deutschen leiden mehr unter Bluthochdruck, Diabetes, Lungenembolie. Schilddrüsenproblemen, Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Asthma.“
Einsamkeit, sagt Khamis, ist eine deutsche Krankheit
„Eine deutsche Krankheit“, so sagt Adnan Khamis, „ist die Einsamkeit. Bei uns lebt niemand allein. Nur die psychisch Kranken. Ich empfehle Patienten, Kontakte zu knüpfen. Doch manche ziehen sich völlig zurück, sie sehen andere nur beim Einkaufen.“
Auch bei einer dreiundneunzigjährigen Patientin, die vor drei Jahren einen Suizidversuch unternahm, sei Einsamkeit der Grund gewesen. Seither lade seine Familie sie manchmal ein, überraschte sie mit einer Geburtstagsfeier. Sie hat eine Betreuerin, aber vertraut sonst niemandem. Zweimal im Monat besuche er sie abends, „um ein bisschen zu reden“, sagt Khamis; sein Berufsethos beschränkt sich nicht auf das Organische.
Überhaupt, vom Arztsein kann er schwärmen: „Es ist ein renommierter Beruf, ich kann frei arbeiten, habe keinen Chef, verdiene gut. Wir helfen, retten Leben. Früher machte ich circa 200 Hausbesuche im Quartal, jetzt nur noch am Wochenende und nur in der Nähe. Die Kassenärztliche Vereinigung schrieb in der Plausibilitätsprüfung, 200 seien unglaublich, der Durchschnitt in Berlin liege bei sechs Hausbesuchen; mir wurden alle Honorare gestrichen. Gesetzlich dürfen meine Kollegin und ich zusammen nicht mehr als 24 Stunden pro Tag arbeiten, aber wir überschreiten oft das Limit. Wir haben keine Terminpraxis, montags ist am meisten los. Manchmal schaffe ich es in den Sprechstunden nicht, auf die Toilette zu gehen.“
„Ärzte sind ja auch Ratgeber, Lebenshelfer“
Aber ihm ist eben wichtig, für seine Patienten da zu sein: „Ärzte sind ja auch Ratgeber, Lebenshelfer. Ich helfe Patienten bei der Wohnungssuche und beim Heimwechsel. Neulich kam eine Frau mit Burka zur Blutabnahme; ihr Mann wartete im Wartezimmer. Sie erzählte, es sei das erste Mal, dass sie die Wohnung verlassen habe. Als ich meinte, das gehe nicht, wir seien doch nicht bei den Taliban, antwortete sie: Ich habe drei Töchter und will mich nicht scheiden lassen.“
Wenn sie Vertrauen gefasst hätten, kämen Frauen meistens allein; manche seien draußen verschleiert, zögen sich im Behandlungszimmer aber aus. Falls es irgendwie möglich ist, untersucht er Patientinnen notfalls auch mit Kleidung. Einer, die sich weigerte, den Oberkörper zum Abhören der Lunge frei zu machen, verschrieb er schließlich nur ein Medikament. Seine Ansage für Fundamentalisten ist: „Wenn man in ein fremdes Land geht, muss man ein bisschen locker sein, man muss sich integrieren, darf nicht nur das Geld annehmen.“

Seit Assads Sturz ist er zweimal nach Syrien gereist. Er sehne sich nach den Menschen, den Gerüchen, dem Essen. Wegen fehlender Impfungen und mangelnder Hygiene nähmen Hepatitis und die Fälle von Kinderlähmung zu; psychische Störungen und Drogensucht seien sichtbarer geworden. Aber man könne offen miteinander reden, die Medien seien nicht zensiert. Zwar sei die Gesellschaft generell konservativ, es gebe jedoch keinen Kopftuchzwang.
Wie wolle Deutschland denn die Abwanderung verkraften?
Dreimal hat er für Bekannte den ärztlichen, fünfzehnseitigen Fragebogen ausgefüllt, der einer freiwilligen Rückkehr vorgeschaltet ist. Ein Sieg der Bürokratie: „Für jede Krankheit gibt es eine Seite. Es wird sogar nach Flugangst gefragt.“ Die drei Rückkehrer betrieben jetzt in Syrien einen kleinen Handel, sagt er. Die meisten Syrer in seinem Umfeld warteten lieber die demokratische und wirtschaftliche Entwicklung in ihrem Heimatland ab. Wegen der maroden Infrastruktur sei auch dort die Arbeitslosenzahl hoch, Fabriken lägen in Trümmern, viele Geschäfte seien geschlossen.
Er befürworte Abschiebungen, „wenn jemand sich nicht integriert, nicht arbeiten will oder straffällig wird“, sagt Khamis zu der von Kanzler Friedrich Merz ins Spiel gebrachten Rückkehrquote für Syrer. 80 Prozent? „Das ist völlig unrealistisch“, beruhige er verängstigte Patienten. Wie wolle Deutschland dann denn die Abwanderung verkraften? „Im Großraum Marzahn haben Anfang des Jahres drei Praxen geschlossen: ein Internist, ein Allgemeinmediziner und ein Kinderarzt. Es gibt keine Nachfolger.“
Auch er werde oft besorgt gefragt, ob er zurückgehen werde. Streift ihn manchmal der Gedanke? „Ich möchte oft nach Syrien reisen, aber bis zur Rente mit 72 bleibe ich in Berlin. Ich habe im Beruf meine Seele gefunden. Körperlich bin ich oft ausgelaugt, erschöpft, abends schreibe ich zu Hause noch E-Mails, Bestellungen, Gutachten, Rezepte, mache Buchführung. Es gibt ein Foto von mir, auf dem ich mit dem Handy in der Hand auf dem Sofa eingenickt bin. Ich schnarche, und das Handy übersetzt.“
