
Wem künftig ein Auto mit dem Kennzeichen „MNT“ in der Einbahnstraße entgegenkommt, oder ein Wagenlenker wendet umständlich auf der Straße, obwohl er 100 Meter weiter an einen Kreisverkehr gekommen wäre, der muss künftig (vielleicht) nicht mehr über die Herkunft des automobilen Irrläufers nachsinnen. Denn „MNT“ könnte für Maintal stehen, „HTA“ für Hofheim und das von der Katholischen Arbeitnehmerbewegung bekannte „KAB“ für das ziemlich evangelische Karben. Jedenfalls hat der Bundesrat die Bundesregierung aufgefordert, eine Liberalisierung der Kennzeichenvergabe für Städte mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern zu prüfen – das soll Heimatverbundenheit schaffen und die Namen der Kommunen in die Verkehrswelt tragen.
Ausgeheckt hat die Idee Ralf Bochert, der sich an der Hochschule Heilbronn (Kennzeichen „HN“, das also nicht für „Hansestadt Nürnberg“ steht) mit Destinationsmanagement befasst. Bochert hat einen ganzen Schwung schlagender Argumente für die neuen Kürzel. 320 Städte und Gemeinden erhielten „ein für sie wichtiges Stadtmarketinginstrument ohne jeglichen finanziellen Aufwand“, heißt es auf Bocherts Website zu dem Projekt. Denn so eine Ortskennung sei das „wichtigste Symbol“ einer Stadt.
Schon bei der Wiedereinführung von in der Gebietsreform verschwundenen Kennzeichen habe sich gezeigt, dass die Rückkehr von ungefähr 300 Buchstabenkombinationen für zwei Drittel der Deutschen wichtig für die Identifikation sei. Für die Kreise sei es technisch ein Leichtes, verschiedene Kennzeichen in ihrem Zulassungsbezirk zu vergeben, und wenn der Halter schon für das Kennzeichen bezahle, dann solle er auch seinen Willen bekommen.
Lokalpatriotismus in Blech geprägt
Die hessische Landesregierung hat Bocherts Vorschlag aufgegriffen und nun die Entschließung durch die Länderkammer auf den Weg gebracht. Das zeigt, wie sehr man in Wiesbaden die Hand am Puls der Zeit hat: Neue Kennzeichen, eine fetzige neue Corporate Identity mit modisch zerfleddertem hessischen Löwen – zwischen Bad Karlshafen und Neckarsteinach sind Fortschritt und Innovation eben zu Hause.
Kleiner Ausflug in die Geschichte: Als vor vielen Jahren in Hanau ein neues Logo mit stark stilisiertem Wappentier vorgestellt wurde, kommentierte das die legendäre Kollegin Ilse Werder von der „Frankfurter Rundschau“ mit einem sehr trockenen „Mein lieber Schwan“. Darauf folgte in der Pressekonferenz ein kleines Feuerwerk an Wortspielen, und dem Designer des Logos schwante zum medialen Echo nichts Gutes. Aber zurück zu den Autokennzeichen: Wenn man das brüchige Selbstwertgefühl der Butzbacher mit einem kraftvollen „BUT“ stärken kann, dann nur zu.
Die Vorschlagsliste für Hessen ist selbsterklärend: Wem im Lande könnte unklar sein, dass sich hinter „FM“ die Flörsheimer, „MÜM“ die Mühlheimer und „KEK“ die Kelkheimer verbergen (ich kaufe ein „S“ für mein dortiges Wunschkennzeichen)? Der Lokalpatriotismus ist das eine, die individuelle Botschaft das andere: Filmfans aus Dreieich könnten sich künftig mit „DR-NO“ den Titel des ersten James-Bond-Films an ihr Auto schrauben.
Auch sehr persönliche Aussagen werden möglich. Wer hätte nicht gerne eine „VIL-LA“ in Bad Vilbel? In der Vorschlagsliste tauchen allerdings auch Kombinationen auf, die ein bisschen sperrig sind: Mal sehen, was sich aus „BKÖ“ für Bruchköbel oder „SGS“ für Seligenstadt so machen lässt. Das wird am ehesten über die Auflösung der Abkürzungen funktionieren: „Sehr Gemütliche Stadt“ zum Beispiel, und der dort ansässigen Baumschule Köhler wird das neue Kürzel ohnehin gut gefallen.
Natürlich wird es bei dieser Reform, wenn sich die Bundesregierung zwischen Krieg am Golf und in der Ukraine des Themas zügig annehmen wird, auch Verlierer geben. Fußgänger, Radler und Nutzer von Bus und Bahn bleiben systembedingt außen vor, aber auch lokalpatriotischen Fahrern von Dienstwagen drohen schwere Schläge: Wer will dann noch als Pfungstädter (PFU) mit einem schnöden „F“ auf die Straße oder – du liebe Güte! – als Frankfurter mit „OF“, wenn wieder einmal ein Unternehmen aus der Metropole in die Nachbarstadt umgezogen ist?
Wie schon erwähnt, liegt der Ball nun im Spielfeld der Bundesregierung, eine Frist für Berlin gibt es nicht. Vielleicht ließe sich die Wartezeit auch noch für eine weitere Ausdifferenzierung nutzen: In einer Stadt wie Frankfurt leben mehr Menschen mit mehr Autos als in jedem hessischen Landkreis, warum also die Beschränkung auf nur einen Buchstaben für alle? Nichts spricht dagegen, mit einem „GIN“ auf Ginnheim zu prosten.
