
Mittel oder lang, das ist hier die Frage. Konkret: Wann wagt sich der 25 Jahre alte Darmstädter Weltklassetriathlet Mika Noodt von der Mitteldistanz auf die Langstrecke, auf die klassische Ironman-Distanz von 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen? Wann wagt er den nächsten Schritt? Anfang des Jahres schien klar: Er bleibt noch ein Jahr der Mittelstrecke treu, doch das ist nicht mehr in Stein gemeißelt.
Die sportliche Zukunft von Mika Noodt hängt derzeit von der geopolitischen Lage und ihren Auswirkungen auf den internationalen Rennkalender im Triathlon ab. Ursprünglich war sein Plan, sich in diesem Jahr noch einmal auf die T-100-Serie zu konzentrieren, die größte Bühne der Mittelstreckler.
Doch die letzten drei geplanten Rennen in Saudi-Arabien, Dubai und Qatar wackeln wegen des Irankrieges. Fallen diese November- und Dezember-Wettkämpfe aus, bleibt Noodt kaum ein sinnvoller Kalender: Mit Singapur, San Francisco und Fréjus in Frankreich gäbe es nur drei Rennen im gesamten Jahr.
Noodt hofft auf Antworten in „ein, zwei Wochen“
Die Ungewissheit trifft ihn sportlich und finanziell. Im vergangenen Jahr erkämpfte sich Noodt in der damals neun Rennen umfassenden T-100-Serie ein Preisgeld von rund 260.000 Dollar. Ein Verlust von zwei Dritteln der lukrativen Serie würde seine Planung grundlegend verändern. „Das würde das Thema Langdistanz auf jeden Fall bestärken“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Die endgültige Entscheidung wolle er „ein, zwei Wochen“ nach dem Saisonauftakt in Singapur treffen.
Rund um die Veranstaltung am 25. April erwartet er Gespräche mit den Verantwortlichen der T-100-Serie – und Antworten. Gibt es Ersatzorte, Ausweichtermine, eine verlässliche Perspektive, einen Plan B? Erst dann könne er entscheiden, ob er der Mitteldistanz treu bleibe oder der Einstieg in die Langdistanz schon in diesem Jahr die vernünftigere Option wäre.
Dass für Noodt ein Start über die doppelt so lange Ironman-Distanz überhaupt eine Option ist, liegt an einer gelungenen Vorbereitung im Winter. Nach einer ruhigen Zeit bei seiner Familie in Wolfsburg konnte Noodt in seiner Wahlheimat Darmstadt sechs Wochen am Stück ohne Krankheit und Verletzung trainieren. Ende Februar folgte ein Höhentrainingslager in der spanischen Sierra Nevada. Vier Wochen blieb er dort.
„Vor Ort ist ein Trainingscenter“, erzählt er. „Schwimmbad, Laufbahn, Gym – alles an einem Ort. Man isst dort, trainiert, schläft. Das ist für den Kopf schon schwieriger als ein Trainingslager auf Mallorca.“ Drei Viertel der Einheiten auf dem Rad spulte er indoor ab, auch die meisten Laufkilometer, weil die Laufbahn draußen noch zugeschneit war. Ein Leben zwischen Schwimmbad, Rolle und Laufband. „Das ist schon speziell, aber es gehört für mich dazu, es macht mir nicht allzu viel aus.“
Singapur: 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent
Aus der Kälte der Sierra Nevada geht es nun über Darmstadt in die Hitze Singapurs, wo die Triathleten Luft- und Wassertemperaturen von mehr als 30 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von 85 Prozent erwarten. Dazu ein Backofeneffekt inmitten der Hochhauslandschaft der Megacity. „Ich weiß, was mich und die anderen erwartet“, sagt Noodt. „Da werden hinten raus wieder viele komplett einbrechen.“
Noodt hat sich in Darmstadt mit einem Hitzetraining auf die speziellen Bedingungen vorbereitet: Dreimal pro Woche trainierte er 55 Minuten lang auf der Radrolle – bei ausgeschaltetem Ventilator, geschlossenen Fenstern, laufender Heizung und in voller Winterkleidung. „Man kann sich das so vorstellen, dass ich in einer lockeren Intensität trete, ungefähr 240 Watt. Da starte ich mit einem Puls von 100 Schlägen. Nach einer Dreiviertelstunde ist der Puls schon bei 140 bis 145 Schlägen, womit ich normalerweise 350 Watt treten würde.“ Die Hitze drückt auf die Leistung. Die Anpassung kostet Schweiß und Durchhaltevermögen.
Seine Rennstrategie in Singapur will Noodt nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre (2023 war er Neunter) mit größter Vorsicht angehen: „Ich will recht konservativ ins Rennen gehen, was eigentlich nicht mein Stil ist. Vor allem das Laufen will ich konstant durchziehen, das ist mein Hauptziel.“ Er plant, Zwischensprints zu vermeiden, um nicht vorzeitig zu überhitzen.
Auch seine Reiseplanung hat er angepasst: Diesen Donnerstag fliegt er nach Singapur, neun Tage vor dem Rennen. Im Vorjahr hatte er es mit einer sechzehntägigen Akklimatisierung versucht, was keine gute Idee war. „Dadurch, dass die Bedingungen so extrem sind, hatte ich immer das Gefühl, nicht mehr richtig trainieren zu können und dass der mechanische Reiz für die Muskulatur quasi verloren geht, weil ich einfach zehn Sekunden pro Kilometer langsamer laufen muss als normal.
Deshalb habe ich dieses Jahr entschieden, so spät wie möglich anzureisen.“ Sein Ziel ist ein Platz in den Top Sechs. Er sei schon in guter Form, sagt er, aber noch nicht bei 100 Prozent. Die sehe seine Saisonplanung für das zweite Rennen in San Francisco vor.
Nach Singapur fliegt Noodt zurück nach Frankfurt, bleibt keine 24 Stunden in Darmstadt, um dann für weitere vier Wochen zurück in die Sierra Nevada zu reisen. Dort will er sich den letzten Schliff für San Francisco holen – und entscheiden, wie es weitergeht. Auf welcher Strecke. Eines steht jetzt schon fest: Sein ultimatives Ziel ist der Ironman. „Ich will irgendwann Hawaii gewinnen – und herausfinden, wie ich es schaffe, dorthin zu kommen.“
