Als Harry Kane sieht, dass einer der Eindringlinge einen Fehler gemacht hat, erkennt er sofort: dieses Spiel, das außer Kontrolle geraten ist, kann wieder unter Kontrolle gebracht werden. Weil nicht nur Kane das erkennt, steht er kurz danach mit vier Mitspielern des FC Bayern München vor dem Schiedsrichter. Sie alle haben gesehen, dass Eduardo Camavinga gerade einen Fehler gemacht hat, der in diesem Viertelfinale der Champions League alles verändern kann. Und als der Schiedsrichter dem Mittelfeldspieler von Real Madrid dann mit Verzögerung die Rote Karte zeigt, spricht viel dafür, dass der Fehler alles verändern wird.
Mittwochabend, Fußballarena in München-Fröttmaning. Es sind nur noch viereinhalb Minuten zu spielen im Rückspiel zwischen dem Rekordmeister aus Deutschland und dem Rekordmeister aus Spanien. Sowohl die Spieler als auch die Fans des FC Bayern verstehen zu diesem Zeitpunkt, dass vor ihren Augen nicht nur ein Fußballmatch, sondern ein Fußballraub stattfindet. Die elf Eindringlinge tragen das weiße Trikot von Real Madrid. Und als einer von ihnen, Eduardo Camavinga, Harry Kane foult, sieht es wirklich so aus, dass der Raub gelingen kann. Warum? Die Eindringlinge haben immer wieder gezeigt, dass sie wissen, wo die Schwachstellen in der Abwehr der Bayern sind. Und dass sie einen Spieler haben, der diese Schwachstellen ausnutzen kann.
Der französische Stürmer Kylian Mbappé ist mit dem Ball so schnell und so wendig, als wäre er der Amazing Yen, der chinesische Akrobat aus
„Ocean’s Eleven“, der in dem Film für den Erfolg des Einbruchs entscheidend ist, weil er durch die kleinsten Lücken passt. Wobei es an diesem Abend gar nicht den Amazing Yen gebraucht hätte, denn die Lücken in der Abwehr sind manchmal so groß, dass auch der chinesische Basketballspieler Yao Ming (2,29 Meter) hindurch gepasst hätte.
Neuers „Schweineball“
Als die Spieler aus München am Mittwoch auf das Feld kommen, empfangen die Fans in der Südkurve sie mit einem Bild und einer Botschaft. Das Bild: Zwei Hände, die einen Ball festhalten. Die Botschaft, die darunter steht: „Alles in unserer Hand“. So laut wie an diesem Abend ist es in der Arena selten. Doch schon nach 32 Sekunden ist dann eben nicht mehr alles in den Händen der Münchner. Weil in deren Mannschaft in der ersten Halbzeit dort auf einmal eine neue Lücke ist, wo im Bernabéu noch eine Wand war.
Mit seiner vieren Ballberührung will der Torhüter Manuel Neuer den Ball zu Josip Stanišić passen, nur landet der Ball nicht bei Stanišić, sondern bei Arda Güler, der ihn nur noch ins leere Tor schießen muss. Später wird Neuer sagen, dass das ein „Schweineball“ gewesen sei.
Die Bayern? Antworten mit einem Bayern-Spezial: Ecke, Kopfball, Tor. 1:1 durch Aleksandar Pavlović (6. Minute). Als Güler in der 29. Spielminute dann dank eines Freistoßes das nächste Mal schießen darf, ist Neuer dran, aber der Ball wieder drin. Der Freistoß war gut, vielleicht sogar saumäßig gut, aber der Bernabéu-Neuer hätte ihn gehabt.
Die Bayern? Antworten mit einem anderen Bayern-Spezial: Harry Kane, Schuss, Tor. 2:2. (38. Minute). Und geht Real vor der Halbzeit wieder in Führung, weil Vinícius Júnior eine seiner wenigen guten Aktionen in diesem Spiel hat, als er auf Mbappé passt, der ins Tor trifft.
Hat der Schiedsrichter einen Fehler gemacht?
In der zweiten Halbzeit geht es erst hin und her (einmal hält Neuer gegen Mbappé wieder wie der Bernabéu-Neuer), irgendwann aber nur noch hin. Bayern greift an, Real verteidigt. Und Verlängerung. Bis Camavinga einen Fehler macht. Er foult Kane, was folgenlos geblieben wäre, wenn er den Ball danach nicht in die Hand ge- und ein paar Schritte mitgenommen hätte. Der Schiedsrichter zeigt ihm sofort die Gelbe Karte, dreht sich dann ab wieder um, als wäre die Sache für ihn damit erledigt. Dann stehen Kane und vier weitere Bayern-Spieler vor.
Hat der Schiedsrichter einen Fehler gemacht? Hat er vergessen, dass er Camavinga wegen eines taktischen Fouls gegen Musiala davor schon eine Gelbe Karte gezeigt hat? Hat er Camavinga deswegen erst mit kurzer Verzögerung die Rote Karte gezeigt? Und wenn er es nicht vergessen hätte, hätte er Camavinga die zweite Gelbe dann nicht gezeigt, weil er gewollt hätte, dass so ein großes Spiel auch von Spielern entschieden wird?
Das mag alles so sein. Doch wer diesen FC Bayern ausrauben will, der darf sich nicht beim Ballklau erwischen lassen.
Der Fehler von Camavinga verändert alles. In der 89. Minute macht Luis Díaz in Überzahl mit einem tollen Schuss das 3:3 – ein Tor, über das er später sagen wird, dass es vielleicht das wichtigste seiner Karriere gewesen sei. In der Nachspielzeit macht Michael Olise dann mit einem noch tolleren Schuss das 4:3. Und so wird aus der Geschichte eines Raubes die Geschichte eines Teams und eines Trainers, die auch in der zweiten gemeinsamen Saison die Kontrolle verlieren können, aber nie den Glauben.
Als Vincent Kompany spät an diesem Mittwochabend auf dem Podium des Pressesaals sitzt, soll er sagen, wo dieses Spiel in seinem Trainerleben einzustufen sei. Und wovon erzählt er, der gerade gegen Real Madrid gewonnen hat? Er erzählt von Blackburn. Dort hat mit dem FC Burnley den Aufstieg in die Premier League geschafft.
Nicht die besten Spieler, aber das beste Team
Als nächstes wartet auf den FC Bayern ein Duell, das aber auch Kompany nicht wird kleinreden können. Seine Mannschaft spielt gegen Paris Saint-Germain um das Finale der Champions League. Und am Mittwochabend merkt man schon, dass seine Spieler dieses Spiel auch nicht kleinreden werden. Joshua Kimmich sagt, dass Paris „wahrscheinlich die formstärke Mannschaft in Europa“ sei und dass Paris und München „die beiden besten Teams in Europa“ seien. Manuel Neuer sagt auf die Frage, worauf sich der FC Bayern einstellen müsse: „Auf mit die beste Mannschaft der Welt, auf aggressives Anlaufen, auf sehr gutes Konterspiel, auf viel Eins-gegen-Eins auf dem ganzen Platz und Aktivität.“
Das ist aber noch nicht alles. Sie müssen sich einstellen auf den Stürmer Ousmane Dembélé, der Weltfußballer geworden ist. Auf den Mittelfeldspieler Vitinha, der ebenfalls ein guter Weltfußballer geworden wäre. Und auf Luis Enrique, den Trainer, der mit Paris die Champions League gewonnen hat, weil er dem Klub beigebracht hat, dass man nicht die besten Spieler, sondern das beste Team braucht.
So wichtig dieser Sieg für den FC Bayern und sein Selbstverständnis also war, so sehr sollte man eines nicht vergessen: Dass Real Madrid nicht das beste Team haben konnte, weil der Trainer Álvaro Arbeloa mitten in der Saison Xabi Alosnso ersetzt hat. Und auch wenn das erste Halbfinalspiel in Paris erst in zwei Wochen ansteht, lässt sich daher schon jetzt sagen: Das, was für Arbeloa’s Ten gereicht hat, wird für Enrique’s Eleven nicht reichen.
