Wer denkt schon bei einem toten Streifenhörnchen am Wegrand an etwas Böses? Wer bei einem Baum, der im Wasser schwimmt? Selbst die gruseligen Bilder, die Christof Schenck vor einiger Zeit auf dem Markt von Kisangani im Herzen des Kongowaldes gesehen hat, schrecken niemanden auf. Die Leute, auch die Afrika-Touristen, stapfen an den Käfigen mit Hörnchen, mit Fledertieren, am Geflügel vorbei, und allenfalls die geschlachteten Wildtiere, die offen auf den Tischen ausliegen und eine trübe Brühe aus Körperflüssigkeiten auf dem Boden hinterlassen, machen dem einen oder anderen eine Gänsehaut.
An Pandemie denkt hier trotzdem kaum einer. Der Frankfurter Biologe Schenck und seine Begleitung schon: „Das Erste, was wir getan haben, war die Stiefel gründlich zu reinigen.“ Das Kongobecken ist Ebola-Gebiet, unter anderem. Jahrzehnte lang war die Demokratische Republik Kongo auch das einzige Gebiet auf der Welt, in dem Ausbrüche mit „Mpox“ bekannt waren – damals noch Affenpocken genannt. Dann plötzlich breitete sich das Virus, das lebensgefährliche Hautläsionen verursachen kann, explosionsartig aus. Vor allem männliche Prostituierte und ihre Freier steckten sich an, viele Zehntausend. Zentral- und Westafrika waren der Hotspot, bis Sommer 2024 aber war das Virus auf fast allen Kontinenten angekommen. Die Weltgesundheitsorganisation rief eine „gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“ aus. Nach dem Verteilen effektiver Pockenimpfstoffe im Herbst vergangenen Jahres gingen die Fallzahlen dann rapide zurück. Die Notlage wurde offiziell für beendet erklärt.
Mpox-Risiko noch nicht abgehakt
Abgehakt ist das Mpox-Risiko aber nicht. Nicht bei Christof Schenk, dem expeditionserfahrenen Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, und erst recht nicht bei Fabian Leendertz, der in Greifswald das „Helmholtz-Institut für One Health“ leitet. Im Februar dieses Jahres hatten seine Mitarbeiter ein entscheidendes Puzzleteil rund um das Rätsel Mpox öffentlich gemacht: den Übertragungsweg des Virus und dessen plötzliches Auftauchen aus dem Urwald. Im Tai-Nationalpark an der Elfenbeinküste hatten vor drei Jahren afrikanische Mitarbeiter eines Schimpansen-Projekts ein totes, mit Mpox-Viren infiziertes Feuerfußhörnchen gefunden. Ein paar Wochen später waren in derselben Gegend plötzlich reihenweise Affen, Rußmangaben und ihre Babys mit den bei ihnen oft tödlichen Anzeichen von Mpox aufgefallen. Mindestens ein Drittel der Tiere hatte sich angesteckt. Die akribischen genetischen Analysen der Helmholtz-Forscher zeigten: Die Affen hatten sich Wochen zuvor mit exakt dem gleichen Virus wie das Streifenhörnchen angesteckt.
Dass Affen Streifenhörnchen jagen und fressen, ist lange bekannt. Die Virusübertragung von einer zur anderen Art war deshalb nicht überraschend. Entscheidend ist vielmehr der nächste Schritt: Der Kontakt zum Menschen. Der kommt immer öfter zustande, weil die schnell wachsende Bevölkerung in Ballungsräumen zusehends auf kleinere Tiere als Quelle für ihr „Wildfleisch“ – Bushmeat – zurückgreift. „Die großen Tiere verschwinden, während immer mehr Kleinsäuger gejagt werden“, sagt Leendertz. Der Grund dafür: Das Abholzen der Urwälder. Gute 40.000 Quadratkilometer afrikanischen Tropenwalds waren es im vergangenen Jahr, das entspricht der Fläche der Schweiz. Die Jahre davor waren es kaum weniger. Schenck meint dazu: „Wenn ich die Politiker zu beraten hätte, die sich um den Schutz vor der nächsten Pandemie zu kümmern haben, würde ich ihnen eine Sache empfehlen: Schützt den Tropenwald.“

Was Schenck damit meint: die unberührte Natur und die Artenvielfalt in den Wäldern schützen auch unsere Gesundheit: „Kaputte Regenwälder machen uns krank“, sagt er. Intakte Wälder dagegen stabilisieren das Klima und die Ökosysteme, minimieren Mensch-Tier-Kontakte und reduzieren so die Gefahr von Krankheitsübertragungen, die heute in kürzester Zeit auch die entferntesten Orte des Globus erreichen. Die „Verdünnungshypothese“ bildet das wissenschaftliche Fundament dafür, gestützt mittlerweile durch vielerlei Beobachtungsdaten. Sie geht so: Je größer der Artenreichtum, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass für Menschen gefährliche Erreger darin vorkommen. Umgekehrt gilt: Je artenärmer ein Lebensraum, desto höher ist die Chance, dass der Mensch mit einer an Individuen reichen Art in Kontakt kommt, die einen potentiell gefährlichen, anpassungsfähigen Erreger in sich trägt.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Covid-19-Pandemie war die bisher bitterste Lehrstunde, die eine völlig unvorbereitete Weltöffentlichkeit mit den gefährlichen Mechanismen solcher vom Tier auf den Menschen übergehenden Krankheiten – Zoonosen genannt – konfrontierte. Noch weniger als das Coronavirus hatte man Mpox als potentiellen Pandemieerreger auf der Rechnung, sagt Leendertz. „Inzwischen sehen wir einen ganzen Strauß an Virusvarianten, die immer wieder neu übertragen werden können“ – die aber wegen der speziellen Übertragungsweise und der zunehmenden Immunisierung auch durch Vakzine nicht als akute Gefahr gesehen werden.
2,5 Milliarden zoonotische Infektionen jährlich
Immer wieder reicht aber eine einzige Ansteckung, ein einzelner folgenschwerer Tier-Mensch-Kontakt aus, um katastrophale Ausmaße anzunehmen. Schätzungsweise zweieinhalb Milliarden Infektionen jedes Jahr werden weltweit durch Zoonosen verursacht. Fast zwei Drittel aller Infektionskrankheiten und sogar drei Viertel aller neu auftretenden Erreger stammt aus dem Tierreich. In einem 2020 vom Weltbiodiversitätsrat erschienen Bericht ist von 1,7 Millionen Viren in Säugetieren und Wasservögeln die Rede, von denen etwa 40 bis 50 Prozent die Fähigkeit haben könnten, Menschen zu infizieren. Eine mit Unsicherheiten behaftete Schätzung, aber entscheidender als die Zahl ist für Experten wie Leendertz die Frage: Wann werden sie zum Gesundheitsrisiko für alle?

„One Health“ ist der Begriff dafür, der spätestens seit der Corona-Krise fest etabliert ist. Er steht für einen Dreifachschutz: Gesunde Tiere, gesunde Umwelt, gesunde Menschen – alles muss zusammengedacht werden. Anfang dieses Monats haben in Lyon die Vereinten Nationen zum bisher größten „One-Health“-Kongress zusammengerufen, es wurde die Bildung eines Netzwerks von inzwischen 800 Instituten und Kliniken gefeiert. Obwohl manche Ressourcen politisch gekappt werden wie die Milliarden aus dem amerikanischen USAID-Topf, oder durch Kürzungen wie bei der deutschen Entwicklungshilfeorganisation GIZ, fließt seit der Corona-Pandemie doch insgesamt mehr Geld in die Pandemiearbeit. Allein der bei der Weltbank eingerichtete Pandemiefonds hat bis Anfang diesen Jahres schon einige Milliarden Dollar an direkten oder indirekten Hilfen von Staaten und großen Stiftungen mobilisiert – oder zumindest Zusagen dafür erhalten. Fast anderthalb Milliarden Dollar an Fördermitteln, vor allem für den Pandemieschutz. „Es hat sich seit Corona schon einiges verändert, die Diagnostik ist auch in den Ländern Afrikas vorangekommen“, sagt Forscher Leendertz. Aber viel von dem Geld bliebe in den Großstädten und ihren Labors hängen, obwohl die entscheidenden Maßnahmen eher in den entlegenen Regionen getroffen werden müssten. Tier-Mensch-Kontakte würden oft viele Jahre zu spät erkannt. „Wir kratzen an der Oberfläche, wenn wir sagen, wir könnten jetzt wenigstens die kleinen Feuer erkennen, bevor sie größer werden“, sagt er. „Besser wäre es, wenn generell weniger Feuer entstehen.“ Nach Expertenschätzungen hat allein die Corona-Krise bis 2025 das weltweite Bruttoinlandsprodukt um 22 Billionen Dollar geschmälert.
Auch der Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, Christof Schenck, wirbt deshalb vehement für eine gezieltere Vorsorge: „Ein Prozent von den schätzungsweise 350 Milliarden Euro, die uns in Deutschland die Covid-Pandemie gekostet hat, für den Biodiversitätsschutz wären als Beitrag zur Pandemieprävention das Mindeste.“
Nicht nur die marginalen Erfolge und vielerorts sogar Rückschritte beim Naturschutz in den Tropenwaldregionen sprechen dafür, dass der Kampf gegen Zoonosen bisher wenig greift. Auch die neuesten Bilanzen aus dem internationalen Tierhandel sprechen gegen eine Entwarnung: Im renommierten Wissenschaftsmagazin „Science“ publizierten Forscher aus Lausanne in dieser Woche zusammen mit amerikanischen Kollegen eine Bestandsaufnahme der Zoonose-Risiken durch den Wildtierhandel mit 2079 in offiziellen Datenbanken registrierten Klein- und Großsäugerarten. Ergebnis: In den zurückliegenden vierzig Jahren ist das Risiko von Erregerübertragungen durch den weiter florierenden Handel gestiegen. Wildtiere, die legal gehandelt werden, haben ein um fünfzig Prozent höheres Risiko, einen ansteckenden Krankheitserreger – ob Viren oder Bakterien – zu tragen. Dieses Risiko ist im illegalen Handel wegen der schlechten Haltungsbedingungen sogar noch größer. Dazu kommt: Je länger die Tiere im weltweiten Handel präsent sind, desto größer das Zoonose-Risiko – pro Jahrzehnt taucht statistisch gesehen ein weiterer potentieller Krankheitserreger in der jeweiligen Tierart auf.
Die globale Vernetzung der Erreger macht nirgends halt, offenbar auch im Wasser nicht. Vor wenigen Wochen ist eine Studie chinesischer Wissenschaftler im Fachmagazin „Nature Microbiology“ publik geworden, in der von der Häufung eines schweren Augenleidens bei Fischereiarbeitern berichtet wurde.
Das auslösende CMNV-Virus stammt ursprünglich aus Krill, einem polaren Krustentier, das zu Futtermehl verarbeitet wird. Wie Leendertz in einem Kommentar schrieb, ist es die erste bekannte „aquatische Zoonose“. Noch weiß man nicht, wie verbreitet die Viren sind, aber klar scheint: In wärmeren Gewässern fühlt sich der Erreger aus dem Eiswasser besonders wohl. Shrimps und andere „Meeresfrüchte“ dürften folglich bald auch virologisch eine größere Nachfrage erfahren.
