Im Hauseingang sitzt Erika „Ricky“ Wild auf einem alten Stuhl, ihre Hände zittern, sie zieht an der Zigarette. Die Gerichtsvollzieherin ist gerade erst wieder gegangen, das Schloss zu der Bar im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, die Wild 55 Jahre lang führte, wurde ausgewechselt. Kisten mit leeren Flaschen stehen auf dem Gehweg, Pappkartons voller Biergläser – und ein Hexenbesen aus Reisig. Den hat jemand aus dem Keller mit hochgebracht. War er vielleicht ein Überbleibsel einer wilden Faschingsparty? Könnte gut sein.
Doch im „La Gata“ wird nicht mehr gefeiert. Am Montagmorgen wurde die Kneipe für immer geschlossen. Acht Frauen sind gekommen, um die 85 Jahre alte Wirtin Wild beim Räumungstermin zu unterstützen. Dass ihnen nahegeht, was gerade passiert, ist unübersehbar. Mit versteinerten Mienen stehen sie da, Tränen fließen.
Nicht nur für sie endet mit der Räumung des Ladens eine Ära: Das „La Gata“ (spanisch für „Die Katze“) war Frankfurts einzige Lesbenkneipe. Und wahrscheinlich war sie sogar die älteste Bar für Lesben weltweit. 1971 hat Wild das „La Gata“ eröffnet. „Ich bin fix und fertig, ich kann nicht mehr“, sagt sie. „Ich habe alles in diese Kneipe gesteckt, all meine Liebe.“
6500 Menschen unterzeichnen den Aufruf zur Rettung der Bar
Die Nachricht, dass der „La Gata“-Betreiberin gekündigt worden war, hatte Anfang des Jahres schnell die Runde gemacht – und zu einer Welle der Solidarität geführt. Eine Unterstützerinnengruppe hatte sich bald zusammengefunden, eine Demonstration wurde organisiert, mehr als 6500 Menschen unterzeichneten eine Onlinepetition für den Erhalt der Bar.
Und auch aus der Kommunalpolitik erhielt Wild viel Rückenwind. Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) und die Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg (Die Grünen) forderten die Vermieterin auf, ihre Kündigung zurückzuziehen, auch aus der Linkspartei und von CDU-Politikern wurde Wild unterstützt. Und Marcus Gwechenberger, sozialdemokratischer Planungsdezernent in Frankfurt, hatte versucht, zwischen der Barbetreiberin und der Hauseigentümerin zu vermitteln – ohne Erfolg. Zuletzt hatten Wilds Unterstützerinnen noch einen Räumungsschutzantrag am Frankfurter Landgericht gestellt. Am Freitag wurde er abgelehnt.

„Das ist ein Drama“, sagt Verena David. Sie ist die queerpolitische Sprecherin der Frankfurter CDU und hat selbst unzählige Abende in Wilds Bar verbracht. Am Morgen hat sie noch ein Schwarz-Weiß-Foto aus der Kneipe geholt, das ihr immer gefallen hat: Eine schlanke, junge Frau ist darauf zu sehen, im Tanktop, mit Pork-Pie-Hut auf dem Kopf, rauchend. Als die Musikbox aus der Bar herausgetragen wird, muss David kurz weinen.
„Das bricht einem das Herz“, sagt Eli, 29 Jahre alt. Sie hat das „La Gata“ seit etwa einem Jahr regelmäßig besucht. Mit dem Ende der Bar verschwinde ein wichtiger „Safe Space“ für die lesbische Gemeinschaft, meint sie. „Als Lesbe oder Schwuler hast du das Problem, dass du dich immer irgendwann outen musst“, sagt Eli. „Nur an Orten wie diesem hier ist das anders. Nur hier können wir hingehen und alles ist selbstverständlich.“
Die Vermieter sehen sich als Opfer einer politischen Kampagne
Die Vermieterin kommt zum Räumungstermin gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten. Als Pressefotografen das Geschehen dokumentieren wollen, reagiert er gereizt. Er stellt sich vor einen der Fotografen und versucht, ihn zurückzudrängen.
„Wir wollen uns nicht äußern“, sagt der Mann. Und redet schließlich doch. Es seien „Fehlinformationen“ über sie verbreitet worden, sie seien zum Opfer einer politischen Kampagne geworden, sagt er. Die Vorwürfe, Wild sei aus „Profitgier“ gekündigt worden, nennt er falsch. „Es ging uns um die Sicherheit“, sagt der Mann. Schon lange hätten sie eine Brandschutzsanierung geplant. Die Wirtin aber habe sich geweigert, ihre Kneipe „für zwei oder drei Monate“ zu schließen, um die Arbeiten zu ermöglichen.
Das sei falsch, entgegnet später Annette Kühn, eine der Unterstützerinnen von Wild und im Vorstand des Queeren Kulturhauses in Frankfurt aktiv. „Es gab nie eine Beschwerde wegen des Brandschutzes.“ Bis zuletzt habe es außerdem immer wieder Gesprächsangebote gegeben, um Probleme zu klären. Wild sei auch bereit gewesen, mehr Miete zu zahlen.
All das spielt nun keine Rolle mehr: Das „La Gata“ ist Geschichte. Nach dem Austausch der Schlüssel stehen die Wirtin und die Frauen, die sie in den vergangenen Monaten intensiv unterstützt haben, vor dem Kneipeneingang eng beisammen. Ruhig, traurig, erschöpft. „Diese Bar war mein Kind, das gibt es nun nicht mehr“, sagt Ricky Wild.
