Was zeichnet einen großen Champion aus? Um diese Frage geht es im Radsport, nicht erst seit Wout van Aert am Sonntag bei Paris—Roubaix zum lange ersehnten Triumph bei einem großen Kopfsteinpflasterklassiker gerast ist. Aufgeworfen hat sie einer, der es wissen müsste: Adrie van der Poel, früher selbst Profi und Sieger bei großen Rennen, hat eine Vorstellung davon, wie unbequem es im Radsport werden kann, wenn einem der Gegenwind ins Gesicht bläst wie seinem Sohn Mathieu vor einer Woche.
Als der Filius dafür kritisiert wurde, dass er bei der Flandern-Rundfahrt mit Pogačar zusammengearbeitet hatte, obwohl ziemlich sicher schien, dass dieser ihn an einem der letzten Anstiege abhängen würde, schwang sich der Vater zum Verteidiger auf: Große Champions machten das so, sagte er. Und wenn das nicht mehr der Fall sein sollte, höre er auf, Radsport zu schauen.
Van Aert hat ihm am Sonntag einen Grund dafür gegeben, das rote Knöpfchen der Fernbedienung zu drücken. Immer dann, wenn Pogačar ihn attackierte und er „am Limit“ war, wie er hinterher sagte, verweigerte der spätere Sieger die Führungsarbeit. Wäre er nur einmal mehr vorne im Wind aufgetaucht, hätte Pogačar ihn vielleicht am nächsten Pflasterstück abgehängt. „Er ist eine sehr gute Attacke gefahren in der ersten Kurve von Mons-en-Pévèle, die ich gerade so parieren konnte“, sagte van Aert über das Pflasterstück knapp 50 Kilometer vor dem Ziel: „Es war ein guter Moment, um zu realisieren, dass er der Stärkste im Peloton ist. Von da an wusste ich, dass ich an seinem Hinterrad bleiben muss.“
Seine Stärken liegen im Sprint
Der Belgier sprang über seinen Schatten. Kein Profi verweigert gern die Führung, weil das auf den ersten Blick Schwäche offenbart. Dabei geht es nur darum, die eigenen Stärken richtig ausspielen zu können. Und die liegen bei van Aert nicht darin, den Gegner mit Attacken zu zermürben, wie Pogačar das macht, weil er ermüdungsresistenter ist als alle anderen. Sie liegen im Sprint, wenn er mit dem Slowenen gemeinsam im Velodrome von Roubaix ankommt. Van Aert hat gewonnen, weil er wusste, dass er wahrscheinlich nicht gewinnen wird, wenn er uneingeschränkt mit Pogačar kooperieren würde.
Seit einer ganzen Weile sucht das Peloton nun schon ein Mittel gegen den übermächtigen Pogačar. Bei van Aerts Team Visma-Lease a Bike haben sie zumindest einen Ansatz, mit dem das Team und der gesamte Radsport (häufiger) gewinnen können: „Wir müssen alle aufhören, vorne mitzufahren, wenn van der Poel und Pogačar dabei sind“, sagte van Aerts Teamkollege Tiesj Benoot schon im Januar. „Wer anfängt, ihnen zu helfen, fährt für den zweiten Platz.“
Eine Anti-Pogačar-Allianz wird die Radsportwelt nicht sofort auf den Kopf stellen. In vielen Rennen ist er auch dann nicht zu knacken, wenn sich das gesamte Peloton gegen ihn und sein Team verschwört. Doch viel zu oft ist das Gegenteil noch der Fall. Benoot hat recht. Wer nicht über die Waffen von Pogačar verfügt, darf nicht mit ihm in den Kampf ziehen.
Der Cleverere kann den Stärkeren besiegen – dieser Grundsatz verleiht diesem Sport seine Faszination. Van Aert war am Sonntag nicht der Fahrer, der über den längsten Zeitraum die größte Wattzahl in Relation zu seinem Körpergewicht treten konnte. Dass er trotzdem triumphierte, weil er clever fuhr, macht ihn zu einem wahren Champion.
