Früher war alles – anders. Damals erinnerte Stefan Lövgren seine Kieler Mitspieler daran, zum Sponsorentermin doch bitte im Trikot zu erscheinen. Damals bat Tobias Karlsson in Flensburg den Trainer darum, an Tickets für die Familien zu denken. Und damals half Holger Glandorf seinen skandinavischen Kollegen beim Ausfüllen der Kindergeld-Anträge. Das soziale Miteinander trug ein Team unter sich aus; helfen, Hilfe bekommen, den Alltag organisieren: Das war Aufgabe der Führungsspieler. Und immer waren soziale Spieler wie Lövgren, Karlsson auch die Anführer im Spiel. Ihre jeweiligen Trainer und Sportchefs konnten sich darauf verlassen, dass die Teamhygiene stimmte. Sie konnten sich auf ihre eigentlichen Jobs konzentrieren.
Wer sich mit Verantwortlichen deutscher Handball-Spitzenklubs unterhält, löst verklärte Blicke aus und hört Schwärmereien, wenn es um die Jahre bis 2018, 2020 geht. Denn es gibt einen Kulturwandel zu beobachten. Überall werden die Chefs vermisst, und es wird nach jungen Spielern mit Führungseigenschaften auf und neben dem Parkett gesucht, ob in Flensburg, Kiel, Magdeburg oder Berlin.
Was früher „die Kabine“ unter sich regelte – siehe erwähnte Beispiele –, wird heute in den Aufgabenbereich des Vereins delegiert. „Junge Spieler sind anspruchsvoller geworden“, sagt Geschäftsführer Viktor Szilagyi vom THW Kiel, „sie verlangen eine klare Perspektive und individuelle Förderung.“ Die Spieler wollten genau wissen, welche nächsten Karriereschritte die Vereine mit ihnen vorhaben. Auch Trainingsinhalte und Spielstile werden hinterfragt: „Das alte ,Wir machen es so, weil ich es sage‘, funktioniert eher weniger.“
Allgemeine Überforderungen unter Machulla
Interessant ist, dass Szilagyi das nicht als Kritik an einer neuen Spielergeneration verstanden haben will, sondern als Auftrag ans Vereinsmanagement, mit der Zeit zu gehen und Arbeitnehmern zum einen Wünsche zu erfüllen, zum anderen Wege aufzuzeigen. Durch derart klare Kommunikation und Verdeutlichung der Pläne mit ihnen haben die Kieler jüngst die umworbenen und selbstbewussten Nationalspieler Justus Fischer und Julian Köster verpflichten können. Auch die Ansprüche an die medizinische Versorgung, Athletiktraining und Infrastruktur sind gewachsen.

Die veränderte Verantwortung erlebte Trainer Maik Machulla in seiner Flensburger Spätphase Anfang der zwanziger Jahre. Als dem erfolgsverwöhnten Team die Anführer Tobias Karlsson und Lasse Svan durch das jeweilige Ende der Karriere verloren gingen, wandten sich Profis mit simplen Fragen an ihn. VIP-Karten, Parkplätze, plötzlich sollte er das regeln. Der Wille im Team schwand, sich selbst zu rühren und Dinge vom Trainer fernzuhalten. Die allgemeine Überforderung durch zu viele unnötige Anfragen war im Rückblick ein Grund, warum Machulla 2023 gehen musste.
Der straffen, internen Führung aus den Meisterjahren 2018 und 2019 trauert die SG bis heute hinterher. Geschäftsführer Holger Glandorf und der Sportliche Leiter Ljubomir Vranjes versuchen, wieder ein Team mit klarer Kante aufzubauen. Vranjes aber glaubt, dass Spieler zu sozialer Verantwortung und zu einem bewussten Führungsanspruch nicht so einfach zu entwickeln sein werden: „Diese Zeit ist vorbei.“ Die Prototypen des „Handball-Chefs“ im aktuellen Betrieb wie Domagoj Duvnjak vom THW, Christian O’Sullivan in Magdeburg oder der Berliner Mijajlo Marsenic sind ihrem 40. Lebensjahr näher als dem 30. Es scheint auch zielführender, sich damit abzufinden, als den „guten, alten Zeiten“ nachzutrauern.
Lifestyle-Teilzeit unter Handballer?
Man muss es nicht gleich Lifestyle-Teilzeit nennen wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Aber den Klub-Bossen fällt schon auf, dass ihre jungen Stars ein ausgeprägtes Leben neben dem Parkett führen. Homeoffice, Remote Work oder Workation sind zugegeben unmöglich für Handballprofis. Ihnen sind bei flexibler Arbeitsorganisation die Hände gebunden. Die Bereitschaft, für den Verein über die 60 Minuten eines Spiels hinaus „alles zu geben“, scheint im gleichen Zuge von vielen eingemottet worden zu sein. Dazu gehört auch, den Arbeitgeber schneller zu wechseln, um vielleicht mehr von der Welt zu sehen oder einer ungemütlichen Konkurrenzsituation aus dem Weg zu gehen, nach dem Motto: „Dort spiele ich auf jeden Fall!“
Längst haben die Top-Klubs gemerkt, dass ein größerer Trainerstab, eine breiter aufgestellte Geschäftsstelle sie besser für die Kooperation mit den selbstbewussten Teens und Twens aufstellt. Es wäre wenig überraschend, sähe man demnächst mehr Cheftrainer-Duos wie beim Bergischen HC oder Team-Mitarbeiter, die sich um Sorgen und Nöte der Jungprofis und ihrer Familien kümmern: Wohnung suchen, Auto anmelden, Kita finden.
„Onboarding“ nennt man das im Bereich von „New Work“, inklusive Luftballons und Obstkorb am Arbeitsplatz sowie eines After-Work-Drinks nach überstandenem Start. Auch hier haben sich die Zeiten beim Handball geändert: Wo früher als teambildende Maßnahme eine Kiste Bier in die Kabine geschoben wurde, ist es heute noch eine Flasche Gerstensaft. Oder gleich ein Wasser, weil es der Regeneration dienlich ist.
Weil auf die Stellenbeschreibung „männlich, mutig, jung“ nur so wenige Bewerber passen, ist der Kampf um die Begehrten groß. In Flensburg kann Marko Grgic in diese Rolle wachsen. Er hat den X-Faktor. Doch viele seiner Art gibt es nicht. Also werden sich die Vereine bei ihrer Spielerauswahl und Nachwuchsförderung an die neuen Ansprüche anpassen und auf die alten „Allesregler“ verzichten müssen. Was im Grunde keine schlechte Nachricht ist.
