Carsten Franzke, der Geschäftsführer des Düngemittelherstellers SKW Piesteritz, kämpft seit Jahren um bessere Standortbedingungen für die energieintensive Branche in Deutschland. Die Krise im Nahen Osten, die auch die Preise für Düngemittel in die Höhe treibt, liefert ihm dafür neue Argumente. „Der Ausweg aus der Straße von Hormus verläuft über die Möllensdorfer Straße in Wittenberg“, sagte Franzke am Rande eines Besuchs von EU-Agrarkommissar Christophe Hansen und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) am Firmensitz. Das Unternehmen gehört zu den größten Herstellern von Düngemitteln in Deutschland.
Hansen schätzt die Bedeutung der europäischen Düngemittelindustrie offenbar ähnlich wie Franzke ein. Werksschließungen innerhalb der Europäischen Union müssten unbedingt verhindert werden, um sich nicht in die Abhängigkeit von anderen Ländern zu begeben, sagte er bei seinem Besuch in Wittenberg. Der SKW-Chef nutzte die Gelegenheit und warb bei dem Besuch aus Brüssel für Entlastungen der Branche im Rahmen des Europäischen Emissionshandelssystems.
Die Blockade der Straße von Hormus, über die neben Öl und Gas auch rund ein Drittel des Welthandels mit Düngemitteln abgewickelt wird, unterstreiche die Bedeutung der Düngemittelindustrie für die Versorgungssicherheit in Europa, sagte Franzke. Um die industrielle Basis der Grundstoffchemie in Europa zu erhalten, müssten kurzfristige Maßnahmen ergriffen werden, sagte er. Zusätzliche Belastungen im Rahmen des Emissionshandels stellten derzeit die größte Gefahr für die Unternehmen dar, sagte Franzke.

Stickstoffwerk läuft auf vollen Touren
Hansen arbeitet schon länger an einem Düngemittel-Aktionsplan, der im Mai vorgestellt werden soll. Am Montag traf sich der EU-Agrarkommissar dazu mit hochrangigen Vertretern der Landwirtschaft und der Düngemittelindustrie in Brüssel. „Wir haben glücklicherweise Standorte wie hier in Piesteritz, die funktionieren und ihre Hausaufgaben mit Blick auf die Reduktion von Emissionen gemacht haben“, sagte er am Freitag nach mehrstündigen Gesprächen und einer Bustour über den 220 Hektar großen Chemiepark in Wittenberg. Zugleich müsse sichergestellt werden, dass die Landwirtschaft Düngemittel zu akzeptablen Preisen beschaffen kann.
Bislang sind von der Krise im Nahen Osten und von den Folgen für den Düngemittelmarkt vor allem die Landwirte betroffen. „Die europäische Düngemittelindustrie kann die gestiegenen Produktionskosten bisher noch weitergeben“, sagt Claudia Wlk, Expertin für den europäischen Düngemittelmarkt in der Preisberichtsagentur Argus. Wichtigster Rohstoff für die Herstellung von Stickstoffdünger ist Erdgas, das sich seit Beginn des Krieges im Nahen Osten stark verteuert hat und die Düngemittelpreise treibt. Wegen der Verknappung des Angebots von Düngemitteln und der seit dem Sommer geltenden Zölle auf Harnstoffimporte aus Russland stehen den Landwirten in der EU wenig Alternativen zur Verfügung.
Die Nachfrage nach Düngemitteln aus Wittenberg ist nach Angaben von SKW-Chef Franzke hoch. Die Anlagen im Werk laufen auf vollen Touren. „Wir sichern die Saison der Landwirte ab“, sagt Franzke. In Deutschland werden die Felder seit Anfang März gedüngt. In den kommenden Wochen starten die Aussaat und Düngung für Mais. Im vergangenen Jahr hatte SKW Piesteritz wegen der schwierigen Marktbedingungen ungefähr zur gleichen Zeit eine von zwei Ammoniakanlagen abgeschaltet. Nach zwei verlustreichen Jahren stand 2025 unter dem Strich wieder eine schwarze Null. Das Werk zählt fast 900 Beschäftigte. Insgesamt hängen nach Einschätzung von SKW Piesteritz knapp 10.000 Arbeitsplätze an dem Agrarchemiestandort.
Geschäftsaussichten bleiben unsicher
Die Geschäftsaussichten für die Düngemittelbranche in Europa bleiben nach Einschätzung von Marktbeobachtern unsicher. „Das Risiko wächst, dass sich Landwirte den teureren Dünger bald nicht mehr leisten können, da die Getreidepreise nicht gestiegen sind“, sagt Claudia Wlk. In Süd- und Osteuropa sei bereits ein Nachfragerückgang zu verzeichnen, sagt die Analystin von Argus. Eine ähnliche Entwicklung sei für die kommenden Monate auch in Nord- und Westeuropa zu erwarten. „Spätestens wenn die aktuelle Saison vorbei ist und es an die Planung für das kommende Jahr geht“, sagt Wlk.
Aus der Agrarindustrie wurden zuletzt erste Rufe nach einer Aussetzung der Zölle auf Düngemittel aus Russland laut. Ihnen erteilte EU-Agrarkommissar Hansen bei seinem Besuch in Wittenberg eine Absage. „Das wäre kontraproduktiv. Wir dürfen nicht wieder in alte Abhängigkeiten laufen und wollen auch keine Kriegsindustrie in Russland unterstützen“, sagte der EU-Agrarkommissar. Die im Sommer verhängten Zölle auf russischen Harnstoff haben die Marktposition von europäischen Herstellern gestärkt.
Für eine Entlastung der Unternehmen sorgte zum Jahresanfang auch die Abschaffung der Gasspeicherumlage in Deutschland. SKW Piesteritz hatte die Umlage zuletzt mit 40 Millionen Euro oder rund fünf Prozent des Umsatzes belastet. In der gleichen Größenordnung schlugen bei dem Unternehmen im vergangenen Jahr die Ausgaben für Zertifikate im Rahmen des Emissionshandelssystems zu Buche. Sie treiben Carsten Franzke besonders um. „Die weiter steigenden Kosten im Rahmen des Emissionshandels sind das Problem“, sagt er.

Das Werk verbraucht mehr Gas als die Stadt Berlin
SKW Piesteritz investiert seit Jahren in Effizienzmaßnahmen und die Reduktion der Kohlendioxid-Emissionen in der Produktion, plant den verstärkten Einsatz von Biomethan und will perspektivisch auch grünen Wasserstoff nutzen. Heute setzt das Unternehmen zur Herstellung von Ammoniak und Harnstoff im sogenannten Haber-Bosch-Verfahren Erdgas als Rohstoff ein. Der jährliche Bedarf des Werks liegt in der Größenordnung von 14 Millionen Terawattstunden. SKW Piesteritz verbraucht damit mehr Gas als die Millionenstadt Berlin und zählt zu den größten industriellen Verbrauchern in Europa.
Franzke steht zur Transformation in Richtung Klimaneutralität. „Damit wir sie hinbekommen, brauchen wir wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen“, sagt er. Die EU-Kommission plant bereits Erleichterungen für die Industrie im Rahmen des Emissionshandels, etwa mit Blick auf das Angebot von Gratiszertifikaten. Der bisher geplante Abbau dieser Zertifikate, der nach Einschätzung von Franzke bis 2034 zu einer Verzehnfachung der Kosten und damit zum sicheren Ende für SKW Piesteritz führen würde, soll gestreckt werden. Parallel würden von der Kommission aber Pläne weiterverfolgt, die Bedingungen für die Zuteilung dieser Zertifikate zu verschärfen, sagt Franzke.

Würden diese Pläne umgesetzt, könnte sich das allein am Standort Wittenberg schon in diesem Jahr mit bis zu 20 Millionen Euro niederschlagen, sagt er. Im Agrofert-Konzern, zu dem SKW Piesteritz seit 2006 komplett gehört, könnten insgesamt Zusatzkosten in der Größenordnung von 50 Millionen Euro anfallen. Das entspricht genau dem Investitionsvolumen, das die tschechische Unternehmensgruppe zuletzt für das Stickstoffwerk in Wittenberg angekündigt hat. Die Ankündigung erfolgte Mitte März nach einem Besuch von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze beim tschechischen Premierminister Andrej Babiš, der Agrofert 1993 gegründet hat. Die Kontrolle über das Unternehmen hat Babiš mittlerweile an einen Treuhandfonds übertragen.
Schulze und Babiš hatten bei ihrem Treffen Mitte März in Prag auch Kritik am bestehenden europäischen Emissionshandel geäußert. Das Instrument sei grundsätzlich richtig, sorge in seiner derzeitigen Ausgestaltung aber dafür, dass Unternehmen wie SKW Piesteritz benachteiligt werden, sagte Schulze jetzt beim Besuch mit EU-Agrarkommissar Hansen in Wittenberg. „Wir wissen, dass es dazu in Brüssel Bewegung gibt, auch wenn die Bundesregierung hier nicht immer mit einer Stimme spricht“, sagte Schulze.
SKW-Chef Franzke hat konkrete Vorstellungen, wofür sich die Bundesregierung in Brüssel starkmachen sollte: „Friert das Emissionshandelssystem ein, nehmt Ammoniak zumindest temporär aus dem Emissionshandel aus, damit wäre uns schon geholfen“, sagt er. Der Kampf um den Standort geht auf jeden Fall weiter. Mit der geplanten Reform der Methanverordnung drohe bereits die nächste „Deindustrialisierungsinitiative“ aus Brüssel.
