Es ist Samstagnachmittag und das Wetter für einen Kerbebesuch eigentlich optimal. Trotzdem sind nur wenige Besucher auf dem Wiesbadener Frühlingsfest unterwegs. Die traditionsreiche Veranstaltung läuft nun zum zweiten Mal auf dem Gelände des ehemaligen Real-Marktes an der Mainzer Straße – und die Schausteller rufen die Politik zu Hilfe, weil sie um die Zukunft des Festes fürchten. Die Stadt prüfe, einen festen Kerbeplatz an der Salzbachaue zu schaffen, sagt Bürgermeisterin Christiane Hinninger (Die Grünen).
„Die 1200 Jahre anhaltende Tradition der Schausteller gehört seit Kurzem zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO, wir bauen darauf, dass die Stadt Wiesbaden uns hilft, ein geeignetes Gelände für eine gute Zukunft zu finden“, sagt Werner Laux, Vorsitzender der Wiesbadener Schausteller, während der Eröffnung des Frühlingsfestes am Freitagmittag.
Bei CDU-Politiker Gerhard Obermayr rennt er damit offene Türen ein. „Wir brauchen einen Kerbeplatz“, bestätigt der ehemalige Stadtverordnetenvorsteher. Zudem sei die nur viertägige Dauer des Festes eine wirtschaftliche Herausforderung für die Schausteller. Und Thomas Schreiner, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Kerbe- und Brauchtumsvereine, weist darauf hin, dass sich die Vereine seit Jahren einen festen Platz in der Stadt wünschen.
Busse parken an der Salzbachaue
In der Tat bitten Wiesbadens Schausteller schon seit vielen Jahren darum, die Salzbachaue in der Nähe des Hauptbahnhofs für sie zu öffnen. Bislang war das nicht möglich, weil das Busunternehmen Eswe Verkehr dort notgedrungen seine Fahrzeuge parkt. Erst wenn das städtische Unternehmen über einen zweiten Betriebshof verfügt, wäre der Platz für andere Nutzungsmöglichkeiten verfügbar. Eine solche Lösung zeichnet sich nun ab, aber noch ist nichts entschieden.
Mehr als 60 Jahre wurde das Frühlingsfest auf dem Elsässer Platz gefeiert. Dort hat die Stadt jedoch andere Pläne und die Schausteller mussten weichen. „Es wird ein neuer Platz für das Frühlingsfest benötigt, denn wir bauen den Elsässer Platz in einen naturnahen Park um, der den Anwohnern in dem dicht besiedelten Stadtteil einen Platz zum Wohlfühlen und zur Entspannung bieten wird“, sagt Bürgermeisterin Hinninger. Der Stadt sei es ein „großes Anliegen“, einen dauerhaften und stadtnahen Ort für das Frühlingsfest und ähnliche Veranstaltungen zu finden. Die Planungen dazu seien noch nicht abgeschlossen, die zuständige Wiesbaden Congress und Marketing GmbH (WICM) befinde sich in Gesprächen.

„Die WICM prüft gerade und trägt die Zahlen zusammen“, antwortet Hinninger am Rande der Veranstaltung auf die Frage, ob und wann ein Festplatz an der Salzbachaue möglich sei. Die Entscheidung liegt laut Bürgermeisterin jedoch bei der Stadtverordnetenversammlung. Sie geht davon aus, dass die Politik im Sommer dieses Jahres alle Fakten dafür vorgelegt bekommt. Dabei drängt die Zeit, denn der Investor Brawo Re Property Management Braunschweig möchte offenbar im kommenden Jahr mit den Arbeiten auf dem Real-Gelände beginnen – dann kann das Frühlingsfest auch dort nicht mehr veranstaltet werden. „Wir fahren ein Stück auf Sicht“, sagt die Grünen-Politikerin und erinnert daran, dass das Areal an der Mainzer Straße ursprünglich sogar nur einmal zur Verfügung stehen sollte. Sie wisse, dass der Platz nicht die erste Wahl der Schausteller sei, aber noch funktioniere das einigermaßen.
Für die Schausteller ist der Platz jedoch eine Herausforderung. Vergangenes Jahr beteiligten sich noch etwa 60 Betreiber am Frühlingsfest, in diesem Jahr sind es laut Laux nur noch knapp 50. „Die Leute sehen hier keine Perspektive und entscheiden sich daher für andere Veranstaltungen“, sagt er und hofft weiter auf die Salzbachaue: „Das wäre unsere Königslösung.“ Der Schaustellerchef weiß aber auch, dass diese Lösung mehr Zeit braucht. „Im Moment haben wir keine Option, wir sind perspektivlos“, sagt Laux. Die Hoffnung lässt er doch nicht fahren: „Wir arbeiten im Hintergrund an einer Ersatzlösung für die Salzbachaue im nächsten Jahr“. Welcher Platz das sein könnte, will er aber noch nicht verraten.
Am Montag ist Familientag auf dem Frühlingsfest mit ermäßigten Preisen, und die Schausteller hoffen auf mehr Gäste. Bei manchen kommt aber auch der Frust durch. „Es ist viel weniger los, kein Vergleich zum Elsässer Platz“, sagt ein Verkäufer des Imbissstandes Hart aus Wiesbaden am Samstag, während er die Nierenspieße wendet. „Aber wir können das Frühlingsfest doch nicht sterben lassen.“
