Von der Terrasse des Gutsausschanks am südlichen Rand der Hochheimer Altstadt reicht der Blick über die Weinberge und die Mainauen bis nach Mainz. „Das ist ein magischer Ort“, sagt Fabian Schmidt. „Ich bin oft daran vorbeigelaufen, habe gesehen, wie alles zugewachsen ist.“ Er habe sich gedacht: „Daraus müsste man etwas machen.“ Zum Jahresbeginn hat der Hochheimer Winzer das Weingut der Stadt Frankfurt als Pächter übernommen.
In wenigen Wochen haben er und sein Team den Gutsausschank, der unter dem bisherigen Pächter mehr als 30 Jahre in einem Dornröschenschlaf lag, wieder zum Leben erweckt. Die alten, noch vorhandenen Stühle wurden abgeschliffen und neu gestrichen, und selbst die Terrassenmöbel sind noch brauchbar. Am Wochenende sind der Gutsausschank sowie die Vinothek im Frankfurter Römer eröffnet worden. 60 bis 80 Personen finden in dem hellen Gastraum und auf der Terrasse in Hochheim Platz, künftig werden dort Gäste unter anderem mit Wein und dazu passenden Kleinigkeiten bewirtet.
Schmidt hofft, dass die alte Tradition wieder auflebt, dass die Frankfurter einen Ausflug zu „ihrem“ Weingut in Hochheim machen. Die Bemühungen, einen starken Bezug zu Frankfurt herzustellen, sind nicht zu übersehen: Auf der Getränkekarte steht Frankfurter Helles, in der Kaffeemaschine liegen Bohnen der Frankfurter Kaffeerösterei, auf den Lampen am Treppenabgang zu den Toiletten prangt der Eintracht-Adler.
Umstellung auf Ökowein geplant
Schmidt, der in Hochheim das angesehene Gut „Im Weinegg“ bewirtschaftet, hatte nach einer Ausschreibung im vergangenen Jahr den Zuschlag für das städtische Weingut mit 23 Hektar Rebfläche erhalten. Zwei Hektar hat er weiterverpachtet, sechs Hektar Weinberge waren in so schlechtem Zustand, dass sie gerodet werden mussten. Nach zwei oder drei Jahren will Schmidt dort neue Reben pflanzen.
Er denkt dabei auch an Neuzüchtungen, die besonders widerstandsfähig gegen Pilzbefall sind. Diese brauchten weniger Pflanzenschutz und passten deshalb gut zur Umstellung auf ökologischen Weinbau, die vom nächsten Jahr an geplant sei. Einen Anteil von 15 Prozent sollen die sogenannten PIWI-Sorten künftig haben.

Die neu übernommenen Reben haben Schmidt und sein Team in den vergangenen Wochen geschnitten, im Herbst sollen in der Kelterhalle des Weinguts die ersten Trauben angeliefert werden. 2027 wird es erstmals Wein des städtischen Weinguts geben, der unter Schmidts Regie entstanden ist.
Die Stilistik werde sich ändern, sagt der Winzer. Er wolle die Erträge reduzieren, den Weinen mehr Profil geben. Anders als der vorherige Pächter will er auch auf Handlese setzen, bei der die Trauben besser selektiert werden können. Das Sortiment werde deutlich gestrafft.
Das Abenteuer Lohrberger Hang
Eine Besonderheit ist für Schmidt der Weinberg am Lohrberger Hang, der letzte Rest des früher in Frankfurt viel stärker verbreiteten Weinbaus. „Das ist ein ganz großes Abenteuer“, sagt der Winzer. „Wir mussten diesen Weinberg erst einmal verstehen.“ Die Terrassenanlage und die hohe Pflanzdichte ließen keine maschinelle Bearbeitung zu.

Schmidt hatte sich in der Ausschreibung der über 30 Jahre laufenden Pacht gegen zehn Mitbewerber durchgesetzt. Den Ausschlag gegeben habe unter anderem seine hohe Investitionsbereitschaft, hieß es zur Begründung. Im Gegenzug kommt ihm die Stadt finanziell entgegen: Für die zum Teil unter Denkmalschutz stehenden Gebäude in Hochheim und einen Teil der Rebflächen muss er für eine gewisse Zeit keine Pacht zahlen.
Unter anderen Bedingungen, sagt Schmidt, hätte er das Weingut nicht übernehmen können. Ihm ist bewusst, dass diese Expansion ein mutiger Schritt ist in einer Zeit, in der der Weinkonsum sinkt und viele Winzer Absatzschwierigkeiten haben. Er sieht die Herausforderung, aber auch das Potential: „Wir haben hier große, zusammenhängende Flächen in sehr guten Lagen. Das hat uns sehr gereizt.“ Und er ist zuversichtlich, dass die Marke „Stadt Frankfurt“ hilfreich für den Absatz ist. Mit den Wirten der Dippemess und dem regionalen Lebensmittel-Einzelhandel sei er schon in Kontakt.
Das städtische Weingut besteht seit der Säkularisation 1803, als die Weinlagen und Wirtschaftsgebäude des Karmeliter- und des Dominikanerklosters in den Besitz der damaligen Freien Reichsstadt übergingen. Die Stadt Frankfurt hat das zuvor als defizitärer kommunaler Eigenbetrieb geführte Weingut 1994 privatisiert.
