
Es herrschte eine sehr seltsame Stimmung im sonst so lauten Westfalenstadion während der Partie zwischen Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen am Samstagnachmittag. Aufgrund eines medizinischen Notfalls war kurz nach der Pause der Support der aktiven Fanszenen eingestellt worden, was irgendwie zur Laune der Dortmunder Mehrheit während dieses mit 0:1 verlorenen Spiels passte. Denn singen und anfeuern wollten die Leute nach der Pause nicht mehr, ihren Unmut über den Fußball des BVB brachten sie aber schon immer wieder zum Ausdruck.
„Natürlich brauchen wir die Energie des Stadions“
Aber auch als die Ultras noch sangen, hatte das Spiel nie das höchste Energielevel erreicht, was sich beim BVB noch irgendwie erklären lässt. Die Mannschaft müsste in den kommenden Wochen schon vollständig einbrechen, um das letzte verbliebene Saisonziel noch zu verpassen: die Qualifikation für die Champions League. „Natürlich brauchen wir die Energie des Stadions, und die hatten wir aufgrund des Notfalls nicht“, sagte Dortmunds Trainer Niko Kovač. Daher habe das Team „zu wenig Durchschlagskraft“ entwickelt.
Die einzige richtig gute Dortmunder Chance vor der Pause hatte Daniel Svensson, dessen Schuss von Loïc Bade von der Linie geköpft wurde (18. Minute). In den meisten Phasen agierten die Leverkusener nach zuletzt sechs Gegentreffern in zwei Spielen an diesem Tag jedoch sehr stabil.
„Heute haben wir bis auf die ersten 15 Minuten defensiv sehr gut gemacht“, sagte Robert Andrich, der das Tor des Tages geschossen hatte (42.). Der Leverkusener Kapitän hatte einen Pass von Ramy Bensebaini tief in der Dortmunder Spielhälfte abgefangen und mit einem starken Abschluss zum 0:1 getroffen.
Nach der Pause verband sich dann der Schlotterbeck-Unmut mit den Sorgen um einen Zuschauer, der reanimiert werden musste. Schlotterbeck hatte sich ja nach wochenlangem Gezerre zu einer Unterschrift unter einen neuen Vertrag bewegen lassen. Dass Schlotterbeck aber die Möglichkeit eingeräumt worden sein soll, den BVB schon im kommenden Sommer doch zu verlassen, löste eine Welle der Kritik aus.
Als die Mannschaftsaufstellungen verlesen wurden, pfiffen viele Zuschauer, was den Klubchef Carsten Cramer verärgerte: „Aber als Vertreter von Borussia Dortmund, möchte ich nicht, dass Spieler von uns auf dem Rasen mit Pfiffen konfrontiert werden. Das gehört sich nicht“, sagte der Sprecher der Geschäftsführung, und Waldemar Anton ergänzte: „Das tut keinem gut, Schlotti nicht und der Mannschaft nicht.“
Schlotterbeck, der die Kapitänsbinde trug, hat durch einen offenkundigen Willen, bei Gelegenheit zu einem größeren Klub zu wechseln, viel Ansehen verloren. Wenn er nach einer starken Weltmeisterschaft doch noch die Möglichkeit bekommt, zu einem offenbar vertraglich definierten Kreis von Weltklassevereinen zu wechseln, ist er wohl weg. Interessant ist in diesem Kontext ein Bericht der „Bild“-Zeitung, die erfahren haben will, dass ein Transfer zum FC Bayern aber nicht durch die Klausel ermöglicht werden kann.
Wir hatten kaum Ballgewinne in der zweiten Halbzeit“
Im Spiel wurde dann wie so oft während der vergangenen Wochen auch sichtbar, warum der Nationalspieler bislang noch keine Wechselmöglichkeit auf ein deutlich höheres Niveau erhalten hat. Auch an diesem Tag unterliefen dem 26 Jahre alten Profi mehrere einfache Fehler im Spielaufbau. Aber auch andere Dortmunder hatten wie so oft in den vergangenen Wochen viel Mühe, ein strukturiertes und technisch sauberes Aufbauspiel hinzubekommen. „Wir hatten kaum Ballgewinne in der zweiten Halbzeit“, sagte Anton.
Irgendwann wechselte Niko Kovač die Nachwuchsspieler Samuele Inacio und Almugera Kabar ein; der Trainer hat begonnen, die Zukunft zu planen, während Leverkusen sich mehr und mehr darauf beschränkte, irgendwie den knappen Vorsprung ins Ziel zu retten. Das hätte Serhou Guirassy beinahe bestraft, doch der Dortmunder Torjäger traf in der 82. Minute aus kurzer Distanz nur die Latte.
Und so rettete Bayer 04 den wertvollen Sieg ins Ziel. „Wenn wir noch in die Champions League wollen, müssen wir auch solche Spiele gegen direkte Konkurrenten gewinnen“, sagte Torhüter Mark Flekken. Nach den beiden Siegen über Wolfsburg und nun beim BVB hat der Werksklub Hoffenheim überflügelt und steht nun auf Platz fünf.
In den kommenden Wochen stehen noch Duelle mit Leipzig und Stuttgart bevor, die beide im Moment vor Leverkusen stehen. „Wir haben intern klar angesprochen, was unsere Ziele sind“, sagte Flekken, und dass Bayer 04 nun der zweite Klub nach dem FC Bayern ist, der den BVB in dieser Bundesligasaison besiegen konnte, soll den Rheinländern einen entscheidenden Schub geben.
