Prinzessinnen lagen in ihnen, Bewohnerinnen englischer Landhäuser lieben sie immer noch – und viele kleine Mädchen wünschen sie sich sehnlich: Himmelbetten gelten als ultimative Bettstatt von Menschen, die ihr Schlafzimmer als romantischen Rückzugsort sehen. Doch die Wirklichkeit ist bekanntlich rau, und so besitzen nur die Wenigsten ein solches Bett. Einer Studie aus dem Jahr 2018 zufolge betteten sich damals lediglich 1,4 Prozent der Deutschen unter einem Himmel, seither hielt man die Schlafstätten offenbar keiner weiteren Untersuchung wert. Liegt es am Ruf als latent verkitschtes Element mit übersteigertem Platzbedarf?
Aktuell zeigt die Instagramerin Anaclara Serra Gonzalez, Architektin und Interior-Influencerin aus Berlin, auf ihrem Account @casa.anaclara eine moderne Variante: Eine riesige weiße, leicht knautschige Stoffbahn wird einfach über zwei von der Decke hängende Stangen drapiert. So entstehen ein Betthimmel und eine mit Stoff verkleidete Kopfseite. Als Blickfang fungiert ein über dem Kopfkissen platziertes Bild, während ein großer Teppich unter dem Bett die optische Basis schafft.
Wichtiger Tipp für die visuell einheitliche Fortführung des Boho-Stils: Unbedingt eine lässige Bettwäsche wählen, die die Struktur des Betthimmels visuell aufnimmt.
Der Betthimmel vermittelt Sicherheit
Auch die englische Designerin Sophie Conran setzt auf zeitgenössische Leichtigkeit. Sie hat für den britischen Bettenhersteller Dreams ein helles Holzbett mit weißen Leinenvorhängen an Stoffschlaufen entworfen, das sich sowohl in minimalistische als auch traditionelle Interiors einfügt. Pfostenbetten ohne fertige Vorhänge bieten auch Händler wie Westwing, Loberon oder Hasena an; es bleibt den Käufern überlassen, sie mit Stoff auszustatten.
Selbst wenn diese „Four Poster Beds“ genannten Schlafstätten eher Exoten in der heutigen Einrichtung sind: Die immer noch bestehende Faszination hängt nicht nur eng mit der europäischen Kulturgeschichte des Wohnens zusammen, sondern auch mit einem tief sitzenden Bedürfnis nach Sicherheit. Über Jahrtausende, erläutert die Kunsthistorikerin und Sachverständige für historische Möbel, Henriette Graf, wollten Menschen auch nachts eine Bedeckung über Kopf und Körper haben. Dieses Sicherheitsgefühl korrespondierte mit der Konstruktion eines Himmels über der Schlafstatt. Bis zur Einführung des appartemento zu Zeiten der italienischen Renaissance fand das Wohnen mit Essen, Schlafen, Reden und Kochen in einem einzigen Raum statt – und „da waren Himmelbetten ein Ort des Rückzugs“, erklärt Graf. Mit der Ausgestaltung von mehreren Wohnräumen für unterschiedliche Funktionen entstand in höheren Gesellschaftsschichten auch das Schlafzimmer, in dem Betten mit Baldachinen ein Zeichen von Herrschaft und Macht wurden.
Rettung unter dem Baldachin
In der Zeit der Gotik habe es Betten in der Regel als eingebaute Teile der Wandverkleidung gegeben. Ein Himmel aus Holz oder Stoff schützte dann gegen Kälte, Zugluft, Ungeziefer und Blicke der anderen. Im Rückzugsort Bett sollte auch eine erfolgreiche Fortpflanzung stattfinden können: Auf historischen Bildern findet man etwa Darstellungen von Betthimmeln, in denen Segenssprüche für eine gute Empfängnis bei jungen Paaren eingestickt waren.
Die Faszination eines Stoffhimmels hänge zudem mit einer rechtlichen und spirituellen Konnotation zusammen, sagt die Kunsthistorikerin. Denn Baldachine gab es nicht nur über Betten, sondern auch über den Thronen der Herrscher. „Der Raum darunter gehörte allein dem Regenten und Gott.“ Zu den überlieferten Anekdoten gehört, dass sich im Mittelalter gesuchte Kriminelle unter einen Baldachin retten konnten und dort wie in einer Kirche als Schutzraum nicht verhaftet werden durften.
In bürgerlichen Häusern bildeten sich eher Betthimmel aus Holz heraus, die teuren Textildraperien aus Seide, Damast und Brokat waren eine höfische Variante. Geld, Rang und Ansehen manifestierten sich in fürstlichen Prunkbetten, gekrönt mit Straußenfedern und Puscheln, die zu regelrechten imperialen Herrschaftsinstrumenten werden konnten. Auf dem Gebiet der deutschen Fürstentümer waren reine Prunkschlafzimmer wie etwa in der Residenz München allerdings nur als Schaustücke gedacht, in denen nicht geschlafen wurde. „Das lag daran, dass es nicht, wie etwa in Versailles, ein streng orchestriertes Aufstehzeremoniell gab“, sagt die Expertin. Geschlafen wurde in einfacheren Betten in privaten Räumen. „Man kann sich das so vorstellen, als ob man einen Rolls-Royce vor der Tür stehen hat, weil er schick ist, aber nicht mit ihm fährt.“
Madame de Pompadour liebte das „Lit à la turque“
Ihre Blütezeit hatten Himmelbetten im 18. und frühen 19. Jahrhundert, als zahlreiche Varianten vor allem beim phantasievollen Drapieren des Stoffes erfunden wurden. In dieser Zeit wurden sie etwa im Werk des französischen Malers Jean Honoré Fragonard ein beliebtes, erotisch aufgeladenes Sujet. So thronte beim „Lit à la polonaise“ ein kleiner theatralischer Stoffaufbau in Kronenform über dem Bett, beim „Lit à la turque“ – von der berühmten Mätresse Madame de Pompadour geliebt – wurde das an einer Wand stehende Bett von einem selbiger angebrachten Baldachin gekrönt.
Im 19. Jahrhundert begann in Europa allerdings der Niedergang der Himmelbettmode, und nach den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert war sie beendet. In den USA ist das „Four Poster Bed“ dagegen bis heute ausgesprochen beliebt. Und kaum ein ordentliches englisches Schloss kommt ohne altes Himmelbett mit hochwertigen Damast- und Goldbrokatstoffen aus.

Auch in hochpreisigen Suiten von Luxushotels sind Himmelbetten Teil des Raumprogramms. So gehören sie bei der internationalen Hotel-Vereinigung Relais & Châteaux zu den Top-Features der Ausstattung. „Himmelbetten werden selten aktiv nachgefragt, wirken aber stark atmosphärisch“, sagt Florian Moosbrugger, Delegierter für Deutschland und Österreich von Relais & Châteaux. In historisch geprägten oder alpinen Häusern vermittelten sie Geborgenheit, Intimität und klassische Eleganz, das schätzten viele Gäste sehr. Im deutschsprachigen Raum geht der Trend jedoch weg von schweren Stoffbehängen, hin zu reduzierten, architektonischen Formen: klare Holz- oder Metallrahmen, leichte Stoffe wie Leinen.
Wer im eigenen Zuhause ein Himmelbett nach Maß fertigen lassen möchte, sollte nicht nusr die nötigen Quadratmeter, sondern auch eine Raumhöhe von mindesten 2,40 Metern. „Damit es nicht nur ein Bett, sondern auch ein Hingucker ist“, sagt die Münchner Interior Designerin Marcella Breugl, Chefin der Firma Malluvia Innenarchitektur. Alles über 2,70 Meter sei optimal. „Ein Himmelbett ist ja etwas sehr Kokonartiges und erinnert an den Mutterleib, deshalb sollte es opulent sein, gerne mit Farbe und üppigen Stoffen“, findet sie. Für einen klassischen Altbau empfiehlt die Einrichterin ein Schaustück mit Samtvorhängen, das wie ein Theaterobjekt im Raum steht.
Rottöne für höhlenartiges Ambiente
Rottöne und dunklere Farben eigneten sich bestens für ein höhlenartiges Ambiente. Zudem passende Quasten und Troddeln: „Wir haben so viele unschöne Themen in der Welt, dass wir doch zu Hause mit Spielereien arbeiten können“, meint Breugl. Besonderes Augenmerk widmet sie der Ausführung des Stoffes für den Betthimmel: „Man braucht da wirklich perfekt gelegte Falten oder Draperien, sonst liegt man mit seinem Gedankenchaos unten und schaut auf die falschen Nähte und Falten oben!“
Wenn das Bettgestell ein Prunkstück ist, rät sie bei Vorhängen und Bettwäsche zur Zurückhaltung. „In der Innenarchitektur geht es immer auch um Yin und Yang, das Zugeben und Zurücknehmen, Plus und Minus“, erklärt Breugl. Ist genügend Platz vorhanden, steht das Bett gut zentriert im Raum, damit es von allen Seiten gut begehbar sei und entsprechend wirke. „Wenn man diszipliniert genug ist, sieht zudem eine gepolsterte Bank vor dem Bett wunderbar aus, aber nur dann, sonst endet das Ganze in der Kategorie Wäschestuhl.“
Vorhang zu!
Für solche Maßanfertigungen müssen Polsterer und Schreiner gut zusammenarbeiten, denn ein Couture-Bett bedarf durchaus einer Investition im fünfstelligen Bereich. Wer ein Pfostenbett von der Stange kaufen und die Stoffe selbst drapieren will, sollte darauf achten, dass der Stoff eine Struktur hat wie gröberes Leinen oder Seide mit einem gewissen Glanz. Damit die Vorhänge nicht wie Lappen über dem Gestell hängen, sollte man Stoff in der doppelten Breite der Bettseiten nehmen und ihn in kleine Falten gelegt an die Holzstruktur tackern. In niedrigeren oder kleineren Räumen kann man auch einfach Vorhangschienen an der Decke befestigen und das Bett wie eine Art Raum-in-Raum-Gestaltung in Szene setzen.
Auf Antiquitätenmärkten oder bei Online-Händlern wie Pamono findet man zudem mit etwas Glück historische Betten mit oder ohne Stoffaufbauten, die aber manchmal eine fachkundige Restaurierung und neue Aufbettung benötigen. Egal, ob elegant-üppig oder günstig-minimalistisch: Gereinigt werden die Stoffhimmel mit dem Teppichklopfer oder Nassstaubsauger. Und wer schließlich in einem Himmelbett liegt, hat das ultimative Nestgefühl. Sobald die Vorhänge zugezogen sind, muss die Welt außen vor bleiben.
