Gerade war leise Hoffnung auf eine Atempause aufgekeimt, da bebte Libanon schon wieder unter den Einschlägen israelischer Bomben. In den Mitteilungen der israelischen Streitkräfte wurde am Mittwochnachmittag die „größte koordinierte Welle von Luftangriffen“ gefeiert, seit Beginn der Offensive. Die erschöpfte Zivilbevölkerung durchlebte Stunden des Horrors und der Panik. In Beirut stürzten mehrstöckige Wohnhäuser ein, Häuserblocks standen in Flammen. Überall heulten die Sirenen der Krankenwagen. Das Gesundheitsministerium meldete mehr als 300 Tote. Statt eines Freudentags begingen die Libanesen am 9. April einen nationalen Trauertag.
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu setzt seinen Krieg gegen die Hizbullah unbeirrt fort. Wenn Gewalt nicht hilft, hilft nur noch mehr Gewalt, scheint seine Logik zu sein. Er lässt auch nicht von der Hizbullah ab, während er zugleich Verhandlungen mit der libanesischen Regierung aufnimmt. Damit bringt Netanjahu auch die Waffenstillstandsvereinbarung zwischen Iran und den Vereinigten Staaten in ernste Gefahr. Dabei ist es äußerst zweifelhaft, dass es den israelischen Streitkräften gelingen kann, die Hizbullah vollständig zu zerschlagen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Es gibt keine militärische Lösung“, sagt Nicholas Blanford, Hizbullah-Experte von der Denkfabrik Atlantic Council, der seit mehr als drei Jahrzehnten in Libanon lebt. „Man kann die Hizbullah mit militärischen Mitteln schwächen, aber man kann sie auf diese Weise nicht ausschalten.“ Die Schiitenorganisation ist tief im libanesischen System verwurzelt. Sie hat Zugriff auf Ressourcen des von Korruption zersetzten Staates und auf wichtige Geheimdienste. Auch die libanesischen Streitkräfte hat die Hizbullah unterwandert. Sie hat sich immer wieder von Kriegen und harten Schlägen erholen können. Selbst aus dem israelischen Militär kommen skeptische Töne: Das Vorhaben der Streitkräfte sei „unrealistisch“, man müsse ganz Libanon besetzen, wenn man die Hizbullah mit militärischen Mitteln entwaffnen wolle, sagte ein ungenannter Armeevertreter der israelischen Presse.

Die Fähigkeit, sich nach heftigen Rückschlägen zu erholen, hat die Hizbullah im aktuellen Waffengang bewiesen. Israel hatte der Schiitenmiliz im Krieg des Herbstes 2024 heftig zugesetzt. Fast die gesamte oberste Hizbullah-Führung wurde getötet, einschließlich des charismatischen und mächtigen Anführers Hassan Nasrallah. Das Raketenarsenal, eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit Israels, wurde dezimiert. Die Hizbullah verlor wichtige Logistikverbindungen wie den Flughafen von Beirut oder die Landverbindung durch Syrien, wo ihr Verbündeter Baschar al-Assad im Dezember 2024 gestürzt wurde. Die Hizbullah war gedemütigt und geschlagen.
Die Stärke, die sie vor diesem Krieg hatte, erreicht die Hizbullah wahrscheinlich nie wieder. Doch sie rüstete sich umgehend mit iranischer Unterstützung wieder auf, nicht zuletzt ihre Drohnenflotte. Als die Schiitenmiliz am 2. März in den Irankrieg eintrat, um ihre Hauptsponsoren in Teheran zu unterstützen, gelang es ihr zumindest, Israel mit Drohnen und Raketen dauerhaft Nadelstiche zu versetzen – und den israelischen Truppen, die am Boden auf libanesisches Territorium vorrückten, schmerzhafte Verluste beizubringen.
Die israelische Regierung hat ihre Kriegsziele auch schon nach unten korrigiert. Verteidigungsminister Israel Katz beharrte zwar in einer Stellungnahme vor einigen Tagen trotzig darauf, „oberstes Ziel“ bleibe die Entwaffnung der Hizbullah. Ein Armeesprecher unterschied hingegen schon zwischen „langfristigen“ und „unmittelbaren“ Zielen.
Kontrolle bis zum Litani
Im Zentrum Letzterer steht die Einrichtung einer „Sicherheitszone“ im libanesisch-israelischen Grenzgebiet. Israel will laut den Worten des Verteidigungsministers die „Sicherheitskontrolle“ bis zum Litani-Fluss übernehmen, der etwa 30 Kilometer nördlich der Grenze ins Mittelmeer mündet. Dafür sind israelische Truppen auf libanesisches Territorium vorgerückt; sie machen die libanesischen Dörfer entlang der Demarkationslinie dem Erdboden gleich. Als Vorbild dient, ganz offiziell, das Vorgehen im zerstörten Gazastreifen.
Doch eine längere israelische Besatzung im Grenzgebiet muss nicht unbedingt zu einer dauerhaften Schwächung der Hizbullah führen. Sie könnte, im Gegenteil, wie eine Frischzellenkur wirken. „In jedem Fall erhält die Hizbullah durch die israelische Präsenz Legitimität zurück – als militärische Kraft, die sich Israel entgegenstellt“, erklärt der Hizbullah-Experte Blanford. Die Stimmung in der schiitischen Klientel, so heißt es von gut vernetzten Beobachtern, hat sich schon wieder gewandelt. Erst herrschte Unmut darüber, dass die Hizbullah Libanon für ihre iranischen Unterstützer in einen ruinösen Krieg hineinzog. Die Leute sind zwar kriegsmüde und frustriert. Aber dass die Hizbullah der israelischen Armee Verluste zufügt und Soldaten tötet, macht sie stolz.
Blanford fühlt sich an vergangene israelische Libanon-Feldzüge erinnert, die allesamt nicht zum gewünschten Erfolg führten. An die „Operation Litani“ zum Beispiel, als das Militär Kämpfer der palästinensischen PLO zurückdrängte, die sich in Libanon eingenistet hatten. Sie brachte nicht die Lösung.
Der Libanon-Feldzug von 1982 – inklusive einer monatelangen, brutalen Belagerung von Westbeirut – brachte ebenfalls keine Sicherheit. Die PLO wurde zwar vertrieben, im Grenzgebiet entstand eine „Sicherheitszone“. Aber in seiner Folge wurde unter iranischer Regie die Hizbullah aus der Taufe gehoben. Die Schiitenmiliz verwickelte das israelische Militär in einen langen, kräftezehrenden Guerillakrieg. Als Israel im Jahr 2000 entnervt aus Südlibanon abzog, tönte Hassan Nasrallah an die Adresse der Palästinenser: „Ihr braucht keine Panzer, kein strategisches Gleichgewicht, keine Raketen oder Geschütze, um euer Land zu befreien. Alles, was ihr braucht, sind die Märtyrer, die diese wütende zionistische Entität erschüttert und in Angst versetzt haben.“
Der Staat ist nur Fassade
An ideologisch verblendeten Männern, die sich für einen solchen Kampf rekrutieren lassen, mangelt es auch heute nicht. Die Lektionen, die Israel aus den Libanon-Erfahrungen ziehen könnte, sollten Netanjahu eigentlich von einer seiner militärischen Logik abbringen. Mit den fortgesetzten Angriffen auf libanesisches Staatsgebiet schwächt er eine libanesische Regierung, deren Ohnmacht ein Kernproblem ist, wenn es um den Kampf gegen die Hizbullah geht. Denn eigentlich bräuchte es einen starken Staat, der sein Gewaltmonopol durchsetzen kann – und viel Geduld, bis ein solcher Zustand tatsächlich erreicht ist.
Regierungschef Salam ist ein Hoffnungsträger. Er fordert die Hizbullah heraus, hat ihre militärischen Aktivitäten als illegal gebrandmarkt. Doch der Staat in Libanon ist noch immer weitgehend Fassade für ein Machtkartell, dessen Teil die Hizbullah ist. Und die Führung der ausgezehrten Armee scheut die Konfrontation mit der Hizbullah, um Gewalt im Inneren Libanons zu vermeiden. Bezeichnend für die Schwäche der Beiruter Führung ist der Streit über die Ausweisung des iranischen Botschafters. Der Diplomat wurde zur „persona non grata“ erklärt und vom Außenministerium des Landes verwiesen. Aber er weigerte sich einfach, Libanon zu verlassen.
Am iranischen Willen hängt das Schicksal der Hizbullah. Wenn Iran seine Unterstützung aufgibt, wird es die Organisation schwer haben. In einem Guerillakrieg könnte sie ohne Waffenhilfe aus Teheran ausbluten. Teheran könnte aber auch bereit sein, die Schiitenmiliz zu einer rein politischen Kraft umzuformen, um seinen Einfluss in Libanon zu sichern. Die Hizbullah könnte in einem solchen Fall die Waffen gegen größeren Einfluss im politischen System des Landes eintauschen. Aber das ist nicht sehr wahrscheinlich und setzte voraus, dass Iran sein Heil in einem Deal für die Region sucht, der mit den israelischen Angriffen auf die Hizbullah gerade torpediert wird.
„Es ist möglich, dass die iranische Führung zu dem Schluss kommt, dass die Hizbullah ihre Schuldigkeit getan hat“, sagt Blanford. „Es kann aber auch einen neuen Schulterschluss geben.“ Die Schiitenmiliz wurde als eine Art vorgelagerte Verteidigungslinie für Teheran aufgerüstet – für einen Krieg, wie er jetzt geführt wird. Dieser Krieg hat die Verhältnisse in der Region verändert und damit womöglich auch das Kalkül Teherans. An dessen Ende könnte eine Ordnung stehen, in der sich Teheran mit seinen Nachbarn arrangiert. Es könnte aber auch ein geschwächtes, radikalisiertes und nach wie vor gefährliches Regime überleben, das so aggressiv ist wie ein Raubtier, das sich in die Ecke gedrängt fühlt. Dass Netanjahus Libanon-Feldzug eine solche Hizbullah hinterlässt, ist eine der größten Sorgen im Land.
