Wenn man berühmt ist, sorgt man sich, ob es so bleibt. Goethe, der sich noch nicht mit dem Smartphone auf Instagram inszenieren konnte, interessierte sich im Sommer 1829 daher brennend dafür, was er von dem jungen Bildhauer aus Frankreich zu halten hatte, der nach Weimar kam, um ihn zu porträtieren. Nicht im Auftrag des Dichters, sondern aus eigenem Antrieb. Das schmeichelte Goethe. Was ist zudem robuster als eine Marmorbüste? Er ließ sich also auf das Experiment ein und saß dem 1788 geborenen David d’Angers Modell.
Ende August hatte der Künstler den Dichter in seinem Haus am Frauenplan aufgesucht, es gab angeregte Gespräche mit Goethes Schwiegertochter Ottilie und dem Dichter Adam Mickiewicz, Polens Goethe, der ebenfalls gerade zu Besuch war. Dessen Reisegefährte, der Dichter Antoni Odyniec, hielt fest, wie Goethe auf ihn wirkte: „Da öffnete sich die Türe und herein trat – Jupiter! Der Wuchs hoch, die Gestalt kolossal, das Antlitz würdig, imponierend, und die Stirne!“
Die Stirn legt Jupiter bei d’Angers, der ein paar Tage nach den polnischen Gästen eintraf, mächtig in Denkerfalten. Das zeigt ein Gipsabdruck der Büste, der derzeit für wenige Wochen im Deutschen Romantikmuseum in Frankfurt zu sehen ist. Im Handschriftenstudio des dritten Stocks zieht der überlebensgroße Kopf die Blicke auf sich.
Goethe ist skeptisch
Auch der Porträtierte verfolgte die Arbeit aufmerksam. Am 3. September besichtigte Goethe das Tonmodell zusammen mit Großherzogin Maria Pawlowna und sagte nach eingehender Betrachtung: „Kurios! Kurios!“ Zwei Tage später schrieb er Adele Schopenhauer: „Ich sehe eine ungeheure Masse Thon zusammengebracht und aufgethürmt und, zu meiner nicht geringen Verwunderung, mein Bildnis in colossalen Verhältnissen heraussteigen.“
Tatsächlich ist d’Angers’ Goethe-Kopf nicht ganz so groß wie das Haupt der Göttin in Goethes Weimarer Junozimmer, aber die Ausmaße eines sehr ordentlichen Autoreifens hat er trotzdem.

Goethe freute sich derweil, dass es dem Bildhauer nach und nach gelinge, den Tonmassen „natürliches Ansehen zu geben“. Trotzdem wurde er mit dem, was der selbstbewusste junge Gast aus dem Ausland da tat, bis zur Vollendung der Büste nicht ganz warm. Der Übergabe des fertigen Marmor-Exemplars an die Weimarer Öffentlichkeit am 28. August 1831, seinem letzten Geburtstag, blieb er fern.
„Die Büste ist eine Überraschung“, sagt Mareike Hennig, Leiterin der Kunstsammlungen des Freien Deutschen Hochstifts, das das Romantikmuseum betreibt: „Sie zeigt nicht das gängige deutsche Porträt Goethes, sondern einen Blickwinkel aus dem Ausland.“ In Frankreich, so zeigt das Gesicht des Weimarer Klassikers, war der Klassizismus schon durch. Ob Marmor, Ton oder Gips – d’Angers zeigt Goethe romantischer, wilder, das Haar fast wie Flammenzungen, die Stirn gerunzelt, die Gesichtszüge in Bewegung, der Gedanke im Entstehen.
Zu sehen ist die Büste im Rokokosaal der Anna-Amalia-Bibliothek. In Frankfurt ist der allen Weimar-Besuchern daher bestens bekannte Kopf weniger Allgemeingut. Der Gipsabguss des Tonmodells, der 1977 für den deutsch-amerikanischen Goethe-Forscher Peter Boerner angefertigt wurde, wird im Romantikmuseum bis zum 17. Mai gezeigt. Dann kehrt er zurück ins Depot, genau wie die Medaillons berühmter Persönlichkeiten, die d’Angers anfertigte. Goethe sammelte sie eifrig.
Der 1926 geborene Boerner war dem Frankfurter Goethehaus über dessen Direktor Ernst Beutler, seinen Doktorvater, eng verbunden. Die Schau, die Lisa von der Höh zu Boerners Andenken zusammengestellt hat, zeigt d’Angers’ Bildnisreliefs ebenso wie ein Gemälde des Malers Jacques-Augustin-Catherine Pajou, auf dem d’Angers im Jahr 1811 bei der Arbeit am Tonmodell für sein Gipsrelief „Der Tod des Epaminondas“ abgebildet ist.
Porträtiert hat Pajou ihn mit demselben hölzernen Modellierwerkzeug, mit dem er in Weimar Tonmassen in Form brachte und zu Goethes Kopf bändigte. Nur ein paar Schritte weiter hängt in der Dauerausstellung eine sehenswerte Szene aus dem Atelier des Bildhauers. Ihm verdankt Goethe ein überaus lebendiges spätes Bildnis.
„Großartig, kurios, international – Goethe und d’Angers“, Deutsches Romantikmuseum, Frankfurt, bis 17. Mai
