„Was willst du ausprobieren? Alles!“ Mit diesen Worten finden sich in sozialen Medien gerade Videos mit Tausenden von Aufrufen. Der allgemeine Tenor lautet: Statt am Handy zu hängen, sollte es darum gehen, die Freizeit sinnvoll zu nutzen. Beispielsweise mit einem Hobby.
Die Stiftung für Zukunftsfragen der British American Tobacco teilt Freizeitaktivitäten in vier verschiedene Kategorien auf: mediale, regenerative, soziale und aktive Beschäftigungen. Und mit jeder Form gehen unterschiedliche Vorteile einher. Beim Joggen verbessert sich die körperliche Fitness stärker als beim Lesen eines Buches. Beim Faulenzen ist die Erholung größer als beim Scrollen durch die sozialen Medien. Aber bräuchte man dann nicht eigentlich vier Hobbys, um wirklich glücklich zu sein?
Felix Zegelman, Verhaltens- und Paartherapeut aus Sulzbach im Taunus, berät regelmäßig Klienten, wie sie ihr Leben gestalten können, um zufriedener zu sein. In der Psychologie, so sagt er, wird das Leben in fünf verschiedene Bereiche eingeteilt. Neben der Freizeit gibt es noch die Bereiche Familie, Freunde, Arbeit und Gesundheit. „Wenn man in allen anderen Bereichen zufrieden ist, braucht man nicht unbedingt ein Hobby“, meint der Therapeut. Eines zu haben, sei trotzdem ratsam. Denn wer auch nur phasenweise mit einzelnen Bereichen des eigenen Lebens unzufrieden sei, könne durch ein Hobby auf einfache Art und Weise positive Erlebnisse daraus ziehen.
Was ein Hobby wirklich ausmacht
Aus psychologischer Perspektive kommt laut Zegelman das Gefühl des Glücklichseins aus „Ausschlägen nach oben“. Glück entstehe aus unerwarteten Momenten, nicht aus dem Alltäglichen. Im Kontext der Freizeitgestaltung spricht man deshalb eher von einem Zustand der Zufriedenheit, der angestrebt wird. Wer das absolute Glück im Hobby sucht, läuft Gefahr, enttäuscht zu werden. Aber wenn es gelingt, den Bereich der Freizeit positiv für sich zu gestalten, hat das laut Zegelman auch einen großen Einfluss auf die Gesamtlebenszufriedenheit.
„Je besser man die fünf Bereiche ausbalanciert, umso besser ist man geschützt, was Krisen angeht“, sagt der Therapeut. Denn Veränderungen wie beispielsweise eine Kündigung des Arbeitsplatzes wirken sich weniger schwerwiegend aus, wenn es noch vier andere stützende Säulen gibt.
Der Freizeitmonitor der Stiftung für Zukunftsfragen zeigt, dass 51 Prozent der Deutschen regelmäßig ein Hobby ausüben. Den Großteil der Freizeit verbringen die Deutschen jedoch mit der Nutzung von Medien. 98 von 100 Befragten nennen das Internet als regelmäßige Freizeitbeschäftigung. Die sozialen Medien folgen mit 72 von 100 Befragten. Auch die Nutzung von Fernsehen, Radio und Laptop oder Tablet steht hoch im Kurs. Als regelmäßige Freizeitaktivität zählt die Stiftung für Zukunftsfragen diejenigen Aktivitäten, die man mindestens einmal je Woche ausübt.
Der Fokus auf Medienkonsum macht einsam
Aber neben der Regelmäßigkeit gebe es weitere Kriterien, die ein Hobby ausmachen, sagt Zegelman. Es müsse vor allem freiwillig gewählt sein und aktiv und mit Leidenschaft ausgeübt werden. Das eigene Hobby sollte Freude bereiten. Am besten gerate beim Ausüben des Hobbys alles um einen herum in Vergessenheit. Der Kopf wird frei. In der Psychologie nennt man diesen Zustand Flow-Erleben.
Aktivitäten wie Ausschlafen am Wochenende oder Bingewatching auf Streamingdiensten sind nach Ansicht von Zegelman daher zwar Dinge, die Freude bereiten können, aber aufgrund der passiven Beschäftigung wertet er sie nicht als echte Hobbys. Der Fokus auf Medien in der Freizeitbeschäftigung könne zudem einsam machen. Ein Hobby ermögliche es schließlich im Normalfall, niedrigschwellig neue Bekanntschaften zu knüpfen. Dabei würden bereits kleine Interaktionen wie das Grüßen am Eingang des Fitnessstudios eine Wirkung zeigen, so der Verhaltenstherapeut.

Welches Hobby zu einem passt, ist extrem individuell und abhängig vom eigenen Alltag, sagt Zegelman. Ein Hobby sollte ein Gegenpol zu den restlichen Lebensbereichen sein und diese ausgleichen. Wer zum Beispiel den ganzen Tag im Büro sitze, sollte versuchen, Bewegung in seine Freizeit zu integrieren. Aktive Hobbys haben laut Zegelman den größeren Effekt auf die psychische Gesundheit. Am besten sei aber eine Mischung aus Anstrengung und Entspannung. Bei den eigenen Hobbys breit aufgestellt zu sein, wie es die vier Bereiche der Forschung suggerieren, sei gut – zwingend erforderlich aber nicht.
Ausprobieren lohnt sich
Der Aufruf, so viele unterschiedliche Aktivitäten wie möglich auszuprobieren, der aktuell durch die sozialen Medien hallt, entspricht genau dem, was Zegelman seinen Klienten empfiehlt. Und wenn der Anfang darin besteht, erst einmal bestimmte Aktivitäten von der Liste zu streichen. Wer eine Pferdehaarallergie hat, wird nie ein großer Reiter werden. Wer kein Wasser mag, sollte sich nicht zum Synchronschwimmen anmelden. Aber selbst Meister des Aussortierens werden am Ende noch immer eine lange Liste der Möglichkeiten vor sich haben.
Über das Ausprobieren können laut Zegelman schon neue Kontakte geknüpft und so manchmal auch der Horizont erweitert werden. Der Therapeut erzählt die Geschichte eines Klienten, der seine Leidenschaft des Apnoetauchens durch eine Zufallsbegegnung mit einem anderen Sportler im Fitnessstudio entdeckt habe. Während beide auf das Freiwerden eines Gerätes warteten, erzählte der eine dem anderen von seiner Leidenschaft. Und schaffte es so, die Neugier zu wecken.
Das Ausprobieren ist auch kostengünstig möglich. Es gebe eigentlich immer eine Möglichkeit, ein neues Hobby ohne großen finanziellen Aufwand zu testen, „außer vielleicht beim Pferdepolo“, sagt Zegelman. Als Ersatz für das Fitnessstudio gebe es zum Beispiel sogenannte Calisthenics-Parks. Bei diesen gibt es die Möglichkeit, draußen mit Eigengewicht unter anderem an Klimmzugstangen und Sprossenwänden zu trainieren.

Erwachsene haben seiner Erfahrung nach aber oft Schwierigkeiten, neue Dinge auszuprobieren. Oft sei da die Angst, zu versagen. Kinder haben es seiner Einschätzung nach leichter. „Das Kind macht sich keine Gedanken“, sagt Zegelman. Bei Erwachsenen sei die Entwicklung des Gehirns weitgehend abgeschlossen, auch die Bereiche, in denen das sogenannte passive Denken ablaufe. „Man macht sich Gedanken, die man nicht haben will“, erklärt der Psychologe. Mithilfe von Achtsamkeitsübungen können diese Hürden allerdings überwunden werden. Er betont auch, wie wichtig es sei, in ein Hobby reinzuwachsen. Mit der Zeit verbessere sich die eigene Fähigkeit, und es entstehe eine Expertise auf dem Gebiet.
„Wir haben alle nur 24 Stunden am Tag“
Zeit für das eigene Hobby freizuräumen, ist für Zegelman eine Priorisierungsfrage. „Wir haben alle nur 24 Stunden am Tag“, dennoch lassen sich kleine Zeitfenster finden. Seinen Patienten rät der Therapeut, darauf zu achten, wie viel Zeit sie pro Tag am Handy und vor anderen Bildschirmen verbringen. „Da gehen viele Stunden verloren“, sagt er. Diese Zeit ließe sich auch für ein Hobby verwenden.
Um Leistungsdruck oder Freizeitstress zu vermeiden, müsse vor allem Druck herausgenommen werden. Dafür sei es der beste Weg, sich selbst und die eigenen Verhaltensmuster kennenzulernen, sagt der Psychologe. „Locker anfangen ist immer eine gute Idee.“ Auch, um die Frustration gering zu halten. Dann falle es einem einfacher, dranzubleiben.
Anstatt dreimal je Woche ins Fitnessstudio zu gehen, könne es zu Beginn auch ausreichen, sich nur einen Tag vorzunehmen. Eine Routine mit dem neuen Hobby aufzubauen, sei durch Routineketten einfacher, erklärt der Therapeut. Einzelne Ereignisse werden aneinandergekoppelt. An einem Tag pro Woche können etwa die Sportklamotten mit ins Büro genommen werden, sodass auf dem Heimweg ein Besuch im Fitnessstudio und danach ein Abstecher im Supermarkt möglich ist. „Plötzlich fällt es dann auf, wenn etwas anders gemacht wird“, sagt Zegelman.
In Großstädten wie Frankfurt gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, als Erwachsener neue Hobbys auszuprobieren. So gibt es beispielsweise Vereine, die auch für Erwachsene Anfängergruppen zusammenstellen. Eintracht Frankfurt bietet beispielsweise Eltern- und Freizeithockey an. Hier wird ungezwungen und ohne Leistungsdruck Feldhockey gespielt. Vorerfahrungen sind nicht nötig.
Auch beim Frankfurter Ruderclub gibt es Anfänger- und auch Schnupperkurse speziell für Erwachsene. Für kreative Köpfe gibt es unzählige Möglichkeiten – Töpfern beispielsweise. Oder Malkurse. Dazu kommt, wie in vielen anderen Städten auch, das umfangreiche Kursangebot der Volkshochschulen. Auf was die Wahl fällt, ist zweitrangig. Wichtig ist nur eines: anzufangen.
