
Die New Yorker PR-Beraterin Peggy Siegal ließ nichts unversucht. Als Jeffrey Epstein im Frühjahr 2011 eine Reise nach Kalifornien ankündigte, stellte sie ihm ein Programm mit Hollywoods High Society zusammen. Für die Oscar-Nacht habe sie Karten zu der Preisverleihung im Kodak Theatre. Für den Governors Ball im Anschluss könne „Harvey“, also Weinstein, Einladungen besorgen. Falls Epstein lieber in kleinerem Rahmen feiere, lade Graydon Carter („Vanity Fair“) zu einem „schicken Dinner“ in die Sunset Towers.
Auch für die Tage vor den Oscars fuhr Siegal auf. Bei Milliardär Barry Diller stehe ein Lunch an, bei Jeffrey Katzenberg, dem Mitgründer des Filmstudios Dreamworks, eine Party in Beverly Hills. Der Kunsthändler Larry Gagosian bitte zu einem Abendessen mit dem Maler Ed Ruscha, Wendi Deng Murdoch, Produzentin und damals verheiratet mit Rupert Murdoch, zu einer Buchvorstellung der Autorin Kathy Freston. „Ich kenne jeden Filmemacher und auch alle anderen. Dir wird es also an nichts fehlen“, schrieb Siegal Epstein damals per Mail. „Ich sorge dafür, dass Du keine Gelegenheit verpasst.“
50.000 Dollar für die Rettung seines Rufs
Ob Jeffrey Epstein die Oscar-Woche damals in Hollywood verbrachte, lässt sich aus den Akten, die das amerikanische Justizministerium freigegeben hat, nicht erschließen. Sicher ist hingegen, dass der New Yorker Multimillionär im Frühjahr 2011 schon als verurteilter Sexualstraftäter bekannt war. Wenige Monate vor Siegals Versuch, Epstein durch prominente Kontakte in Hollywood wieder gesellschaftsfähig zu machen, hatten die Justizbehörden in Florida den Finanzmanager nach einer Verurteilung wegen des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen aus Haft und anschließendem Hausarrest entlassen.
Wie die Epstein-Akten zeigen, empfing Siegal den Sexualstraftäter damals mit offenen Armen: „Wie fühlt es sich an, wieder auf ägyptischer Baumwolle zu schlafen? Was hattest du zum Frühstück? Kaviar, Räucherlachs, Eggs Benedict?“ In den folgenden Monaten überwies der Sexualstraftäter Siegal 50.000 Dollar für die Rettung seines Rufs. Die PR-Beraterin ließ sich von Epstein zudem bei einer Reise zum Filmfestival in Cannes unterstützen und schickte ihm in den folgenden Jahren Rechnungen von Hotelaufenthalten und Restaurantbesuchen.
Trotz des Rufs als Matchmakerin, den Siegal zwischen ihrer Heimatstadt New York und Los Angeles genoss, schlugen Prominente einen Bogen um Epstein. Der Wunsch des Sexualstraftäters nach einem Treffen mit der Oscar-Preisträgerin Anne Hathaway („Les Misérables“) erfüllte sich nicht. Auch die Bitte, den Flug in einem Privatjet mit Hathaway, Jessica Chastain („The Help“) und Hugh Jackman („Wolverine“) zu den Oscars 2013 zu arrangieren, musste Siegal ihm abschlagen. Madonnas Party zu Ehren der Gewinner der Filmpreise fand ohne Epstein statt. Die „Queen of Pop“ schloss ihn von der Gästeliste aus. Für die auf ihr Image bedachten Prominenten schien die Verbindung mit dem Sexualstraftäter zu gefährlich.
Er prahlte mit Freunden in Hollywood
Das hielt Epstein nicht davon ab, bei seinen Opfern mit vermeintlichen Freunden in Hollywood zu prahlen. Während er sich von ihnen massieren ließ, schwadronierte er über Telefongespräche mit Schauspielern wie Cate Blanchett und Bruce Willis. Bei Peter Mandelson, dem kürzlich wegen seiner Verbindungen zu Epstein aus der Labour-Partei ausgetretenen früheren britischen Botschafter, gab er vor, für Leonardo DiCaprio Geschäftsbeziehungen nach Russland, Indien oder Japan zu entwickeln. Der Oscar-Gewinner soll aber erst durch die Veröffentlichung der „Epstein Files“ von seiner behaupteten Bekanntschaft mit dem im Jahr 2019 in einer New Yorker Gefängniszelle verstorbenen Sexualstraftäter erfahren haben.
Filmemacher Woody Allen, nach Belästigungsvorwürfen zu der damals sieben Jahre alten Adoptivtochter seiner ehemaligen Lebensgefährtin Mia Farrow von Hollywood gemieden, biss dagegen an. Mit seiner Ehefrau Soon-Yi Previn, ebenfalls eine Adoptivtochter Farrows, ließ sich Allen 2010 von Siegal zu Abendessen in Epsteins Anwesen an Manhattans Upper East Side einladen, bei denen auch Andrew Mountbatten-Windsor, damals noch Prinz, am Tisch saß. Wie die Akten belegen, erwuchs daraus eine Freundschaft. Epstein besuchte Allen bei Dreharbeiten, und sie witzelten über sexuelle Übergriffe.
Hinter den Kulissen pflegte Epstein in Hollywood sehr wohl Beziehungen. Auf der Suche nach einer „beeindruckenden“ Assistentin schrieb er 2011 dem Produzenten Barry Josephson („So spielt das Leben“). „Ich habe genau das richtige Mädchen: jung, attraktiv, unfassbare Oberweite“, ließ Josephson wissen. Bei Castings war der Produzent weniger hilfreich. Es sei ihm nicht möglich, Mädchen und jungen Frauen aus dem Kreis des New Yorkers in Hollywood zu Rollen zu verhelfen. Besuche an Filmsets machte Josephson aber möglich. Epstein revanchierte sich mit sechsstelligen Krediten, die der Produzent laut den Akten zurückzahlte.
„Ich bedauere meine Korrespondenz mit Ghislaine Maxwell“
2015 überraschte der Sexualstraftäter Josephson mit der Idee für ein gemeinsames Filmprojekt. In Anlehnung an die Geschichte des Entertainers Bill Cosby, der von mehr als 100 Frauen beschuldigt wurde, sie betäubt und vergewaltigt zu haben, schlug er einen Film über Menschen vor, die „zu Unrecht verdächtigt“ würden: „Nur wenige sind bereit zu sagen, dass diese Mädchen Lügnerinnen sind.“ Josephson bot an, das autobiographisch angehauchte Projekt mit Epstein ins Kino zu bringen. Als der Starautor James Patterson, in Palm Beach ein Nachbar Epsteins, einige Monate später das Buch „Filthy Rich: The Jeffrey Epstein Story“ veröffentlichte, verschwand die Idee in der Schublade.
Casey Wasserman, Gründer einer Talentagentur und Chef des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, tauschte sich derweil mit Epsteins Mittäterin Ghislaine Maxwell über Nacktbaden in Malibu, Lederkleider und romantische Treffen aus. Wasserman hatte die wegen Menschenhandels inzwischen zu 20 Jahren Haft verurteilte Maxwell mit Epstein 2002 bei einer Reise der Clinton Foundation nach Afrika kennengelernt. Laut Passagierlisten waren neben dem früheren amerikanischen Präsidenten Bill Clinton auch die Schauspieler Kevin Spacey und Chris Tucker an Bord. Nach dem Eklat zu Wassermans Liaison mit Maxwell entschloss sich der Einundfünfzigjährige jetzt zum Verkauf seiner Agentur: „Ich bedauere meine Korrespondenz mit Ghislaine Maxwell. Sie stammt aus einer Zeit, als ihre fürchterlichen Verbrechen noch nicht bekannt waren.“
Es ist unklar, wie viel Hollywood über Epsteins sexuelle Übergriffe und die seiner prominenten Entourage wusste. Der frühere Filmmogul Harvey Weinstein, der in einem New Yorker Gefängnis auf die Wiederaufnahme seines Vergewaltigungsprozesses wartet, zählte lange zu Epsteins Freunden. In Sommermonaten wurden die bekanntesten Sexualstraftäter Amerikas zusammen in den Hamptons gesehen. Mit weiteren Investoren planten sie 2003 den Kauf der Zeitschrift „New York“. Einige Jahre später flogen sie nach Großbritannien, um nach einer Einladung von Andrew Mountbatten-Windsor auf Schloss Windsor zu feiern. Die Männerfreundschaft zerbrach, als Weinstein einem von Epsteins „favorite girls“ bei einer Massage in dessen Pariser Wohnung zu nahe kam.
Die Matchmakerin Siegal blieb Epstein dagegen bis zum Frühjahr 2019 treu. Ihre Darstellung, die Freundschaft schon im Jahr 2010 beendet zu haben, wurde inzwischen durch einige Hundert Mails in den Epstein-Akten widerlegt. Ungerecht behandelt fühlt Siegal sich nach der Verbannung aus Hollywood dennoch. Von „minderjährigen Mädchen“ bei Epstein will sie nie etwas mitbekommen haben.
