Am frühen Neujahrsmorgen nahm das Unheil seinen Lauf. Der französische Discjockey Matéo Lesguer hatte gerade „A.W.A“ des Rappers Lacrim aufgelegt, als die Schaumstoff-Deckenverkleidung der Bar „Constellation“ im Schweizer Bergort Crans-Montana in Brand geriet. Auf der Tonspur von Handy-Videos der Partygäste kann man hören, dass der Song in Disco-Lautstärke weiterläuft, als sich das Feuer ausbreitet. Das Stück ist nur gut zweieinhalb Minuten lang. Noch bevor es endet, sind viele der Gäste tot.
41 junge Menschen verloren durch die Flammen ihr Leben; auch der 23 Jahre alte DJ starb. 115 Personen wurden verletzt, viele von ihnen schwer. Die Schwerverbrannten werden bis an ihr Lebensende von dem Unglück gezeichnet sein. Auch wer nicht so hart getroffen ist, den lässt das Erlebte nicht los. Eine von ihnen ist Louise L. Die Französin arbeitete in jener Nacht als Kellnerin im „Constellation“. Neben Jessica Moretti, die die Bar gemeinsam mit ihrem Mann Jacques Moretti betrieb, ist die Französin die einzige Betriebsangehörige, die dem Inferno äußerlich unverletzt entkommen konnte.
„Ich sehe ständig die Gesichter der Toten vor mir“
„Seit diesen Ereignissen schlafe ich nur sehr schlecht. Ich sehe ständig die Gesichter der Toten vor mir“, sagte die Kellnerin gemäß einem Verhörprotokoll der Walliser Kantonspolizei, das der F.A.Z. vorliegt. Auch die Bilder draußen auf dem Vorplatz des brennenden Lokals gehen Louise L. nicht mehr aus dem Kopf: „Überall lagen verbrannte Menschen, und dieser Geruch. Es war schrecklich. (…) Die Leute schrien auf der Straße, heulten. Manche hatten keine Haare mehr.“
In ihrem Protokoll merken die Polizisten an, dass „die befragte Person“ sichtlich bewegt sei und regelmäßig unter Tränen Pausen mache. Am Ende fragen die Ermittler Louise L., ob sie noch etwas hinzufügen wolle. Ihre Antwort: „Ich bin traurig, betrübt, schockiert. Ich frage mich, wie es so schnell, und ich betone das, sehr schnell, viel zu schnell passieren konnte. Das Feuer breitete sich zu schnell aus.“
Das Sekundenprotokoll
Wie schnell das Unglück seinen Lauf nahm, lässt sich anhand der bisherigen Ermittlungen präzise nachvollziehen. Sowohl in der Bar als auch auf der Straße vor dem Lokal gab es Videoüberwachungsanlagen. Deren Aufnahmen aus der Silvesternacht hat die Kantonspolizei ausgewertet und in einem zehnseitigen Sekundenprotokoll zusammengefasst. Demnach dauerte es nur 92 Sekunden, bis aus einem kleinen Brand an der Decke ein tödliches Inferno wurde. Das Sekundenprotokoll liegt der F.A.Z. in französischer Sprache vor. Auf dessen Grundlage zeichnen wir die wesentlichen Beobachtungen chronologisch nach:
01:20:00 Uhr: Jessica Moretti steht in einem „glitzernden kurzen Kleid“ im Personalbereich der Bar, die sich im Untergeschoss des Lokals befindet.
01:20:36 Uhr: Moretti geht die Treppe hinauf ins Erdgeschoss. Dort spricht sie mit der Kellnerin Cyane Panine („kurzes Kleid, Strumpfhose, lange Haare“) und mit Camille C. Gemeinsam gehen die drei hinunter zur Bar.
01:22:48 Uhr: In der Bar werden Champagnerflaschen auf die Theke gestellt und für die Ausgabe an die Gäste vorbereitet. Am Flaschenhals werden bengalische Sprühfontänen angebracht. Moretti verteilt die Flaschen an die Kellnerinnen und gibt Anweisungen.
01:23:38 Uhr: Cyane Panine trägt einen Helm auf dem Kopf. Dabei handelt es sich um einen Werbehelm des Champagner-Produzenten Dom Pérignon, dessen Kanten beim inszenierten Servieren leuchten. Er schränkt das Sichtfeld der Kellnerin stark ein.

01:26:03 Uhr: Im Erdgeschoss des Lokals geht ein Mann zu einer Glastür und streckt den rechten Arm nach oben. „Er stellt sich kurz auf die Zehenspitzen, (…) senkt seinen rechten Arm, geht ein paar Schritte zurück, macht eine Geste mit der rechten Hand und nickt.“ Ein großer kahlköpfiger Mann tritt durch die Tür, dreht sich um und hebt seine rechte Schulter in Richtung Tür. Sein Arm ist außerhalb des Bildausschnitts. Aber vermutlich hat der Mann den Türriegel zugeschoben, der in zwei Meter Höhe angebracht war.
01:26:38 Uhr: Cyane Panine sitzt auf den Schultern eines Kellnerkollegen. In jeder Hand hält sie eine Champagnerflasche; die angebrachten Partyfontänen sprühen Funken. „Die Ausrichtung ihres Helms lässt vermuten, dass sie in diesem Moment nach unten schaut. Anschließend hebt sie den rechten Arm leicht an, bis sich der funkensprühende Flaschenhals etwa auf Höhe ihres Kopfes befindet.“
01:26:52 Uhr: In der Bar reihen sich sechs Personen hintereinander auf. Mit den bestellten Champagnerflaschen, alle versehen mit brennenden Sprühfontänen, marschieren sie in einer Polonaise durch die Bar. Jessica Moretti bildet das Schlusslicht der Parade. Sie trägt eine Maske. „Sobald der Zug losgeht, richtet sich die Aufmerksamkeit der Gäste, die sich westlich des Bartresens befinden, auf die Decke.“
01:26:58 Uhr: An einer Ecke der Bar tropft etwas von der Decke. Dabei handelt es sich um Teile der Schaumstoffisolierung, die durch die Sprühkerzen an den von Cyane Panine gehaltenen Flaschen in Brand geraten ist. Durch ihre erhöhte Position auf den Schultern eines Arbeitskollegen schlagen die Funken bis zur Decke.
01:27:01 Uhr: Mehrere Gäste blicken zu einer heller werdenden „Lichtquelle“ (dem Feuer) an der Decke. Die Zahl der von der Decke fallenden Tropfen nimmt erheblich zu. Die Gäste weichen zurück.
01:27:23 Uhr: Ein Gast zieht seinen Pullover über den Kopf, hält ihn in der rechten Hand und schlägt damit zweimal in Richtung des Feuers an der Decke.
01:27:30 Uhr: Gäste an einem Tisch östlich der Bar stehen auf und setzen sich in Bewegung.
01:27:34 Uhr: Der DJ Matéo Lesguer greift nach dem Feuerlöscher, der neben dem Notausgang hängt, vor dem ein Hochstuhl steht. Im Flur auf dem Weg zum Hauptraum rennen Gäste in beide Richtungen und rempeln sich leicht an. Im hinteren Teil des Untergeschosses befindet sich eine zusätzliche kleine Bar. Diese „Bar Clandestin“ diente in der Silvesternacht als Garderobe. Dort holen sich Gäste „sichtlich in Eile ihre Jacken“, bevor sie wieder auf den Flur hinausgehen. Rauch dringt durch den Eingang der „Bar Clandestin“.
01:27:39 Uhr: Im Erdgeschoss tauchen die ersten Personen auf, die aus dem Keller geflohen sind. An der zweiflügeligen Glastür zur Veranda, die nur zur Hälfte und obendrein zum Innenraum hin geöffnet ist, bildet sich ein Stau.
01:27:57 Uhr: In der Bar im Untergeschoss wird der Rauch immer dichter. Es entstehen Flammen. Auf der Treppe hinauf zum Erdgeschoss wird es eng. „Wir stellen fest, dass sich einige Personen nach vorne gebeugt fortbewegen, die Gesichter dicht über dem Boden.“
01:28:01 Uhr: Jessica Moretti betritt die Veranda des Lokals und flieht mit einem Handy in der linken Hand zum Ausgang.
01:28:11 Uhr: Flammen schlagen aus dem Treppenkorridor, der nach oben führt, und lecken an der Decke der Bar im Erdgeschoss. „Das Bild hellt sich leicht auf, und wir erkennen kurz Menschen, die im Rauch gefangen sind.“
01:28:30 Uhr: Die Flammen schießen mit hoher Geschwindigkeit durch die Tür der Veranda. „Wir sehen Personen, von denen einige in Flammen stehen.“ Das Bild bleibt stehen und bricht ab.
01:32:39 Uhr: Ein Polizeibeamter rennt den Bürgersteig der Rue Centrale hinunter in Richtung der Bar „Constellation“.

01:33:24 Uhr: Ein Fahrzeug der Polizei von Crans-Montana taucht auf. Ein Polizeibeamter erscheint zu Fuß, unmittelbar gefolgt von einem weiteren Beamten, der eine Warnweste trägt.
01:33:46 Uhr: Ein schwarzer Mercedes-Kleinbus hält auf dem Bürgersteig. Darin sitzt Jacques Moretti. Er steigt aus und rennt zu seiner Bar.
01:34:56 Uhr: Mit Blaulicht und Sirene fährt ein Feuerwehrwagen vor. Weitere Feuerwehrwagen sowie Krankenwagen folgen kurz danach.
Temperaturen von 500 bis 600 Grad
Schon kurz nach der Brandkatastrophe teilten die Ermittler mit, dass es zu einem „Flashover“ gekommen ist. Dieser Begriff, auch Feuerüberschlag genannt, beschreibt den Moment, in dem ein Brand explosionsartig eskaliert. In einem geschlossenen Raum erhitzt ein Feuer seine Umgebung stark. Dadurch beginnen Möbel, Teppiche oder Vorhänge brennbare Gase abzugeben. Diese Rauchgase sammeln sich unter der Decke und werden immer heißer, bis sie eine Temperatur von etwa 500 bis 600 Grad erreichen. Von diesem Punkt an entzünden sich die Pyrolysegase schlagartig selbst, ohne dass sie direkt von einer Flamme berührt werden. Sekunden später steht der ganze Raum in Flammen.
Von dieser Gefahr wussten die meisten Gäste offenbar nichts, als der Brand in der Bar ausbrach. All jene, die sich noch die Zeit nahmen, ihre Jacken aus der Garderobe im hinteren Teil der Bar zu holen, sind umgekommen. Erschwerend kam hinzu, dass sich der Hauptfluchtweg über die Treppe ins Erdgeschoss durch die fliehenden, zunehmend stolpernden und kollabierenden Menschen verstopfte. Auch der Ausgang im Erdgeschoss erwies sich als sehr gefährliches Nadelöhr. Zudem war der Notausgang auf Ebene der Bar kaum als solcher erkennbar und mit einem Hochstuhl versperrt, wie im Sekundenprotokoll ebenfalls festgehalten ist.
Dort findet sich auch der Hinweis auf eine Seitentür im Erdgeschoss, die durch einen Riegel versperrt war. Der nach dem Notruf seiner Frau sogleich herbeigeeilte Jacques Moretti brach diese Tür in der Horrornacht von außen auf – und fand dahinter mehrere leblose Körper, darunter jenen der Kellnerin Cyane Panine. Moretti sagte den Ermittlern später, dass er niemals eine Anweisung zum Schließen dieser Tür erteilt habe. Es habe sich aber auch nicht um einen Notausgang gehandelt, sondern um eine Servicetür, die Mitarbeiter und Gäste genutzt hätten, um außerhalb rauchen zu können.
Verdacht der fahrlässigen Tötung
Die Walliser Staatsanwaltschaft ermittelt gegen das französische Ehepaar Moretti wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung und der fahrlässigen Brandstiftung. Der in Frankreich wegen schwerer Zuhälterei vorbestrafte Jacques Moretti hatte den Akustikdämmstoff, der entgegen den gesetzlichen Brandschutzregeln leicht entflammbar war, 2015 persönlich an der Decke seiner Bar angebracht.
Nachdem mehrere Banken ungewöhnliche Finanztransaktionen im Umfeld der Morettis gemeldet hatten, geht das Bundesamt für Polizei (Fedpol) zudem dem Verdacht der Geldwäsche nach. Fedpol ist einem „mutmaßlich kriminellen Finanzkonstrukt“ auf der Spur, vergleichbar mit einem Schneeballsystem. Wie die Ermittler in einem Untersuchungsbericht schreiben, könnte der millionenschwere Vermögensaufbau der Morettis, die im Wallis und in Frankreich mehrere Immobilien besitzen, darauf beruhen, dass sie sich unrechtmäßig Kredite erschlichen haben. Die Anwälte des Paars weisen die Vorwürfe als unbegründet zurück.
Die Walliser Staatsanwaltschaft ermittelt aber auch gegen mehrere Verantwortliche der Gemeinde Crans-Montana, darunter gegen den Gemeindepräsidenten Nicolas Féraud sowie den ehemaligen Sicherheitsbeauftragten. Féraud hat öffentlich zugegeben, dass es in der Bar „Constellation“ seit 2019 keine Brandschutzkontrollen mehr gegeben hatte. Vorgeschrieben ist eine jährliche Inspektion. Warum diese so lange unterblieben, vermochte Féraud nicht zu sagen. Einen Rücktritt lehnt er bis heute ab.
Louise L. hingegen fragt sich, was sie in jener verhängnisvollen Nacht anders hätte machen können. Dabei hatte sie das richtige Gespür für die Gefahr. „Raus hier, es wird explodieren“, habe sie geschrien. „Ich wollte dort nicht sterben. Ich bin rausgelaufen.“ Doch nach ein paar Tagen setzte die Reue ein, „dass die anderen es nicht geschafft haben, während ich es geschafft habe“.
