
In der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover wird im September der Oberbürgermeister und ein neuer Rat gewählt. Insbesondere für die Grünen und die SPD geht es bei diesen Wahlen um viel: Die Grünen wollen unbedingt ihren Oberbürgermeister Belit Onay im Amt halten. Die SPD möchte hingegen ihre alte Hochburg Hannover zurückerobern, die sie 2019 aufgrund der „Rathaus-Affäre“ um den mittlerweile rechtskräftig verurteilten Oberbürgermeister Stefan Schostok an die Grünen verloren hatte. Denn Hannover bildet das unbestrittene Machtzentrum des letzten großen und erfolgreichen Landesverbands der SPD.
Umso nervöser reagieren die Sozialdemokraten deshalb auf die Geschehnisse rund um eine SPD-Lokalpolitikerin, die sich aktuell zuspitzen. Es geht um Hülya Iri, die bis Ende März für die SPD im Rat der Landeshauptstadt saß und dort stellvertretende Fraktionsvorsitzende war. Die 51 Jahre alte Iri galt in der Partei lange Zeit als Vorzeigepolitikerin: Eine alleinerziehende Mutter mit Migrationshintergrund, engagiert und tatkräftig, über die sich in einer multiethnischen Stadt wie Hannover womöglich auch größere Wählergruppen erschließen lassen. Iri kümmerte sich auch vorrangig um das Thema Integration.
Hilfe für ein Brennpunkt-Viertel?
Im Bereich ihres SPD-Ortsvereins Hannover Kirchrode-Bemerorde-Wülferode gab es dafür auch Bedarf. Denn der Ortsverein ist auch für ein großes Neubaugebiet am Kronsberg zuständig. In dem weitläufigen Areal, das die Landeshauptstadt seit der Weltausstellung Expo 2000 schrittweise entwickelte, sollten Ökologie und Integration Hand in Hand gehen. Letzteres klappte allerdings nur bedingt: Seit mehr als zehn Jahren gibt es Berichte über randalierende Jugendgruppen in dem Quartier.
Hülya Iri wurde daraufhin aktiv und gründete im September 2018 einen Verein namens „Integrationsarbeit Kronsberg e.V.“, zu dessen Aktivitäten der F.A.Z. zahlreiche Unterlagen und Schriftwechsel vorliegen. Die SPD-Politikerin übernahm auch selbst den Vorsitz in dem Verein, zu dessen Gründern auch Hülya Iris Tochter sowie ihr Sohn zählten. Daneben soll es auch noch weitere private Verquickungen gegeben haben.
Und während viele andere Vereine um Förderungen in Höhe von einigen tausend Euro ringen, öffneten sich die staatlichen Fördertöpfe für „Integrationsarbeit Kronsberg e.V.“ in deutlich größerem Maßstab. Bislang ist bekannt, dass der Verein mehr als eine Million Euro staatlicher Gelder eingesammelt hat. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge überwies 739.583 Euro für das „Respekt Café Kronsberg – Hannover“. Das Land Niedersachsen zahlte rund 350.000 Euro; die Region Hannover etwas mehr als 9000 Euro.
Die Konzepte klangen „überzeugend“
Im November 2024 beantragte der Verein zum Beispiel Fördermittel für 45 „Workshops“ gegen Antisemitismus. Diese sollten unter anderem „im Rahmen von Kampfsporttrainings“ stattfinden. Das SPD-geführte niedersächsische Sozialministerium bewilligte im April 2025 dafür 54.558 Euro, gestreckt über zwei Jahre. Aus den Reihen der Partei heißt es dazu bis heute, Iris Konzepte gegen Antisemitismus und zu weiteren Themen wie geschlechtsspezifischen Integrationsprozessen hätten sich nicht nur überzeugend angehört, sie hätten auch passgenau zu den jeweils aktuellen Anforderungen gepasst.
Die vermeintliche Erfolgsstory hat inzwischen allerdings ein jähes Ende genommen: Am 24. März 2026 setzte das Amtsgericht Hannover einen Insolvenzverwalter für den Verein „Integrationsarbeit Kronsberg“ ein. Und einen Tag später erklärte Hülya Iri, aus gesundheitlichen Gründen ihr Mandat im Rat der Landeshauptstadt niederzulegen. Die beiden SPD-Fraktionsvorsitzenden zollten ihr zum Abschied noch öffentlich ihren Respekt.
Tatsächlich war die Lage zu diesem Zeitpunkt innerhalb der hannoverschen Sozialdemokratie bereits höchst angespannt, weil sich die Hinweise auf Unregelmäßigkeiten rund um den Verein längst verdichteten. Entsprechende Gerüchte kursieren in Hannover schon lange. Die Schwester von Hülya Iri kontaktierte nach einem Erbstreit mit der SPD-Politikerin zahlreiche Personen in der Stadt und verbreitete Anschuldigungen.
Die AfD fragte nach
Im Juni 2024 habe die Schwester über Whatsapp auch erstmals die SPD kontaktiert, heißt es aus der Partei. Die Führungsspitze nahm diese Anschuldigungen allerdings nicht sonderlich ernst, denn diese seien penetrant und schwer greifbar gewesen.
In den Reihen der SPD hatte man zudem den Verdacht, dass die Schwester von Hülya Iri im Austausch mit der AfD steht, die im Bundestag eine kleine Anfrage zu „Integrationsarbeit Kronsberg e.V.“ gestellt hat und darin auch nach möglichen Doppelförderungen und Immobilienkäufen fragte. Doch in der Antwort der Bundesregierung vom 9. September 2025 heißt es wiederkehrend, es seien „keine Unregelmäßigkeiten festgestellt“ worden.
Auch die Staatsanwaltschaft Hannover beschäftigte sich mit dem Verein, da bei ihr anonyme Anzeigen eingingen. Diese hätten sich jedoch als „nicht substantiiert“ erwiesen, teilt ein Sprecher mit. Alle Prüfungen seien damals mangels Anfangsverdacht wieder eingestellt worden. Auch das habe dazu beigetragen, dass man sich weiter hinter Hülya Iri stellte, heißt es aus der SPD, zumal man sich dort dem Druck „rechter Netzwerke“ keinesfalls beugen wollte.
Sogar Siegmar Gabriel lobte Iri
Für eine Prise mehr Misstrauen hätte es allerdings Anlass gegeben. Denn im SPD-Ortsverein Kirchrode-Bemerode-Wülferode hatte es bereits nach dem Parteieintritt von Hülya Iri im Jahr 2013 Auffälligkeiten gegeben. Im Kampf um die dortige Kandidatur für den Stadtrat drängte Iri 2016 den damaligen SPD-Ratsherrn Michael Klie zur Seite. Dies geschah mit Hilfe zahlreicher Neumitglieder mit türkischen Wurzeln, die Iri als Mitgliederbeauftragte geworben hatte.
Anstatt diese Vorgänge genauer zu untersuchen, unterstützte die SPD-Führung Hülya Iri. Es war niemand Geringeres als der damalige Vizekanzler und SPD-Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel, der dem Ortsverein einen Besuch abstattete und die Leistung von Hülya Iri demonstrativ heraushob. Nur 17 andere Ortsvereine in ganz Deutschland hätten mehr Mitglieder geworben als die SPD Kirchrode-Bemerode-Wülferode, lobte Gabriel.
Richtig nervös wegen Hülya Iri wurde man in der SPD erst vor wenigen Monaten. Rund um Weihnachten entschloss sich die SPD nach dem Eingang weiterer Anschuldigungen, den Geschehnissen im Verein „Integrationsarbeit Kronsberg“ genauer nachzugehen, dessen Vorsitz mittlerweile Hülya Iris Tochter übernommen hatte.
Immer wieder neue Vorwürfe
Anfang Januar unterzeichnete Hülya Iri eine eidesstattliche Versicherung gegenüber der SPD-Fraktion, dass an den erhobenen Vorwürfen nichts dran ist. Iri soll damals auch gebeten worden sein, ihr Mandat ruhen zu lassen. Anfang Februar meldete sich dann ein Mann bei der SPD mit weiteren Vorwürfen rund um Iri und den Verein. Ihm seien Honorare vorenthalten worden.
Die Zweifel in der SPD wuchsen dadurch weiter. Iri wurde nun parteiintern aufgefordert, ihr Mandat abzugeben. Zum Bruch kam es, als die örtliche SPD-Spitze vor einigen Tagen aus den lokalen Medien von der Insolvenz des Vereins erfuhr und Hülya Iri nicht mehr persönlich zu erreichen war.
Auch die Behörden haben mittlerweile Prüfungen eingeleitet. Im Niedersächsischen Landessozialamt geht man nach F.A.Z.-Informationen sogar dem Verdacht nach, dass angebliche Migrationsberatungen des Vereins gar nicht stattgefunden haben. Hülya Iris Rechtsanwalt Dogukan Isik teilt auf Anfrage mit, dass sich seine Mandantin derzeit nicht zu Vorwürfen und internen Strukturen des Vereins äußere.
Ob sich die Verdachtsmomente gegen Iri erhärten lassen, ist derzeit offen. Es gilt die Unschuldsvermutung. Auch die Staatsanwaltschaft Hannover prüft den Fall inzwischen wieder. Bereits in wenigen Tagen könnte sich entscheiden, ob Ermittlungen aufgenommen werden.
Parteiordnungsverfahren gegen Iri und ihre Kinder
Die städtische SPD sucht ihr Heil deshalb nun in einer Vorwärtsverteidigung. Am Freitagabend beschloss der geschäftsführende Vorstand der städtischen SPD die Prüfung von Parteiordnungsverfahren gegen Hülya Iri, ihren Sohn und ihre Tochter. Das Ziel ist, dass die Mitgliedschaft der drei ruht, solange das Insolvenzverfahren läuft und die Vorwürfe nicht proaktiv ausgeräumt werden. Zuständig für die Entscheidung sind nun die Gremien des SPD-Unterbezirks und des SPD-Bezirks Hannover.
Der Fall ist für die SPD dennoch weiter gefährlich. Der Kronsberg gehört zum Wahlkreis der niedersächsischen Landtagsabgeordneten Doris Schröder-Köpf, die bis Spätherbst 2022 die Migrationsbeauftragte des Landes Niedersachsen war. Auf Instagram zeigte sich Schröder-Köpf im Landtagswahlkampf 2022 Arm in Arm mit Hülya Iri und lobte sie für „enthusiastischen und unermüdlichen“ Einsatz in ihrem Wahlkampfteam. Anfang 2023 bildete die SPD wegen der Probleme am Kronsberg dann ein „Kompetenzteam“, dem sowohl Schröder-Köpf als auch Iri angehörten.
Die Niedersächsische Staatskanzlei teilt auf F.A.Z.-Anfrage mit, dass Schröder-Köpf sich zwischen 2018 und 2021 auch mit Empfehlungsschreiben für den Verein „Integrationsarbeit Kronsberg“ beim Landesamt für Soziales eingesetzt hat. Auch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erhielt 2021 ein solches Schreiben. Zudem habe Schröder-Köpf 2022 das Projekt „Demokratie goes online“ des Vereins gemeinsam mit Hülya Iri vorgestellt.
Daneben geht es aber auch um die Tochter und den Sohn von Hülya Iri. Die beiden waren nämlich nicht nur in dem Integrationsverein am Kronsberg aktiv, sondern daneben auch in der SPD. Die Tochter steht der SPD-Arbeitsgemeinschaft Frauen in der Region Hannover vor, der Sohn hat die Wahlkämpfe prominenter SPD-Politiker aus der Stadt tatkräftig unterstützt. Im aktuellen Wahlkampf wirkte der Sohn im „Jungen Team“ des SPD-Oberbürgermeisterkandidaten Axel von der Ohe mit.
Hülya Iris Sohn ist mit Hannovers Ordnungsdezernent Axel von der Ohe nicht nur über die Parteischiene verbunden. Nach F.A.Z.-Informationen hat er vor einiger Zeit eine Stelle im Ordnungsdezernat der Stadtverwaltung bekommen. Auch die Tochter Iris soll beruflich für die Kommune gearbeitet haben. Die SPD hat die Tochter auch aufgefordert, ihre Funktion bei der Frauen-Arbeitsgemeinschaft niederzulegen sonst werde sie kommende Woche abgelöst. Zur Begründung heißt es aus der SPD dazu, dass man an die Tochter ebenso wie an die Mutter Hülya nicht mehr direkt herankomme. Vielleicht sei man insgesamt einfach zu gutgläubig gewesen.
Vielleicht hat die Partei es aber auch verpasst, sich nach ihrer „Rathaus-Affäre“ und dem Machtverlust im Jahr 2019 selbstkritisch mit ihrem Filz-Potential zu befassen.
