
Wenn alles gut geht, werden die vier Astronauten der amerikanischen Mondmission „Artemis II“ in der Nacht zum Samstag zur Erde zurückkehren. Danach sind verschiedene Blicke auf dieses Unternehmen möglich. Der eine wird die Leistung der Besatzung herausstellen, die neun Tage lang in ihrer neun Kubikmeter großen Orion-Kapsel fast 1,2 Millionen Kilometer zurücklegte. Es wird nicht unerwähnt bleiben, dass diesmal nicht nur weiße Männer an Bord waren, und hoffentlich wird auch der substanzielle europäische Anteil an diesem Erfolg gewürdigt werden: Das Service Module, in dem Orions Energieversorgung und die Manövertriebwerke untergebracht sind, wurde in Bremen endmontiert.
Unter einem anderen Blick hat Artemis II den Mond lediglich umrundet und damit nicht viel anderes getan als Apollo 8 im Jahr 1968, wobei deren Besatzung den Mond damals nicht nur einmal umflog, sondern zehnmal. Auch die Pläne dafür, wie es nun mit den Artemis-Flügen weitergeht, erinnern an das Apollo-Programm: Artemis III wird noch keine Astronauten auf der Mondoberfläche absetzen, sondern nur das Docken mit den Mondlandeeinheiten im nahen Erdorbit üben sowie Raumanzüge testen – wie Apollo 9. Erst Artemis IV soll zwei Astronauten bis hinunter auf die Oberfläche des Mondes bringen.
Alles hängt an Elon Musks „Starship“
Doch Artemis ist kein Apollo-Reenactment. Landungen im vorgesehenen Gebiet nahe dem Mondsüdpol, wo Vorkommen von Wassereis vermutet werden, sind komplexer und damit riskanter. Einige Rahmenbedingungen allerdings lassen auch an damals denken: 1968 wurden erst Martin Luther King, dann Robert Kennedy ermordet, die USA steckten gesellschaftlich tief in der Krise und in einem Krieg, von dem sich herausstellen sollte, dass er nicht zu gewinnen war. Zudem gab es damals die sowjetische Konkurrenz, heute kommt sie aus China. Dort hat man angekündigt, bis 2030 eigene Astronauten zum Mondsüdpol zu schicken, Beobachter rechnen damit, die Chinesen könnten das schon 2029 versuchen, wenn die Volksrepublik den 80. Jahrestag ihrer Staatsgründung feiert.
Das wird knapp für Amerika – sehr knapp. Artemis IV ist zwar für 2028 geplant, doch dafür bedarf es der Einsatzbereitschaft der wiederverwendbaren Schwerlastrakete „Starship“ aus dem Hause von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX oder eines parallel in der Entwicklung befindlichen Landesystems, an dem die Firma Blue Origin des Amazon-Gründers Jeff Bezos arbeitet. Starships Oberstufe gibt es zwar, sie hat aber noch keinen Orbitalflug absolviert. Auch muss bei beiden Optionen eine Wiederbetankung von Raumschiffen im All funktionieren – etwas, das noch gar nicht ausprobiert werden konnte.
Ein Wettlauf ist das nur aus amerikanischer Perspektive
China auf der anderen Seite arbeitet seit 2004 zielstrebig und – im Gegensatz zu den USA – unter konstanter Unterstützung durch die Staatsführung an seinem Mondprogramm. Technisch ist es konventioneller, als was Amerika vorhat, doch die bisherigen unbemannten chinesischen Mondmissionen setzten Meilensteine. Und nach Jahrzehnten der Geheimniskrämerei geht Peking nun zu einer offensiven Öffentlichkeitsarbeit über sowie immer öfter zur Kooperation mit anderen Ländern. In den 2030er-Jahren soll am Südpol des Mondes sogar eine „International Lunar Research Station“ entstehen.
Aktuell sieht es daher ganz danach aus, als ziehe China seine Pläne unbeirrt durch und treibe die USA vor sich her. Einen neuen Wettlauf zum Mond gibt es vor allem aus amerikanischer Sicht. Und es ist möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass die Amerikaner ihn nominell verlieren werden, nicht zuletzt weil sie auf neue, komplexe und für kurze Mondtrips eigentlich überdimensionierte Raketensysteme wie das Starship setzen, das Elon Musk eigentlich im Hinblick auf den Mars entwickeln ließ.
Doch langfristig hätten die USA genau deswegen auch am Mond die Nase vorne. Wenn Starship und das System von Blue Origin einmal wie vorgesehen fliegen – oder auch nur eines davon –, dann verfügen Amerika und seine Partner über die Fähigkeit zu einem raschen und vor allem kostengünstigeren Aufbau lunarer Infrastruktur, die ihre astronautischen Aktivitäten vom niedrigen Erdorbit hin zum Mond verlagert – mit allen Konsequenzen für die tatsächliche Nutzung dieses Ortes.
Dessen Potential ist aber heute so wenig absehbar, wie es einst das des erdnahen Orbits war, ohne den wir noch im Zeitalter von Faltkarten und Kurzwellenfunk lebten. China mag sich das Prestige erkämpfen, nach mehr als 50 Jahren erstmals wieder Menschen auf die Mondoberfläche zu bringen. Man sollte es dem Reich der Mitte dann auch gönnen. Aber die USA haben die Möglichkeit, mehr aus dem Mond zu machen. Sie dürfen sich von einem chinesischen Erfolg nur nicht entmutigen lassen.
