
Bei aller Neugier: Dieses Stück hätten wir uns niemals auf CD gekauft. „La Transfiguration de Notre Seigneur Jésus-Christ“, ein anderthalbstündiges Werk für Chor und großes Orchester von Olivier Messiaen, 1969 fertiggestellt. Vielleicht das monumentalste Zeugnis der Tonkunst des Franzosen, die Gregorianik, indische Rhythmen und Vogelgesänge mit Kompositionstechniken der europäischen Moderne verbindet. Das Interesse an Kolossalwerken aller Art hat unseren Blick auf dieses Opus magnum gelenkt, aber 30 Euro wäre uns der Hör-Versuch dann doch nicht wert gewesen.
Zum Glück gibt es Tidal. Den Streamingdienst haben wir vor einiger Zeit abonniert, er hat beim Aufspüren von Repertoire-Raritäten noch nie versagt. Es finden sich dort Einspielungen von Orgel-Transkriptionen, deren Existenz wir bisher nur theoretisch für möglich gehalten haben. Aber auch Dutzende Versionen von Arnold Schönbergs „Gurreliedern“ und Gustav Mahlers achter Sinfonie – sodass wir nun ohne Zusatzkosten herausfinden können, welchen Dirigenten es am besten gelungen ist, die Klangmassen dieser gigantischen Werke zu bändigen.
Repertoire-Raritäten für 10,99 Euro im Monat
Während wir Messiaens frommen Gesängen lauschen, stimmen wir in Gedanken ein Loblied auf die barrierenbrechende Macht des Streamings an. Hat eigentlich schon jemand darauf hingewiesen, wie sehr diese segensreiche Erfindung auch den Zugang zu anspruchsvoller Musik erleichtert? Könnten das bitte gerade jene einmal tun, die Klassik als „elitär“ diffamieren und meinen, die angebliche Kontaktscheu der jungen Generation gegenüber diesem Genre lasse sich am besten mit wokem Mozart-Klamauk überwinden?
Apropos „demokratische Kunst“: Tickets für ein Taylor-Swift-Konzert können mehrere hundert Euro kosten, die günstigsten Karten für einen Auftritt der Wiener Philharmoniker in der Alten Oper Frankfurt sind (falls nicht schon ausverkauft) für 37 Euro zu haben. Abendkonzerte im Mainzer Dom, wo an einer der größten und modernsten Orgeln des Landes Meister ihres Fachs gastieren, kosten zehn Euro Eintritt, Schüler und Studenten zahlen gar nichts. Das Tidal-Abo in HiFi-Qualität gibt es für 10,99 Euro im Monat.
Am Geld scheitert der Zugang zur „ernsten“ Musik also nicht. Die Bereitschaft, sich auf Schöpfungen einzulassen, die weniger glatt ins Ohr gehen als ein Taylor-Swift-Song und nicht schon nach drei Minuten verklungen sind, muss man natürlich mitbringen. Aber nein, man muss nicht Musikwissenschaft studiert haben, um Olivier Messiaens Turangalîla-Sinfonie großartig zu finden. Man braucht nicht einmal das Abitur dazu.
