Neulich verblüffte mich ein hochgeschätzter Physiotherapeut mit einem Satz, der mich erst mal ratlos zurückließ. In den ersten Rehawochen nach einer schweren Knie- oder Hüftoperation, sagte er, erzielten Raucher die besten Ergebnisse.
Raucher? Also jene Menschen, deren drohendes Schicksal uns an jeder Supermarktkasse aus einem vergitterten Zigarettenregal in Wort und Bild vorgeführt wird? Da blicken wir nicht auf ein Genussmittel, sondern auf ein Museum der praktizierten Selbstzerstörung.
Es wartet nicht das Gipfelkreuz, sondern die Zigarette
Wer raucht, so lernen wir zwischen Kaugummi und Kassenband, dem drohen unter anderem Lungenkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfall, Raucherbein, Impotenz und früher Tod. Jedes sündhaft teure Zigarettenpäckchen ist bebilderte Katastrophenliteratur. Und ausgerechnet diese Leute sollen nun die Avantgarde der Rehazentren sein?
Womöglich war die Erklärung des Physios, die er auf meine Verwunderung erwiderte, nur die Pointe eines gängigen Scherzes im Kollegenkreis, aber sicher bin ich mir da nicht. Raucher, sagte er, hätten schlicht einen stärkeren Antrieb, schnell wieder auf die Beine zu kommen.
Deshalb humpelten sie, so gut es eben gehe, ständig nach draußen. Dorthin, wo es dampft, in den Raucherbereich vor dem Krankenhaus, der Rehaklinik. Mehrmals am Tag. Freiwillig und unter erheblichen Schmerzen. Mit neuem Knie, frischer Hüfte, Stützen unterm Arm und einem Gesichtsausdruck, als würden sie gerade die Eigernordwand durchsteigen. Nur dass kein Gipfelkreuz wartet, sondern eine Zigarette.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Natürlich sollen sich auch Nichtraucher nach Operationen früh bewegen. Weil es gut für sie ist, auch wenn es wehtut. Das funktioniert eher selten, wie man weiß. Liegen ist weniger anstrengend. Raucher haben da einen ganz anderen Antrieb. Sie sollen nicht, sie wollen. Und zwar rauchen.
Das ist psychologisch natürlich ein unschlagbarer Vorteil. Stichwort Motivation. Der eine hat einen Therapieplan. Der andere hat eine Sucht. Und ich muss zugeben: Die Sucht ist im Sport oft der effizientere Coach.
Sehr vorsichtig, sehr dosiert, sehr kontrolliert
Der Raucher jedenfalls will nicht an seiner Mobilität arbeiten. Er will nur runter vom Stationsflur und raus vor die Tür. Und schon ist er der Reha-King. Der Mensch tut das Richtige eben oft nicht aus Überzeugung, sondern aus Begierde. Nicht weil er ein besseres Leben führen möchte, sondern weil er an einer Zigarette ziehen will. Auf Krücken, mit Drainage, notfalls bei Regen.
Das alles könnte auch erklären, warum manche Profis so lange brauchen, bis sie nach Verletzungspausen zurück im Ring sind. Kreuzband. Muskelbündel. Sprunggelenk. Monatelang hört man, der Heilungsverlauf sei „im Plan“, der Athlet arbeite „individuell“, man wolle „kein Risiko eingehen“.
Alles immer sehr vorsichtig, sehr dosiert, sehr kontrolliert. Doch jetzt versteht man: Womöglich fehlt ihnen der letzte Drive. Die ultimative Motivation. Alles Nichtraucher eben.
Jetzt ist natürlich die Frage: Fange ich wieder mit dem Rauchen an, das ich mir vor einem Vierteljahrhundert so mühsam abgewöhnt habe? Als Prophylaxe gewissermaßen für die nächste Reha? Knie und Hüfte schmerzen schon. Aber vielleicht frage ich lieber erst mal meinen Physio, ob das Ganze nicht bloß ein Aprilscherz war.
