Liebe Leserin, lieber Leser,
kürzlich
las ich, die “Schaustellerkultur
auf Volksfesten in Deutschland”
gehöre jetzt zum immateriellen Unesco-Kulturerbe. Klar, dass ich
mich gestern mit dem Präsidenten des Hamburger Schaustellerverbands,
Robert Kirchhecker, Inhaber der Bauernkate (gegenüber der Wilden Maus), auf dem Dom treffen musste, um diesen Meilenstein zu
besprechen.
Zunächst
drängte sich die Frage auf: Ist der Hamburger Dom jetzt genauso
wichtig wie die Speicherstadt? “Nein”,
sagte Kirchhecker, machte eine kurze Pause und schloss dann die
natürlich einzig richtige Ergänzung an: “Wir
sind wichtiger!”
Eines seiner Argumente: Die Speicherstadt gebe es nur in Hamburg,
Volksfeste überall.
Da
hat er recht: Knapp 10.000 sind es jährlich in ganz Deutschland. Die
Unesco sieht es zwar anders als Kirchhecker, denn während die
Speicherstadt zum Welterbe gehört, taucht die Schaustellerkultur nur
in der deutschlandweiten Auswahl auf. Wenn man aber sieht, dass auf
jener Liste auch die “Gehöferschaft
Wadrill”
oder “Die
Geißbocktradition zwischen den Städten Lambrecht und Deidesheim”
aufgeführt sind, kann man sagen: Vielleicht war es an der Zeit, dass
die Schaustellerkultur eine Würdigung erfährt.
Als
ich Kirchhecker auf dem Dom traf, erzählte er mir von den Sorgen,
die das Gewerbe plagten: höhere Preise im Einkauf, gestiegene Kosten
für Sicherheitsvorkehrungen, die Konkurrenz durch Unterhaltung mit
Smartphones und anderen Geräten. Er hoffe, die Aufnahme in die
Kulturerbe-Liste sorge dafür, dass seine Branche noch mehr geschützt
und gefördert würde.
Kirchhecker,
der zwischen zwei Fragen einen Kollegen mit “Ich
mach grad hier ein Interview, mein’ Süßen!”
abwimmelte, Bekannten auf dem Platz lachend “Benehmt
euch!”
zurief und auf die Frage, was die Bauernkate besonders mache, “Der
Chef!”
antwortete, fand für die Bedeutung von Volksfesten folgende Worte:
“Sie
sind das beste Antidepressivum!”
Ich wünsche Ihnen einen
schönen Tag!
Ihr
Yannick Ramsel
Was heute wichtig ist
Hamburg
und NRW drängen auf ein schärferes
Sexualstrafrecht
nach
dem Prinzip “Nur Ja heißt Ja”.
Mit ihrem Amtskollegen Benjamin Limbach hat Justizsenatorin Anna
Gallina (beide Grüne) dazu einen Antrag zur nächsten
Justizministerkonferenz eingebracht. Demnach soll das Fehlen einer
freiwilligen, erkennbaren Zustimmung zu einer sexuellen Handlung als
zentrales Kriterium für deren Strafbarkeit gelten. Über den Vorstoß
beraten die Justizminister Anfang Juni in Hamburg.
Bei
vermehrten Kontrollen anlässlich des “Car-Freitags”, einem
bundesweiten Treffen der Tuningszene am Karfreitag, stellte die
Polizei in Hamburg mehr
als 3.000 Verstöße
fest. Meist ging es um leichtere Tempoverstöße; 17 Autos verloren
die Betriebserlaubnis.
Ein offensichtlich psychisch verwirrter Mann hat am Montag mit einem Messer in der Hand das Gebet einer muslimischen Moscheegemeinde in Altona gestört. Die Betenden alarmierten die Polizei, die ausrückte und den Mann vorläufig festnahm. Zu den Motiven des Mannes gebe es laut Polizei bisher keine Erkenntnisse.
Die
CDU in der Hamburgischen Bürgerschaft will Farbvorgaben
des Denkmalschutzes
für Altbaufassaden in Eppendorf, Winterhude und Hoheluft-Ost
lockern. Laut Senat sollen in Gründerzeitvierteln vor allem
historische Grau-, Braun- und Ockertöne gewahrt werden. Die CDU
fordert stattdessen quartiersverträgliche Farbkonzepte.
Beim
jährlichen Hamburger Ostermarsch demonstrierten
rund 2.000 Menschen gegen Krieg.
Dabei zogen sie am Ostermontag von der Kreuzung Landwehr/Hasselbrook
zum Carl-von-Ossietzky-Platz und forderten Abrüstung sowie ein Ende
von Waffenlieferungen.
Nachricht des Tages
Der
Wolf, der Ende März in Altona eine Frau verletzte und danach
eingefangen wurde, ist wieder frei. Am Ostersonntag ist das junge
männliche Tier ausgewildert worden, teilte die Behörde für Umwelt,
Klima, Energie und Agrarwirtschaft (Bukea) mit. Angaben zum Ort der
Auswilderung machte die Behörde “im
Sinne des Tierschutzes”
nicht. Die Umweltsenatorin und Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) sagte: “Mit
der Auswilderung haben wir für diesen Wolf nun eine rechtssichere
Lösung gefunden, die die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger und
das Tierwohl berücksichtigt.”
Der
Wolf war am
letzten Wochenende im März (Z+) zunächst im Westen der Stadt, in den
Stadtteilen Blankenese und Othmarschen, gesichtet worden. Am frühen
Montagabend lief das Tier dann weiter in Richtung Osten. Um 19 Uhr
tauchte es in einer kleinen Einkaufspassage in der Altonaer
Innenstadt auf. Dort verletzte es eine Frau leicht im Gesicht. Danach
lief das Tier über St. Pauli bis zum Jungfernstieg. Hier fing die
Polizei den Wolf ein.
Bis
Ostersonntag war das Tier in einer Wildtierauffangstation in
Sachsenhagen in Niedersachsen untergebracht worden. Nun kam es frei.
Es handelte sich dabei um eine “Auswilderung
auf Bewährung”,
sagte Katharina Fegebank. “Jägerinnen
und Jäger können im Zweifel unmittelbar eingreifen”,
sagte sie, “wenn
er sich beispielsweise einer Siedlung nähert.”
Der Wolf trage laut Umweltbehörde einen Sender und werde
länderübergreifend überwacht.
Eine
Unterbringung in einem Gehege sei nicht möglich gewesen, ebenso
wenig das Tier zu töten. Eine “letale
Entnahme”,
wie die Behörde es formuliert, sei aus “rechtlichen
Gründen keine Option”
gewesen.
Tom
Kroll
Aus Hamburg
“Er hatte eine Wette mit Parteikollegen laufen, ob ich einen BH trage”
Helga
Schuchardt erlebte als Abgeordnete im Bundestag und Senatorin in
Hamburg viel Widerstand. Vor allem männlichen. Die Kulturszene
konnte sie dennoch prägen. ZEIT-Autorin Helene Altgelt hat mit ihr
gesprochen; lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview.
Helga
Schuchardts Zeit als Bundestagsabgeordnete und Hamburger
Kultursenatorin liegt bereits mehrere Jahrzehnte zurück. Doch die
heute 87-Jährige hat noch klare Erinnerungen daran, wie damals
entscheidende Weichen für die heutige Kulturszene gestellt wurden.
Schuchardt ist in Aumühle bei Hamburg geboren und lebt heute im
Stadtteil Uhlenhorst. Sie empfängt in ihrem Wohnzimmer zum Gespräch
und erzählt von ihren Erfahrungen als Frau in der männerdominierten
Spitzenpolitik der BRD, Auseinandersetzungen mit Hamburgs
Bürgermeister Klaus von Dohnanyi und wegweisenden Entscheidungen.
DIE
ZEIT: Frau Schuchardt, Sie sind 1972 in
den Deutschen Bundestag eingezogen und waren bildungs- und
entwicklungspolitische Sprecherin der FDP. Damals lag dort der
Frauenanteil bei nur 5,8 Prozent. Welche Erfahrungen haben Sie als
Frau in der Spitzenpolitik gemacht?
Helga
Schuchardt: Im Bundestag gab es damals
Situationen, die heute unvorstellbar sind. Der Bundestagspräsident
Richard Stücklen von der CSU fuhr mir einmal im Plenarsaal über den
Rücken: Er hatte eine Wette mit Parteikollegen laufen, ob ich einen
BH trage. Das wurde öffentlich, obwohl mir das sehr unangenehm war.
Ich habe mich entschuldigt, dass der Vorfall an die Presse kam: Das
wäre nicht meine Absicht gewesen.
ZEIT:
Wie war die Reaktion?
Schuchardt:
Seine Reaktion: “Frau Schuchert, da machen Sie sich mal gar keine
Sorgen, das hat mein liberales Image gestärkt.” Durch den Vorfall
konnte er sich also als lockerer, witziger Typ inszenieren. Auch
andere Ereignisse wirken heute undenkbar. 1970 sagte der
Bundestagsvizepräsident von der CSU, Richard Jaeger, er würde es
keiner Frau erlauben, das Plenum in Hosen zu betreten, geschweige
denn an das Rednerpult zu treten. Aus Protest hat das die SPDlerin
Lenelotte von Bothmer trotzdem getan, unter Buhrufen. Aber es gab
Veränderungen. Die Frauen wurden mutiger, die Parteien wurden
mutiger. Später in meiner Zeit in Hamburg kann ich mich nicht an
solche Momente erinnern.
ZEIT:
1992 wurde Ihre Beziehung zu
Lebensgefährtin Inge Volk von der Bild
am Sonntag öffentlich gemacht, Sie
wurden damit unfreiwillig zu einer der ersten Persönlichkeiten in
der Politik, deren Homosexualität öffentlich wurde. Wie denken Sie
heute daran zurück?
Schuchardt:
Damals war ich Ministerin für
Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen und habe auch kein Geheimnis
daraus gemacht, wir lebten damals schon einige Jahre zusammen.
Gerhard Schröder als Ministerpräsident wusste das auch und sagte:
“Ich will dich im Kabinett haben – nicht dennoch, sondern
deshalb!” Auf der Titelseite der Bild
am Sonntag stand: “Deutsche Ministerin
liebt eine Frau.” Das Exemplar habe ich noch. Als nach der
Sommerpause der Landtag wieder tagte, sagte mir ein Beamter: “Frau
Schuchardt, der Artikel ist in der ganzen CDU den Abgeordneten auf
den Tisch gelegt worden. Nur damit Sie wissen, dass hier irgendwas
geplant ist.” Aber die große Aufregung blieb aus: Die Bürger waren
schon weiter, als sich die CDU das vorstellen konnte. Die
Bild-Regionalausgabe
in Hamburg hat noch einige eklige Geschichten nachgeschoben, mit dem
Ton: Meine Lebensgefährtin habe meine vorherige Ehe zerstört. Aber
in Hannover hat sich die Geschichte bald erledigt, alle Journalisten
waren sich einig, dass das kein Thema sein sollte.
Was
Helga Schuchardt in ihrer Zeit als Hamburgs
Kultursenatorin erreicht hat, lesen
Sie weiter in der ungekürzten Fassung. →
Zum
Artikel (Z+)
Schon gelesen?
“Sie mussten damit rechnen, dass Sie nicht mehr wissen, was passiert”
In Hamburg hat ein
20-Jähriger auf Drogen seine Vermieterin verprügelt. Nun wurde er
verurteilt – wegen Vollrauschs. ZEIT-Autorin Elke Spanner war bei
der Urteilsverkündung. dabei. →
Zum
Artikel (Z+)
Darauf können Sie sich freuen
Zum
Vormerken: Die diesjährige Lange Nacht der Museen findet am 18.
April statt. Rund
50 Museen nehmen an der 23. Nacht teil. Alle
teilnehmenden Museen, das Programm und alle weiteren Infos finden Sie
hier.
Lange
Nacht der Museen, 18. April, 18 bis 1 Uhr
Meine Stadt
Hamburger Schnack
Eine
junge Mutter, ihr Baby vor den Bauch geschnallt, spricht in ihr
Handy. “Und das Baby hat den ganzen Flug über geschrien? In der
Business-Class? Ja, verstehe, dass du dich geärgert hast. Schreiende
Babys können die Pest sein.” Sie steckt das Handy weg und küsst
ihr Baby auf den Kopf. “Sorry, mein Schatz, du warst natürlich
nicht gemeint.”
Gehört
von Evelyn Holst
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