Auf dem Platz sah dieser 1. FC Köln gar nicht so viel anders aus als vor der großen Korrektur, die die Vereinsführung vor der Länderspielpause vorgenommen hat. Das vom Abstieg bedrohte Team hat beim 2:2 in Frankfurt guten Fußball gespielt, es holte einen Zwei-Tore-Rückstand auf, und René Wagner, der neue Trainer, sprach von einer „Achterbahnfahrt“. Exakt diese Wortwahl hat auch der zwei Wochen zuvor entlassene Lukas Kwasniok mehrfach getroffen, wenn die Kölner wieder einmal Rückstände aufgeholt und unter Beweis gestellt hatten, wie widerstandsfähig sie sind. Und wie gut sie zusammenhalten. Neu war jedoch die öffentliche Aufarbeitung des Spiels.
Statt im Format der Offensivrhetorik Kwasnioks erfolgte die Rückschau auf die 90 Fußballminuten in der gedämpften Tonalität Wagners, dem es während der zwei Wochen seiner bisherigen Amtszeit erstaunlich gut gelungen ist, sich als Gegenentwurf zu seinem Vorgänger zu profilieren.
Ich will, dass wir als Gruppe funktionieren“
„Ich tue der Mannschaft keinen Gefallen, wenn ich draußen zu viele Emotionen habe“, sagte er zu seinem besonnenen Coachingstil. Er sei „generell ein Mensch, der weniger Emotionen hat“. Statt diesen ohnehin immer stark fiebernden Verein weiter aufzuheizen, sieht der Plan von Trainer Wagner und Sportchef Thomas Kessler vor, mit viel Klarheit und menschlicher Wärme in der Bundesliga zu bleiben.
Statt dem manchmal etwas ruppigen Sprücheklopfer Kwasniok arbeitet nun ein empathischer Feingeist mit der Mannschaft. Es gehe ihm darum, „in der täglichen Arbeit eine Bindung zu den Spielern herzustellen und dadurch Emotionen entstehen zu lassen“, erklärte Wagner am Sonntag in Frankfurt. „Das ist mein Ansatz. Ich will, dass wir als Gruppe funktionieren.“
Also spielte Jakub Kaminski, der zuvor immer wieder auf anderen Positionen eingesetzt worden war, links auf dem Flügel, wo er sich am wohlsten fühlt. Saïd El Mala stand in der Startelf und hätte wohl zum vierten Mal in seiner Bundesligakarriere die vollen 90 Minuten absolviert, wenn er nicht erschöpft hätte ausgewechselt werden müssen. Tom Krauß, der zuvor oft in der Abwehrkette ausgeholfen hatte, durfte im Mittelfeld spielen, genau wie Jan Thielmann, der zuvor meist defensiver agiert hatte. „Es geht mir darum, dass es allen anderen gut geht“, sagte Wagner.
Energie soll nicht mehr durch Reibung entstehen, sondern durch einen starken Zusammenhalt und ein Klima, in dem sich jeder anerkannt und mitgenommen fühlt. „Die Mannschaft ist immer ein Spiegelbild des Trainerteams“, sagte Wagner bereits in der vergangenen Woche.
Über Hawaii und Paderborn in die Bundesliga
„Wenn wir uns gut miteinander verhalten, wird die Mannschaft das irgendwann auch tun.“ Hinter solchen Aussagen ist eine Zurückhaltung erkennbar, die im Fußball selten ist. Er arbeite „ruhig, sachlich, analytisch“, sagte Wagner, „das ist meine Stärke“. Ob er sich mit dieser Attitüde inmitten von Selbstdarstellern dauerhaft als Cheftrainer durchsetzen kann, ist aber erst mal offen, zumal er auf ungewöhnlichen Wegen so weit gekommen ist.
Wagner war nie ein besonders guter Fußballer, spielte für Dynamo Dresden II und den VfL Oldenburg in der vierten Liga. Der Versuch, als Collegefußballer bei den Hawaii Pacific Sharks anzukommen, scheiterte. Immerhin wurde er dort nach dem Ende seines Studiums Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Ko-Trainer, bevor er in Palm Beach ein Team trainierte, in dem der Sohn des Golfspielers Tiger Woods aktiv war.
2020 bewarb sich Wagner schließlich inmitten der Pandemie doch in Deutschland beim SC Paderborn als Assistent der Geschäftsführung mit dem Schwerpunkt Finanzen.
Der dortige Geschäftsführer Fabian Wohlgemuth stellte den gebürtigen Dresdner ein, allerdings in anderer Funktion: als Analyst und Scout im Team des damaligen Trainers Steffen Baumgart, den Wagner 2022 nach Köln und später nach Hamburg sowie zu Union Berlin begleitete. Als ausgleichenden Gegenpol zu Kwasniok holten die Kölner Wagner dann im vorigen Sommer zurück an den Rhein, wohl auch mit dem Hintergedanken, dass hier ein verborgenes Trainertalent schlummern könnte.
Angestrebt habe er die nun erfolgte Beförderung zum Chefcoach aber nie, sagte der Siebenunddreißigjährige jüngst: „Es geht jetzt überhaupt nicht darum, irgendwie meinen Fuß in diese Rolle zu bekommen. Ich glaube, wenn alle anderen um mich herum Erfolg haben, dann werde ich es automatisch auch.“
Der eine Punkt gegen Frankfurt ist ein Anfang, die Stimmung ist jetzt erst mal gut beim Effzeh nach diesem kleinen Erfolg. Aber der Druck wird in dieser Woche deutlich steigen. Am Sonntag (15.30 Uhr/DAZN) ist der direkte Konkurrent Werder Bremen zu Gast beim Wagners Kölnern, die eine Woche später zum FC St. Pauli reisen werden. Danach wird besser sichtbar sein, ob Wagners Wohlfühl-Strategie tatsächlich funktioniert.
