Mister Kapranos, da ich Sie in Lyon erreiche, einer der kulinarischen Hochburgen Frankreichs, möchte ich Sie gleich etwas Kulinarisches fragen: Wissen Sie noch, wie das ulkige deutsche Wort „Lachsfisch“ aufgekommen ist, das im Franz-Ferdinand-Hit „Darts Of Pleasure“ so markant zu hören ist?
Ah, der Lachsfisch. Als unser alter Gitarrist Nick McCarthy, der ja in Bayern aufgewachsen ist, Anfang der Nullerjahre nach Glasgow kam, verdiente er sich etwas Geld als Gitarrenlehrer für ein Mädchen. Für sie hatte er so ein kleines Spaßliedchen geschrieben, um ihr die Griffe beizubringen. Und weil sie auch daran interessiert war, etwas Deutsch zu lernen, wählte er für die Melodie die deutschen Worte. Er erzählte mir die Geschichte, und ich hatte da gerade den Song „Darts Of Pleasure“ und dachte sogleich, ob es nicht witzig wäre, den mit Nicks Scherzlied enden zu lassen. Und so haben wir es dann auch gemacht.
Glückliche Fügung. Die Zeilen sind in der Tat unvergesslich, jedenfalls für ein deutschsprachiges Publikum.
Und es passte auch, ist doch der Hauptteil des Liedes eher dunkel, und dann kommt zum Ende diese spaßige, optimistische Note. Das fühlte sich erfrischend und cool zugleich an. Wobei, Lachsfisch ist doch kein richtiges deutsches Wort, oder?
Man versteht es schon, doch würde es wohl niemand verwenden. Es wäre, wie wenn man im Englischen „salmon fish“ sagen würde anstatt nur „salmon“.
Ich glaube, Nick brauchte damals einfach ein Wort, das sich auf „superphantastisch“ reimt.
„Ich heiße superphantastisch. Ich trinke Schampus mit Lachsfisch.“ Ich kann mir vorstellen, dass diese Zeilen auch mehr als zwanzig Jahre nach Veröffentlichung des Songs bei Konzerten noch immer für Begeisterungsstürme sorgen, zumindest in Deutschland.
Ja, das ist lustig. Wir haben den Song ja noch immer im Programm und ihn auch vergangenen Abend in Lyon gespielt, doch in Frankreich hat er nicht die gleiche Resonanz wie in Deutschland.
Obwohl es mit dem Wort „Schampus“ eine Anspielung auf Champagner gibt.
Das ist wahr. Wir sind eben eine wahrhaft eurozentrische Band!
Die Schotten gelten ja als sehr proeuropäisch eingestellt …
Ja, und so fühle ich mich auch selbst, als Europäer. Mein Vater ist Grieche, meine Mutter Engländerin, ich bin in Schottland aufgewachsen und lebe nun in Paris …
… und singen wenigstens einige deutsche Worte.
Und ich werde bei den Konzerten sogar versuchen, etwas auf Deutsch zu sagen, auch wenn mein Deutsch absolute Scheiße ist.
Das Publikum wird es trotzdem lieben. Was mir in den vergangenen Wochen bei einigen Konzerten der verbliebenen Postpunk-Revival-Bands aufgefallen ist …
Ich muss Sie an dieser Stelle sofort unterbrechen: Unsere Band war nie Postpunk und gewiss nie eine Revival-Band, das möchte ich klarstellen.
Selbstverständlich. Dann möchte ich es die Klasse von 2004/2005/2006 nennen, also jene noch existierenden britischen Indiebands, die derzeit auf Jubiläumstourneen sind und sich dabei auf die Songs ihrer Debütalben und möglicherweise noch der zweiten Alben konzentrieren und so nostalgisch die Vergangenheit feiern. Haben Sie auch schon an ein solches Programm gedacht, oder präsentieren Sie sich lieber als Band, deren Entwicklung weitergeht und die dies musikalisch auch demonstrieren möchte, die sagt, wir sind nicht mehr 30, sondern nun Anfang 50, und das wollen wir mit unseren Songs auch ausdrücken?
Das ist eine sehr gute Frage, und ich will bei meiner Antwort vorsichtig sein, weil ich keinem meiner Zeitgenossen, die momentan mit solchen Tourprogrammen unterwegs sind, respektlos gegenübertreten möchte. Ich weiß um das derzeitige Klima im Musikgeschäft, das finanziell angespannt ist. Und für manchen Künstler ist es gerade schwer, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, seine Kinder zu unterstützen. Ich verstehe deshalb vollkommen die Motivation hinter solchen Tourneen. Ich persönlich wollte so etwas aber nicht, und dies aus mehreren Gründen. Der wichtigste ist sicher, dass ich mich noch immer als lebendes, gedeihendes, kreatives Wesen sehe. Ich fühle mich noch immer als Künstler, und zwar als ein Künstler, dessen Tun vorwärtsgerichtet ist. Ich weiß, dass es für das Publikum vergnüglich ist, zu solchen Jubiläumskonzerten zu gehen, und ich habe großes Verständnis für dieses Vergnügen. Aber ich fühle für mich als Künstler das Verlangen, etwas Neues zu schaffen. Es ist dieses leichte Unbehagen, das einen antreibt, weil man meint, sein Potential noch nicht ausgeschöpft zu haben, noch nicht ein Ziel erreicht zu haben. So ist es noch jedes Mal, wenn ich Songs für ein neues Album sammle. Es ist dieser Anspruch, etwas schaffen zu wollen, das besser ist als jenes davor. Ich jedenfalls versuche mich in diese Richtung zu pushen, und als jemand, der Lieder schreibt, möchte ich diese neuen Lieder dann natürlich auch der Welt zeigen. Dabei liebe ich es durchaus, auch die alten Songs zu spielen. Die bereiten mir noch immer Freude, doch bereiten sie mir deshalb Freude, weil sie in Gesellschaft der neuen Lieder sind. Es zeigt mir, dass wir im Jahr 2026 sind und nicht etwa das Jahr 2004 wiederaufleben lassen wollen. Ich weiß aber sehr wohl, dass Veranstalter manchmal mehr Aufwand für einen betreiben, wenn man auf dem Nostalgie-Trip ist.
Gibt es da viele Anfragen gerade von Festivals, die einen für solche Nostalgie-Sets buchen möchten?
Gewiss. Und wir spielen natürlich auch alte Songs in unserem Set, dessen Programm ich aber angehen möchte, wie ich mir selbst das Programm von einem Künstler wünschen würde, den ich selbst sehr verehre. Nehmen wir beispielsweise Ray Davies von den Kinks. Natürlich wäre ich bei „Waterloo Sunset“ oder „You Really Got Me“ hin und weg, doch wollte ich doch auch unbedingt hören, was er heute so macht. Oder Johnny Marr. Gewiss wäre man enttäuscht, wenn er nicht den ein oder anderen legendären The-Smiths-Titel spielen würde, doch ich will doch auch hören, was er jetzt macht, weil er immer noch eine wahrhaft kreative Kraft ist.

Auf dem jüngsten Franz-Ferdinand-Album „The Human Fear“ klingt die Musik etwas keyboardlastiger …
Ich würde sagen, dass das Vorgängeralbum „Always Ascending“ noch keyboardbetonter war. Nun, so glaube ich, sind Gitarren und Keyboards wieder in Balance, auf die klassische Franz-Ferdinand-Art halt. Ich denke darüber aber nicht wirklich nach, also in strategischer Weise. Es kommt darauf an, welches Instrument mir beim Schreiben oder im Studio als das passende erscheint. Mal ist es die Gitarre, mal das Keyboard. Ich liebe es aber, auf der Bühne Gitarre zu spielen. Sie ist mir das Instrument, mit dem ich mich am natürlichsten ausdrücken kann.
Wie arbeiten Sie im Studio? Kommen Sie mit fertigen Demos dorthin und sagen der Band, wie und was sie zu spielen hat? Oder arrangieren Sie gemeinsam?
Ein bisschen von beidem, würde ich sagen, wobei es etwas nuancierter und komplexer ist, als es die Antwort vermuten ließe. Nehmen wir etwa unseren Bassisten Robert Hardy, der ein toller Bassist ist, aber nicht an den Arrangements beteiligt ist.
Gut, der hat ja seine Basslinien.
Aber die hat er nicht geschrieben. Ich schreibe die Basslinien, alle. Das interessiert Bob nicht. Was Bob interessiert und für eine Band auch viel wichtiger ist, ist das Gesamtkonzept. Er blickt auf das Geschehen wie ein künstlerischer Leiter, wie ein Direktor. Jemanden zu haben, mit dem man über diese Perspektive diskutieren kann, ist viel wertvoller für eine Band, als wenn er fortwährend komplexe Bassläufe austüfteln würde. Ich mag es sehr, mit ihm über Songtexte zu diskutieren, über das Wesen der Band Franz Ferdinand überhaupt.
Er ist Ihr kreativer Sparringpartner?
Ja, auf jeden Fall hinsichtlich des Gesamtkonzepts. Die Band begann eigentlich, als Bob und ich in einer Küche jobbten und wir uns eine imaginäre Gruppe ausmalten, in der wir zusammenspielten und dies oder jenes tun würden. Mit den übrigen Bandmitgliedern kollaboriere ich auf andere Weise. Keyboarder und Gitarrist Julian Corrie ist ein unglaublicher Musiker, mit dem ich gerne schreibe und besonders gerne arrangiere, weil er womöglich Details sieht, die ich nicht bemerke. Gitarrist Dino Bardot kann auf eine Art und Weise Gitarre spielen, wie ich es nicht kann, und gibt dem kreativen Prozess so noch etwas extra obendrauf. Und Schlagzeugerin Audrey Tait ist gerade seit den Aufnahmen zum letzten Album eine ganz eigene Kraft.
Es geht also um den Austausch?
Um den Austausch von Ideen mit Bob, um den Austausch über Arrangements mit Julian und um den Austausch über das musikalische Zusammenspiel mit allen. Manchmal fange ich im einsamen Kämmerlein einen Song an und entwickle dann fünf oder sechs Melodielinien, wie er fortgesetzt werden könnte. Die schicke ich Bob und frage ihn, welche ihm gefällt. Und daraus entwickelt sich eine Diskussion, die wiederum hilft, den Song zu formen. Das ist das Schöne daran, in einer Band zu sein, das gar nicht genau zu definierende Magische, wenn einige Leute zusammenkommen, um gemeinsam zu performen. Man reagiert aufeinander, man reagiert auf Persönlichkeiten. Und man erhält Reaktionen auf seinen eigenen Beitrag. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich mag Technik im Studio, und ich mag auch so manche elektronische Musik, die ja auf ganz andere Art entsteht. Aber für mich und die Band Franz Ferdinand ist die Magie des Augenblicks entscheidend. Die lässt sich nicht künstlich erzeugen. Die entsteht nur, wenn man es zusammen macht.
Franz Ferdinand spielen am 11. April von 20 Uhr an in der Jahrhunderthalle Frankfurt.
Franz Ferdinand
Im Jahr 2001 von Alex Kapranos, Nicholas McCarthy, Paul Thomson und Robert Hardy in Glasgow gegründet, gelang der Band Franz Ferdinand gleich mit ihrem selbst betitelten, 2004 veröffentlichten Debütalbum mit Hits wie „Darts Of Pleasure“ und „Take Me Out“der Durchbruch. Noch besser sogar verkaufte sich das 2005 erschienene zweite Album „You Could Have It So Much Better“, das es auf Platz eins der britischen Hitparade brachte und auch in Deutschland und in Amerika bis in die Top Ten einstieg. Danach ließ sich die Band zwischen ihren Veröffentlichungen stets mehrere Jahre Zeit, in denen sich die Mitglieder auch anderen musikalischen Projekten widmeten, etwa unter dem Namen FFS einer Zusammenarbeit mit den Sparks. Der in Deutschland aufgewachsene Gitarrist Nick McCarthy verließ die Gruppe 2016, um sich eigenen Band-, Kompositions- und Produktionsprojekten zu widmen. Schlagzeuger Paul Thomson folgte 2021. Mit den neuen Mitmusikern Dino Bardot, Julian Corrie und Audrey Tait veröffentlichten Franz Ferdinand im Januar 2025 mit „The Human Fear“ ihr siebtes Studioalbum.
