Es geht um eine Million Euro. So viel Geld entgeht dem THW Kiel in etwa ohne die Prämien, Publikumseinnahmen und Sponsoring-Vereinbarungen, sollte der deutsche Handball-Rekordmeister wieder die Champions League verpassen. Es wäre das dritte Mal nacheinander. Kiel liegt 13 Punkte hinter Tabellenführer Magdeburg, sechs hinter dem Zweiten aus Flensburg – bei sieben noch ausstehenden Spielen wirken diese Ränge unerreichbar. Sie sind fest mit der Champions-League-Qualifikation verbunden.
Ungewiss bleibt, ob wieder Kapitalerhöhungen notwendig werden, also von Anteilseignern zugeschossenes Geld, um einen Verlust auszugleichen. So war es in den vergangenen beiden Geschäftsjahren gewesen, hatte Chef-Kontrolleur Marc Weinstock gesagt. Er wurde inzwischen abgelöst.
Gibt es wenigstens einen Titel in der European League?
Seit dem 30:30 am Karsamstag gegen den ThSV Eisenach ist das erste Saisonziel in weite Ferne gerückt. Noch ein Jahr European League mit weiten Reisen zu lahmen Gegnern? Das will beim THW niemand. Selbst Platz drei, der vielleicht auch einen Startplatz in der Meisterklasse bringt, ist fünf Punkte entfernt. Die EHF hat sich zur Vergabe noch nicht geäußert. Und dazwischen steht auch noch Gummersbach als Tabellen-Vierter.
Nach dem Aus im DHB-Pokal in Berlin und den Punktverlusten in Melsungen (29:30) und nun gegen die Thüringer ist einzig die European League noch ein Wettbewerb, um Titel zu holen – immerhin hier steht der THW im Viertelfinale. Doch ist die zweite kontinentale Spielrunde unter seiner Würde – und wäre auch für die neue Mannschaft eine Enttäuschung, die sich zur Saison 2026/27 abzeichnet.
Denn während es auf dem Parkett mühsam zugeht („Wir laufen im Treibsand“, sagte Rune Dahmke), haben Trainer Filip Jicha und Geschäftsführer Viktor Szilagyi kadertechnisch ihre Hausaufgaben gemacht: Mit Nationalspieler Julian Köster (VfL Gummersbach) und dem slowenischen Spielmacher Domen Makuc (FC Barcelona, 26 und 25 Jahre alt) haben die Kieler zwei begehrte Profis angelockt. Im Jahr darauf wird Kreisläufer Justus Fischer (23) von der TSV Hannover-Burgdorf kommen.
Man sieht, dass der THW eine attraktive Adresse bleibt: Die Mischung von Ruhm, Ambitionen, Halle und Gehalt lässt ihn wettbewerbsfähig bleiben. Es wird eine Mannschaft entstehen, die um alle Titel mitkämpfen kann – zudem ist sie jung und auf Jahre brauchbar, hat Jicha doch den 18 Jahre alten Rasmus Ankermann zum Stammspieler gemacht, was ihm bald auch der DHB danken wird. So weit zur Zukunft. Die auch dadurch rosig erscheint, dass das Torhüter-Duo Andreas Wolff und Gonzalo Perez de Vargas als weltbestes gilt.
Raffinesse, Fluss und Stetigkeit fehlen Kiel
Womöglich allerdings, dass diese funkelnde Auswahl auch 2026/27 nur in Ostrow, Bern und Irun zu bestaunen sein wird, nicht in Paris und Barcelona: Das wird den hinzugeholten Spielern missfallen. Ebenso den Teamsenioren Domagoj Duvnjak (37), der noch ein Jahr dranhängt, und Abwehrchef Hendrik Pekeler (34).
Was der aktuelle THW leisten kann, zeigt er partiell – bei Siegen über Magdeburg und Flensburg, in der European League gegen Montpellier. Kraft, Härte, Torwartspiel: So ist Kiel schwer zu bezwingen. Aber denkt man, das Team habe sich aufgerappelt, kommen Niederlagen wie in Stuttgart und gegen Gummersbach. Da ist wenig Konstanz. Ja, es gibt Verletzte. Ja, andere kommen aus Verletzungen zurück. Aber wirkt das Spiel zu sehr auf Spielmacher Elias Ellefsen á Skipagötu zugeschnitten, fehlen, anders als zum Saisonstart, Raffinesse, Fluss und Stetigkeit.
Der größte Unterschied zu den großen Jahren 2005 bis 2015: Niemand hat mehr Angst vor Kiel. Die Heim-Arena hat ihren Schrecken verloren. Mit mutigen Varianten können hier viele bestehen, weil Kiel immer zehn, 15 schwache Minuten aufführt. Tatsächlich hatte der THW zuletzt Pech mit Schiedsrichterentscheidungen. Bonus-Pfiffe blieben aus.
Doch haben die Kieler zuletzt einmal zu oft Unparteiische kritisiert. In Tateinheit mit einseitigen Spielberichten auf der vereinseigenen Homepage erwecken sie den Eindruck, grundsätzlich unzufrieden mit der Spielleitung zu sein. Inzwischen scheint es manchmal, als hätten sie dadurch die gesamte Kaste gegen sich aufgebracht.
Häufig ist Schiedsrichterkritik ein Zeichen für Unzufriedenheit mit der eigenen Darbietung. Das sind sie in Kiel ganz bestimmt, kurz vor dem möglichen dritten Jahr in der European League: Es klingt wie eine Strafe.
