Frau Ross, wie starten Sie, wenn Sie eine Boulderroute bauen?
Ich bin ein visueller Typ. Der aufregendste Part des Boulder kommt zuerst. Von da aus mache ich weiter. Andere schauen sich an, was gut aussieht und probieren es dann aus. Das ist sehr individuell. Ich habe meist zuerst die Bewegung im Kopf, und dann geht es weiter.
Muss man messen, wie viel Platz zwischen den Elementen ist?
Man muss eine Idee haben, für wen man die Route macht. Wenn ich an die Frauenrunde im Wettkampf denke, dann muss ich mich fragen: Wie groß ist die kleinste Frau? Kann sie den nächsten Griff physikalisch erreichen? Wenn nicht, wäre es unfair.
Klettern Sie diese harten Wettkampfrouten selbst?
In jedem Fall kann ich die einzelnen Moves. Und ich teste die Route dann Zug für Zug. Ich mache ein, zwei Züge, stoppe und starte von dort. Die Athleten können die ganze Route. Manchmal machen wir auch Extragriffe für uns, damit wir die Bewegung besser fühlen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Woher kommt die Idee für die Bewegung?
Die meisten Ideen bekomme ich vom Draußenklettern. Aber Wettkampfklettern ist sehr unterschiedlich vom Style. Ich schaue sehr viele andere Wettkämpfe an, um Ideen zu bekommen. Inspiration finde ich auch auf Instagram, da gibt es verrückte Sachen zu sehen.
Wie hat sich der Stil bei den Wettkämpfen verändert?
Es gibt nun sehr viel mehr koordinative Boulder. Die Kletterer müssen diesen gymnastischen Parcours-Style lernen, mit vielen Sprüngen. Aber ich muss den Stil auch lernen. Als ich an Jugendwettkämpfen teilnahm, war dort ein Sprung. Das hat sich nun stark verändert.
Wie lernt man denn das Routenbauen?
Niemand hat mir je gesagt, wie ich etwas zu tun habe. Es ist sehr viel Ausprobieren. Für mich gehört sehr viel Visualisierung dazu. Ein Kollege geht wie ein Ingenieur an den Routenbau heran. Das kann ich nicht, mein Ansatz ist eher: Bring es an die Wand, versuch es, wenn es nicht funktioniert, probiere es noch einmal. Warum funktioniert es nicht? Je nachdem, wie du den Fußtritt anbringst, zeigt der Fuß in eine andere Richtung. Das bringt die Hüfte in eine andere Position. Das fühle ich, wenn ich es probiere.
Was ist die Voraussetzung, um Routenbauerin zu werden?
Sehr viel klettern. Du musst ein gutes Verständnis für die Bewegungen haben, die du machst, wenn du kletterst. Du musst sehen, wie du nach oben gekommen bist. Du musst dieses Interesse haben und es sehr lieben.

Bestimmt gefällt nicht jedem, was Sie bauen.
Ja, du musst damit umgehen, dass deine Arbeit die ganze Zeit kritisiert wird. Und dich davon nicht beeinflussen lassen. Wenn du eine Route nicht schaffst, die eigentlich leicht für dich sein sollte, bist du richtig sauer. Als Routenbauerin braucht man ein dickes Fell und eine gute Vorstellungskraft.
Macht es einen Unterschied, ob Sie für Männer oder Frauen schrauben?
Die besten professionellen Kletterinnen und Kletterer sind von ihren Fähigkeiten nicht weit auseinander. Viele Frauen sind kleiner als Männer. Wenn ich einen sehr schulterintensiven Move habe, mache ich es für die Frauen etwas einfacher, weil Männer da einen Vorteil haben. Technisch gibt es beinahe keine Unterschiede.
Für die deutsche Meisterschaft haben wir von Montag bis Donnerstag geschraubt. Montag und Dienstag haben wir von neun Uhr bis sieben Uhr daran gearbeitet. Die letzten Tage haben wir bis zwei Uhr morgens geschraubt. Wenn du so einen Wettkampf schraubst, sind die Leistungsunterschiede enorm. Du musst es so hart machen, dass die besten drei separiert werden. Trotzdem muss jeder der Teilnehmer etwas tun können.
Deswegen dauert es so lange, es zu testen?
Ist es zu hart für sie? Ist es zu einfach? Wenn jeder es im ersten Versuch schafft, bedeutet das nichts für die Punktzahl. Und die Frage ist: Machen die Leute es so, wie wir es wollen? Oder finden sie einen anderen Weg? Dann haben wir einen Fehler gemacht. Das wollen wir auf jeden Fall vermeiden.
Hinterfragen Sie sich deswegen stark?
Ja, wenn ich den Traum von jemandem zerstöre, fühle ich mich sehr schlecht. Aber es wäre nicht nur mein Fehler, sondern der meines Teams. Es gibt einen Teamleader, der die Teamentscheidung absegnet.
Wer beurteilt einen solchen Fehler?
Jeder, der zuschaut. Aber für die Athleten geht es darum, wer zu den internationalen Wettkämpfen darf. Wenn es unser Fehler wäre, wären die Coaches sehr sauer. Und die Kletterer, die es nicht geschafft haben. Natürlich kann dann niemand etwas machen. Dann musst du bis nächstes Jahr warten.
