„Die Leute hier haben Angst, die wissen alle, dass das Gift da draußen im Meer liegt“, sagt Stian Herøy. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Fedje. Rund 530 Leute leben auf der gleichnamigen norwegischen Insel in der Nähe von Bergen. Die Regierung müsse das Quecksilber endlich beseitigen lassen, sagt Herøy. Schließlich könnte sich die Situation verschlimmern, wenn all die Behälter mit dem Gift irgendwann aufgingen.
Rund 65 Tonnen Quecksilber und kriegswichtiges Gerät sollte das U-Boot 864 in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs nach Japan bringen, als Unterstützung für den Verbündeten Nazideutschlands. Ein streng geheimes Vorhaben, „Operation Cäsar“ genannt. Und ein Himmelfahrtskommando. Im Februar 1945 wurde das U-Boot vor der norwegischen Küste von einem britischen Torpedo getroffen. Es sank sofort.
Seitdem liegt das Boot in rund 150 Meter Tiefe, mitsamt den 73 Toten, den Torpedos und dem Gift. Vielfach wurden das Schiff und seine Umgebung am Meeresgrund untersucht. Man erwog, einen Betondeckel darüberzulegen oder es mit Sand und Geröll zu bedecken. Aber dann würde sich das Gift weiter ausbreiten. Nun wird eine Bergung geprüft.
Das ruft die deutsche Kriegsgräberfürsorge auf den Plan, denn auf dem Boot befinden sich noch die Überreste der getöteten Wehrmachtssoldaten. Und die mögliche Bergung bewegt die Angehörigen jener, die dort am Atlantikgrund liegen.

Auf gesunkenen Schiffen der Kriegsmarine befänden sich oft keine sichtbaren Überreste der Verstorbenen mehr, sagt Christian Lübcke. Er ist Landesgeschäftsführer des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Beauftragter für Seekriegsgräberangelegenheiten. Taucher berichteten oft, dass sie keinerlei Knochen gesehen hätten, sondern nur Schlamm, sagt Lübcke. Die Überreste seien oft zerfallen, aber trotzdem noch da. Dazu gebe es die Kleidungsstücke, Schuhe, Uhren der Toten. All das müsse sorgfältig geborgen werden.
„Potentielle Umweltkatastrophen“
Seinen Angaben nach wurden über 750 deutsche U-Boote versenkt oder sind bei Tauchgängen gesunken. Weltweit gibt es demnach rund 2500 deutsche Seekriegsgräber, die Anzahl der deutschen Seekriegstoten beträgt rund 150.000. In vielen Seekriegsgräbern befänden sich Treibstoffreste, Munition und andere gefährliche und giftige Dinge. „Potentielle Umweltkatastrophen“, nennt Lübcke die Boote.
Er ist für den Volksbund als Einziger für das Thema zuständig, beginnt nach eigenen Angaben jetzt, 80 Jahre später, mit der Erfassung all der Seekriegsgräber. „Ich habe noch so viel Arbeit vor mir und stehe seit Jahren ohne Mittel und Personal wie Sisyphos vor einer unmöglichen Aufgabe“, sagt er dazu.
Im Fall von U-864 kooperieren norwegische Behörden mit der deutschen Kriegsgräberfürsorge. Es sei berührend, mit welcher Sorgfalt und Wertschätzung mit den deutschen Interessen umgegangen werde, gerade angesichts der Kriegsverbrechen der Nationalsozialisten, sagt Lübcke. Wenn das U-Boot vor Norwegens Küste gehoben werden sollte, hofft er auf eine Zeremonie, vielleicht auch ein Begräbnis auf einem Friedhof in der Nähe. Derzeit sucht er Angehörige der Besatzung – damit diese nicht aus der Zeitung davon erfahren, wenn die Überreste ihrer Nächsten geborgen werden sollten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Kommandant des U-Boots war Bettina Lufts Großvater, Korvettenkapitän Ralf-Reimar Wolfram. Er war 32 Jahre alt, als er starb. Dass er sich mit dem Transport des Quecksilbers nach Japan auf ein Himmelfahrtskommando einließ, dürfte er gewusst haben. Nach Angaben Lufts verabschiedete er sich davor von Verwandten. Er hinterließ zwei Töchter und einen Sohn.
Die beiden Töchter, heute beide über 80 Jahr alt, leben noch. In der Familie sei nie viel über das Thema gesprochen worden, sagt Luft. Wenn das U-Boot aus Umweltgründen gehoben werde, dann wünscht sie sich, dass es eine Zeremonie für die Toten gibt.
U-864 war ein Boot vom Typ IX D2, davon wurden nur wenige gebaut. Es hatte einen sehr großen Aktionsradius, konnte Einsätze bis nach Asien fahren. Über das Kap der Guten Hoffnung sollte es nach Japan gelangen.
Anfang Februar 1945 lief es vom norwegischen Bergen aus, an Bord 1857 Stahlbehälter mit Quecksilber, dazu Flugzeug- und Triebwerksteile, Konstruktionspläne für Düsenjäger sowie drei Ingenieure. Ein Maschinenschaden zwang es zur Umkehr. Die lauten Geräusche machten eine Verfolgung vermutlich leicht. Am 9. Februar 1945 wurde es von einem britischen U-Boot versenkt.
Im Januar: eine neue Wendung
Getroffen wurde U-864 ungefähr auf Höhe der Kommandobrücke, wo zu dem Zeitpunkt auch Wolfram gewesen sein dürfte. Das Boot zerbrach in zwei Hauptteile, die man 2003 fand. Der lange Bug und das Heck liegen heute aufgerissen auf dem Meeresgrund, das zeigen Fotos und Animationen der norwegischen Küstenverwaltung.
Seit Langem ringt Norwegen um den richtigen Umgang mit dem Wrack. 2007 entschied die Regierung, es einzukapseln, später sollte es dann doch geborgen werden, 2018 folgte die damals als endgültig bezeichnete Entscheidung, das Schiff unter einer Art Sarkophag aus Sand und Beton verschwinden zu lassen. Ein Expertenausschuss empfahl dann, davor so viel Quecksilber wie möglich zu bergen. Eine vollständige Bergung wurde lange Zeit als zu gefährlich angesehen, vor allem aufgrund der Munition, die noch in dem Wrack ist.
Im Januar nahm die Angelegenheit eine neue Wendung: Eine Bergung des gesamten Bootes ist wieder möglich, die Küstenverwaltung muss diese Option prüfen. Das Parlament in Oslo hat die Regierung dazu aufgefordert, das Mandat der Behörde entsprechend zu erweitern. Im Antrag einer parteiübergreifenden Gruppe von Abgeordneten wird auf einen Bericht der Verteidigungsmaterialbehörde verwiesen.

Demnach birgt eine Abdeckung ein erhebliches Risiko für eine Detonation und eine unkontrollierte Ausbreitung von Quecksilber. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würden die Torpedos explodieren, heißt es. Eine Bergung wäre das einzig Richtige. „Früher oder später kann es zu einer Detonation kommen. Und dann bricht die Hölle los, wenn man nicht das gesamte Quecksilber entfernt hat“, sagte der Abgeordnete Ove Trellevik dem Portal Altinget.
Frühere Expertengutachten seien zu dem Schluss gekommen, dass eine vollständige Bergung mit hohen Risiken verbunden sei, teilt eine Sprecherin der Küstenverwaltung mit. Doch diese Einschätzungen würden nun angesichts neuerer Informationen überprüft.
Seit rund anderthalb Wochen läuft im Auftrag der Küstenverwaltung eine neuerliche Untersuchung des Wracks. Dafür ist ein Schiff der Firma Reach Subsea draußen vor Fedje. Die hat sich auf Untersuchungen unter Wasser spezialisiert. Hauptziel der Untersuchung ist laut Küstenverwaltung, Ausrüstung und Methoden für Baggerarbeiten zu erproben, damit ein sicherer Zugang zum Kiel geschaffen werden kann. So sollen später – wenn möglich – die Quecksilberbehälter geborgen werden.
Die Möglichkeit einer vollständigen Bergung wird nun noch nicht geprüft, dafür braucht es nach Angaben der Behörde noch ein Mandat durch das zuständige Ministerium für Handel, Industrie und Fischerei. Dann wird es wohl eine weitere Untersuchung geben.
Quecksilber ist hochgiftig und schädigt das Nervensystem
Wenn Quecksilber im Wasser freigesetzt wird, kann es sich etwa durch Bakterien im Boden zu Methylquecksilber wandeln. Das gelangt über Mikroorganismen in die Meerestiere und damit in die Nahrung von Menschen. Es ist hochgiftig und schädigt das Nervensystem. Im Mutterleib überwindet es die Plazentaschranke und kann ungeborene Kinder schwer schädigen.
Untersuchungen des norwegischen Instituts für Meeresforschung zufolge ist in der Nähe des Bootes bereits Quecksilber vorhanden. In Sedimenten, teils aber auch in Fischen und Krebsen in der Umgebung wurde das Gift nachgewiesen. Am Wrack sind die Werte demnach höher als weiter entfernt. Aufgrund der starken Strömung und weil nur in geringen Mengen organisches Material vorhanden ist, kam es bisher aber offenbar nicht verstärkt zur Umwandlung in Methylquecksilber. Allerdings ist das meiste Quecksilber wohl noch in den Behältern, die das Schiff in Laderäumen im Kiel transportierte. Wenn die Behälter nach und nach korrodieren, droht eine Umweltkatastrophe.
Eine Bergung des Schiffs kostet laut norwegischen Medien rund 115 Millionen Euro, eine Abdeckung etwa die Hälfte. Aber die wäre nur eine Lösung auf Zeit. Das Geld ist aus Sicht Stian Herøys, des Bürgermeisters von Fedje, wohl auch der Grund dafür, warum man in Oslo das Schiff bisher nicht bergen wollte. Aber es hilft nichts, sagt Herøy. All die Quecksilberbehälter würden irgendwann aufgehen. „Das Schiff einzupacken, bringt nichts. Es gibt nur eine Lösung: Man muss es entfernen.“ Auf die Frage, ob die Bundesrepublik sich nicht an den Kosten einer Bergung beteiligen sollte, antwortet er, Norwegen habe dafür eigentlich genügend Geld.
