
Ich bin ein immigrationsfreundlicher US-amerikanischer Professor. Ich habe das letzte Jahrzehnt mit der Erforschung der Frage verbracht, warum Menschen für oder gegen Immigration sind, und bin zu dem Schluss gelangt, dass reiche Demokratien großes Interesse an weiteren, gut ausgewählten Einwanderern haben. Deshalb folgt hier keine Kurzdarstellung immigrationsfeindlicher Argumente, sondern eine Warnung vor einer bestimmten Art des Umgangs damit, der meines Erachtens äußerst schädlich für die Sache einer vernünftigen Immigrationspolitik beiderseits des Atlantiks ist.
Laut dem Politikwissenschaftler Stefan Luft hat sich in der Migrationsforschung ein hegemonialer Konsens entwickelt, der nicht auf Evidenz, sondern auf institutionellen Anreizen und politischem Engagement basiere. Was Luft aus seiner Kenntnis der deutschen Forschungslandschaft heraus beschrieb, kann ich nur als ein weithin zu findendes Muster bestätigen. In einem kürzlich erschienenen Artikel, der in der englischsprachigen Welt eine Debatte auslöste, habe ich dies als „hochgeistige immigrationsfreundliche Desinformation“ bezeichnet: Behauptungen, die nicht schlichtweg falsch sind, aber durch selektives Framing, strategische Auslassung und übertriebene Generalisierung in die Irre führen. Dieses Muster zeigt sich besonders ausgeprägt im angloamerikanischen Forschungs- und Medienökosystem.
Der Mechanismus funktioniert in Deutschland in genau derselben Weisen wie in den Vereinigten Staaten. Eine sorgfältige wissenschaftliche Studie führt zu qualifizierten, auf der besten verfügbaren Evidenz basierenden Befunden. Die Pressestelle der betreffenden Institution schärft die Ergebnisse zu einer Schlagzeile. Interessengruppen und Journalisten lassen die verbliebenen Vorbehalte beiseite. Politiker zitieren die gereinigte Fassung als gesicherte Tatsache. Da die Forscher selbst immigrationsfreundlich eingestellt sind, macht ihnen das oft nichts aus, auch wenn sie in den Details anderer Meinung sein sollten.
Aussparung des Negativen
Betrachten wir ein deutsches Beispiel aus jüngster Vergangenheit. Im Februar 2025, fünf Tage vor der Bundestagswahl, publizierte das Ifo-Institut eine Studie mit einer Analyse der Polizeilichen Kriminalstatistik in den deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten. Aus den Daten geht hervor, dass Ausländer, gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung, dreimal häufiger als Tatverdächtige in dieser Statistik auftauchen als Deutsche. Dieses Verhältnis blieb über mehr als ein Jahrzehnt konstant. Die Studie stellt dann eine engere Frage: Lässt sich aufgrund einer Veränderung des Ausländeranteils in einem Kreis auch eine Veränderung in der Kriminalitätsrate dieses Kreises vorhersagen? Nach einer statistischen Bereinigung lautet die Antwort: Nein.
Das ist ein legitimer analytischer Beitrag. Die Pressemitteilung des Ifo-Instituts trug jedoch die Überschrift: „Mehr Ausländer erhöhen die Kriminalitätsrate nicht.“ Der Mitautor der Studie schrieb: „Die Ergebnisse decken sich mit Befunden der internationalen Forschung.“ Schon wenige Tage später erklärte die Fraktion der Grünen im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns, die Studie zeige „deutlich, dass der oft behauptete Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität nicht existiert“. Die dreifache Überrepräsentation war aus der Diskussion verschwunden.
Der Hinweis auf die „internationale Forschung“ ist aufschlussreich. Die Autoren meinen damit in erster Linie die US-amerikanische Forschung, nach der Immigranten pro Kopf weniger Straftaten begehen als in den Vereinigten Staaten Geborene. Dieser Befund bedarf jedoch keiner elaborierten statistischen Erklärung, weil er in den Rohdaten erkennbar ist: In den Vereinigten Staaten sind Immigranten in der Kriminalstatistik unterrepräsentiert. Die Vereinigten Staaten wählen Immigranten zum Teil nach geographischer Entfernung aus, verfügen über flexible Arbeitsmärkte, setzen die Abschiebung unautorisierter Immigranten durch und unterhalten einen vergleichsweise dünnen Sozialstaat. Unter diesen Bedingungen ist der Zusammenhang zwischen Immigration und Kriminalität tatsächlich schwach oder negativ.
Deutschland befindet sich in einer vollkommen anderen Lage. Um trotz der dreifachen Überrepräsentation zu einem ähnlich klingenden Schluss zu gelangen, müssen die Forscher eine andere, engere Frage stellen als jene, auf die US-amerikanische Daten eine selbstverständliche Antwort geben. Sie wechseln von der Frage, ob Ausländer mit höherer Wahrscheinlichkeit als Tatverdächtige in der Kriminalstatistik auftauchen (ja, beträchtlich), zu der Frage, ob eine geringfügige Erhöhung der Ausländerzahl in einem Kreis einen Anstieg der Kriminalitätsrate dort erwarten lässt (nein, nicht nachweisbar). Die zweite Frage ist durchaus interessant, aber es ist nicht die Frage, die viele Bürger stellen, und ihre Beantwortung entkräftet nicht deren Besorgnis.
Ich habe diese Dynamik selbst erlebt. Auf Workshops und Konferenzen habe ich gesehen, dass Ergebnisse, die nicht unzweideutig im Sinne von „Immigration ist gut“ interpretiert werden konnten, in Papers stillschweigend heruntergespielt oder ausgelassen wurden. Kollegen rieten mir, Ergebnisse, die „der extremen Rechten in die Hände spielen“ könnten, abzuschwächen, selbst wenn es sich um robuste Schätzungen handelte. Das ist keine Verschwörung, wohl aber eine langsame Akkumulation strategischen Schweigens, das den öffentlichen Diskurs verzerrt. Und es ist gerade deshalb schädlich, weil es von Leuten kommt, die es gut meinen und es eigentlich besser wissen sollten.
Dasselbe Muster übertriebener Generalisierung findet sich jenseits der Kriminalität. Die oft wiederholte Behauptung, Immigranten seien „Nettobeiträger“, ist in hohem Maße abhängig von der Zusammensetzung der Immigrantenströme hinsichtlich ihrer Qualifikationen, von der Großzügigkeit des Sozialsystems und vom gewählten zeitlichen Horizont. In einem Land wie den Vereinigten Staaten mit vergleichsweise begrenzten Sozialtransfers mag die steuerliche Bilanz der Einwanderung durchaus positiv ausfallen. In europäischen Ländern mit ausgeprägtem Sozialstaat, die zahlreiche Menschen aus humanitären Gründen aufgenommen haben, ist das Bild vielfach anders. Die amerikanischen Befunde sagen tatsächlich etwas Wichtiges über die Vereinigten Staaten aus. Sie bringen jedoch keine Lösung für politische Debatten in Berlin.
Aufklärung statt Appelle
All das bedeutet nicht, dass Immigration per se schlecht wäre oder für Deutschland schlecht sein müsste. Es bedeutet, dass die Auswirkungen von der Ausgestaltung der Politik abhängen. Die deutschen Arbeitsmärkte sind stärker reguliert, der Sozialstaat ist großzügiger, die Integrationsinfrastruktur ist anders organisiert, und das geschichtliche Verhältnis zur Immigration ist vollkommen anderer Art. Angesichts dieser Unterschiede lassen sich Forschungsergebnisse nicht übertragen, ohne dass sie ihre Bedeutung weitgehend verlieren.
Wenn Wissenschaftler über diese Unterschiede hinweggehen, erweisen sie der immigrationsfreundlichen Sache keinen Dienst. Wähler, die reale Kosten aus schlecht geregelter Immigration erleben, schließen daraus, dass die dafür Zuständigen nicht ehrlich zu ihnen sind. Genau dieser Vertrauensverlust ist Wasser auf die Mühlen populistischer Bewegungen, die deutsche und amerikanische Liberale zu Recht fürchten. Die richtige Reaktion wäre es nicht, das Problem zu leugnen, sondern eine Politik zu entwerfen, die das verhindert. Länderübergreifende Befunde zeigen, dass Staaten, die Immigration durch die selektive Aufnahme qualifizierter Personen, klare Integrationserwartungen und sichtbare Vorteile für die aufnehmenden Gemeinden so gestalten, dass sie nachweislich vorteilhaft ist, ein höheres Niveau öffentlicher Unterstützung erreichen als solche, die Zuflucht bei moralischen Appellen suchen oder unliebsame Befunde unterdrücken.
Wer einräumt, dass Immigration sowohl Gewinner als auch Verlierer hervorbringt, macht damit keine Konzessionen an die extreme Rechte. Vielmehr ist dies die Voraussetzung für den Entwurf einer Politik, die mehr Gewinner und weniger Verlierer hervorbringt und deren erfolgreiches Funktionieren die Bürger mit eigenen Augen sehen können. So und nicht durch noch ausgeklügeltere Meinungsmache können Demokratien Immigration populär machen.
Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.
Alexander Kustov ist Professor für Migrationsforschung an der University of Notre Dame.
