Wenn der Erzähler in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zur Teestunde in ein Madeleine, das süße französische Gebäckstück, beißt, werden bei ihm unwillkürlich schöne Kindheitserinnerungen wach. Die Madeleine-Szene ist eine der bekanntesten romanhaften Darstellungen des Erinnerns. Auch in der aktuellen Ausstellung im Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseum in Hanau-Wilhelmsbad steht das Erinnern im Mittelpunkt.
Aber wie in Prousts berühmten Roman geht es nicht um den willkürlichen, einer konkreten Überlegung folgenden Akt des Erinnerns, sondern um das unabsichtliche Erinnern und die intensiven Gefühle, die sich dabei einstellen können. Spielzeuge sind die perfekten Träger solcher Erinnerungen, die fast immer in das Reich der Kindheit zurückführen. Nicht der „verlorenen Zeit“ wie im Roman gehen die im Rosemannsaal und in allen Abteilungen verteilten Objekte auf die Spur, sondern der erlebten vergangenen Zeit voller Emotionen.

Der besondere Charme des Konzepts: Auch viele der regulären Exponate der Dauerpräsentation stellen automatisch Erinnerungsobjekte dar und werden so zu einem lebendigen Teil der Sonderausstellung. „Damals habe ich damit gespielt“ oder „So hat auch meine Puppe ausgesehen“ sind Ausrufe, die immer wieder zu hören sind, wenn Eltern oder Großeltern mit dem Nachwuchs auf Museumsrundgang sind.
Wenn Barbiepuppen, Blechautos, Modellbahnen, Teddys, Plüsch- und Holztiere sowie vieles andere positive Erinnerungen transportieren, werden sie oft zum Lieblingsspielzeug der Menschen. Deshalb hat sich Kurator und Museumsleiter David Kühner für die Überschrift „Hessens Lieblingsspielzeug! Vom Kinderzimmer ins Museum“ entschieden. Die Sammlungsobjekte des Museums stammen aus vielen Epochen und Ecken der Welt.
Die Auswahl der Lieblingsobjekte wurde von Freunden, ehrenamtlichen Helfern und Mitgliedern des Trägervereins des Museums aus dem nahen Umfeld sowie von Besuchern aus einem weiteren Umkreis getroffen. Damit will man auch dem wachsenden Interesse an dem Wilhelmsbader Museum in ganz Hessen gerecht werden. Mittlerweile sind auch zahlreiche Bewohner weiterer Bundesländer häufig zu Gast im Puppen- und Spielzeugmuseum.

Mittels Fragebögen konnten sie alle die Fragen beantworten: „Habt ihr unter unseren Objekten einen besonderen Liebling? Einen Favoriten, der euch an etwas erinnert oder euch einfach besonders gefällt?“. Die Resonanz war so groß, dass Kühner nach den Erfahrungen der aktuellen Präsentation an eine zweite Runde denkt. Fragebögen können weiterhin ausgefüllt werden. Herausgefunden werden soll vor allem, welche Lieblingsspielzeuge von heute nach Meinung der Besucher in Zukunft ins Museum gehören.
Besonders häufig genannt wurden in der aktuellen Besucherumfrage historische und moderne Brettspiele, Computerspiele und Lego-Baukästen. Die ausgewählten Objekte stehen nicht allein. Geschichten, Zitate und Stimmungsbilder erläutern laut Kühner, wie ein Spielzeug zum Lieblingsspielzeug wird. Man könne es nicht einfach kaufen, es entstehe in einem Prozess. Seine Besonderheit liege in der Bedeutung, die es für eine Person mit der Zeit gewinne, durch Spielen, Nähe und durch Zeit. Die meisten Menschen hätten mehr als ein Lieblingsspielzeug. Manche würden wiederentdeckt, wie der Teddy auf dem Dachboden oder das Computerspiel im Internet. Vielleicht befinde sich das eine oder andere eben auch im Wilhelmsbader Museum.

„Am besten haben mir die Barbies gefallen. Wir hatten auch viele, mit Zubehör. Heute ist alles in Kartons. Schade!“ schrieb eine Besucherin aus Mainz zu einer der bekannten Vinylpuppen von Mattel, hier aus dem Jahr 1977. Ein Drache mit Feuer-LED aus dem Jahr 2009 begeisterte einen Besucher aus Baden-Württemberg: „Den schwarzen Playmobil-Drachen finde ich super. Mit Playmobil habe ich sehr lange gespielt, selbst als alle anderen schon zu Lego gewechselt sind. Wir hatten auch einen Drachen, aber der war grün, kleiner und hatte keine Elektronik.“
Kinder der Achtziger- und Neunziger-Jahrgänge erinnern sich besonders an das klassische Manga-Mädchen „Sailor Moon“ aus Japan. Eine Beispielfigur aus dem Jahr 1999 kommentiert eine hessische Besucherin: „Am meisten hat mir die Sailor-Moon-Puppe gefallen. Ich hatte viel von Sailor Moon, meine waren aber schöner! Meine Freundinnen waren ganz neidisch.“
Eines der herausragenden Exponate des Museums fand in der Umfrage ebenfalls großen Anklang. Das Modell Tottori, eine Marktszene aus dem Jahr 1889 zum traditionellen japanischen Blütenfest, lädt den Betrachter mit seinen zahllosen Faltfigürchen und Szenedetails zum Staunen und Entdecken ein. „Mein Favorit ist unser Stadtmodell von Tottori, ich kenne die Vitrine schon seit 15 Jahren und freue mich immer wieder. Ich bin begeistert über die Vielfalt der einzelnen Straßenszenen, die Faltarbeiten, einfach alles ist bunt und lebt!“, so ein Mitglied des Museumsfördervereins.

Eine Wahrsagerpuppe aus Porzellan, Stoff, Glas, Papier, die um das Jahr 1860 entstand, wurde von einem weiteren Vereinsmitglied zum Lieblingsspielzeug erkoren: „Der Rock besteht aus 63 Schicksalsbriefchen, mit Tinte beschrieben. Mit einer Nadel wählt man einen Zettel aus, auf dem dann die Zukunft offenbart wird. Eine beliebte Erwachsenen-Unterhaltung, die mich an Glückskekse beim Chinesen erinnert“. Martin Hoppe, einst Leiter des Museums und heute Kulturamtsleiter bei der Stadt Hanau, zog es besonders in die Antikenabteilung.
Angetan hat es ihm ein Kitharaspieler, angefertigt um das Geburtsjahr Christi in Kleinasien. „Der tönerne Kitharaspieler hat mich schon immer fasziniert. Durch eine Kordel ist sein Haupt mit den Armen verbunden. Wenn der Harfenspieler mit einem Plektron die Saiten zupft, nickt der Sänger seinen Kopf mit Maske. Ein faszinierendes Beispiel menschlicher Kreativität.“ Auch Kurioses wie die mehr als 300 Jahre alten Flohfallen steht in der Bestsellerliste.

„Flöhe gehörten früher zum Alltag. Die Jagd auf sie führte zu einfallsreichen Lösungen wie diesen hier: Die Fallen sind kunstvoll gedrechselt und haben kleine konische Löcher, durch die die Flöhe hinein-, aber nicht mehr herauskommen. Angelockt wurden sie mit Honig, Blut oder Harz, auf ein Tuch aufgetragen. Die Flohfallen faszinieren nicht nur aufgrund ihrer handwerklichen, sondern auch ihrer ästhetischen Qualität“, heißt es im Begleittext.
Die Ausstellung „Hessens Lieblingsspielzeug! Vom Kinderzimmer ins Museum“ ist bis Ende Juni im Hessischen Puppen- und Spielzeugmuseum in Hanau-Wilhelmsbad zu sehen. Auch an den Osterfeiertagen ist das Museum von 10 bis 17 Uhr geöffnet.
