Ein Burger-Imbiss in Ostberlin, könnte aber auch Kasachstan sein. Alles ist grau, und was nicht grau ist, sieht trotzdem so aus – zum Beispiel die Discounter-Lastwagen, die sich auf regennassen Hauptverkehrsstraßen voranschieben. Grau auch der Imbiss, eine Baracke in Weiß, Gelb und Grün mit Wellblechdach. Drinnen eine Theke, da gibt es die Burger, und eine Tür. Dahinter liegt der Raucherraum. Montag, zwölf Uhr mittags: fünf Männer, rauchend, beim Bier. Schweigen, auf ein „Hallo“ antworten sie mit „Und nu?“ So stellt der Wessi sich den unsanierten Osten vor.
So gesehen erstaunlich, dass der sächsische Pfarrer Justus Geilhufe ausgerechnet diesen Ort gewählt hat, um sein Konzept des Ostdolce Vita zu erläutern. Zumal er selbst so aussieht, als wäre er gerade auf dem Weg zu einem Charlottenburger Edelitaliener, um da bei Vitello Tonnato und einem Gläschen Barbera d’Asti den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Tweedjackett, Krawatte und ein sonniges Lachen, als hätte er gerade ein langes Wochenende in Rom gebucht. Also, was machen wir hier?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Geilhufe ist es gewohnt, scheinbar Widersprüchliches aufzulösen. Das ist eigentlich sogar sein Konzept. Er ist ja selbst so: promovierter Theologe, aber Dorfpfarrer; konservativ, aber AfD-Gegner; Ostdeutscher, aber genervt von vielen Ostdeutschen. Es werde zu viel gejammert, findet er, und zu wenig selbst angepackt. Sein Angebot: das Lebensgefühl, das er Ostdolce Vita nennt, vor einigen Monaten in einem Buch in Miniauflage dargelegt und hier im Imbiss gefeiert hat.
Süßes Leben in Sachsen? Leipzig mag dafür stehen, aber Großschirma, wo Geilhufe mit seiner Familie lebt? Ja, gerade da, so die selbstbewusste Antwort des 35-Jährigen. Man dürfe nicht immer nur klagen, was alles nicht da sei, sondern was dafür tun, dass es komme. Wie das geht, demonstriert er auf seinem Instagram-Account, dessen unterhaltsame Lebensnähe ihn in den Status eines Ostfluencers katapultiert hat.

Seine Follower sehen Geilhufe in Après-Ski-Laune beim Aperol Spritz in sächsischen Kleinstädten oder heiter in der weihnachtlich geschmückten Stube. Dabei wirkt er nicht angestrengt, ein schönes Leben zu zeigen, sondern eher als produzierte er Schnappschüsse. Dazwischen: Autofahrten zu Beerdigungsgesprächen, Gottesdienste. Das gehört dazu, denn Geilhufe ist kein Hedonist im Ossipelz, sondern fromm. Der Glaube ist für ihn der geistige Überbau des Ganzen.
Der Imbiss, er heißt „Star Burger“, steht also für eine Lässigkeit, an der sich nur freuen kann, wer sich freuen will. Der Imbiss-Mann reicht die Burger an den Stehtisch. Andere Gäste kommen rein, manche nur für einen Kurzen. Ein alter Mann lobt die Osterdeko, Hasenservietten unter Gläschen mit Hyazinthen. Die sind rosa, nicht grau.
