
In Marokko schweigt man lieber zum Irankrieg. Die USA und Israel zählen zu den engsten Verbündeten des nordafrikanischen Landes – und das soll auch so bleiben: Priorität hat die Westsahara. Donald Trump kämpft an der Seite des Königs dafür, dass die frühere spanische Kolonie endgültig als Teil Marokkos anerkannt wird. Gleichzeitig profitiert Marokko von der amerikanischen Empörung über Spanien, dessen Regierungschef Pedro Sánchez sich international als der große Kriegsgegner zu profilieren versucht. Aus Trumps Lager kommen auf einmal Appelle, über die man sich in Rabat nur wundert.
Aus Washington werden die Marokkaner auf einmal zu einem neuen „Grünen Marsch“ aufgerufen. Nach dem Vorbild der Westsahara fordert Michael Rubin zum unbewaffneten Sturm auf die spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilla auf. Rubin arbeitete früher im Pentagon, ist heute Senior Fellow am konservativen American Enterprise Institute und verantwortlich für die politische Analyse beim Middle East Forum. Im Irankrieg wirbt er für die Eroberung der iranischen Ölinsel Kharg. Die Marokkaner sollten mit Bulldozern die Grenzzäune der „spanischen Kolonialmacht“ überrollen – ein Seitenhieb auf Sánchez, der Israel wegen seiner Siedlungspolitik kritisiert. Präsident Trump solle Ceuta und Melilla als von Spanien besetzte Kolonialgebiete anerkennen.
Folge von Amerikas Wut auf Spanien
Die amerikanische Wut auf den NATO-Partner ist noch einmal gewachsen, nachdem die Linksregierung in Madrid amerikanischen Militärflugzeugen verbot, auf dem Weg ins Kriegsgebiet durch den spanischen Luftraum zu fliegen. Zu Kriegsbeginn untersagte sie bereits amerikanischen Tankflugzeugen die Nutzung der US-Stützpunkte Morón und Rota, die in Andalusien liegen. Der einflussreiche republikanische Senator Lindsey Graham setzt sich inzwischen dafür ein, alle amerikanischen Stützpunkte in Ländern zu schließen, die den Irankrieg nicht unterstützten.
Eine Alternative zu Spanien böte auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar: Marokko. Die Soldaten beider Länder trainieren bereits gemeinsam, die USA sind mit einem Anteil von rund 60 Prozent der wichtigste Rüstungslieferant Marokkos, auf sie folgt Israel.
Bisher gab es nur kleinere Antikriegs-Proteste, zum Beispiel in Tanger. Die islamistische PJD-Partei, die zeitweise die Regierung geführt hatte, verurteilte die Angriffe auf Iran als völkerrechtswidrig. Marokko hatte 2018 seine diplomatischen Beziehungen zu Teheran abgebrochen. Der marokkanische Außenminister Nasser Bourita beschuldigte damals Iran, mit der Hilfe der libanesischen Hisbollah-Miliz die Polisario-Front, die für die Unabhängigkeit der Westsahara kämpft, militärisch zu unterstützen. Diese auch später wiederholten Vorwürfe wiesen Polisario und Iran zurück.
„Iran hat in Marokko nur sehr wenig Unterstützung, ebenso wie der derzeit von den USA und Israel geführte Krieg“, sagt in Tanger der marokkanische Politikwissenschaftler Jamal Amiar. Marokko habe die Angriffe auf Iran nicht verurteilt, aber umso deutlicher die „ungerechtfertigte iranische Aggression“ gegen die Golfstaaten, denen Rabat „volle Unterstützung“ zusicherte. „Das zeigt, wo die Interessen Marokkos derzeit liegen.“ In Rabat sei man den USA sehr dankbar für die Unterstützung in der Westsahara, sagt der marokkanische Nahostfachmann.
Das Königreich gehört Trumps „Board of Peace“ an und ist bereit, Truppen nach Gaza zu entsenden. Zugleich gebe es aber kein Interesse daran, die guten Beziehungen zur spanischen Regierung zu gefährden, etwa durch einseitige Vorstöße in Ceuta und Melilla.
Iran hatte im Maghreb vorher Freunde
Zu einem Profiteur des Krieges könnte Marokkos regionaler Rivale Algerien werden, der einen diplomatischen Kurswechsel vollzog. Im vergangenen Juni hatte die Regierung während des ersten kurzen Krieges die amerikanisch-israelischen Angriffe auf Iran verurteilt.
Jetzt distanzierte sich die algerische Führung von Iran; zu Teheran hatte sie bisher engere Beziehungen. So besuchte der damalige iranische Präsident Ebrahim Raïssi 2024 Algerien, das zugleich mit Russland und China verbündet ist. Nach dem Ausbruch des jüngsten Krieges hatte sich Algerien – ähnlich wie Marokko – mit den angegriffenen Golfstaaten solidarisiert, ohne Iran jedoch ausdrücklich zu verurteilen.
Arabische Solidarität und bessere Beziehungen zu den USA wurden offenbar für das rohstoffreiche Land wichtiger, das zuletzt international immer stärker in die Isolation geraten ist. Ein Grund für die algerische Zurückhaltung sind wohl auch die neuen wirtschaftlichen Chancen.
Mit seinen großen Erdgasreserven und den Pipelines nach Europa ist das nordafrikanische Land sehr gefragt, seit der Schiffsverkehr aus den Fördergebieten an der Straße von Hormus praktisch stillliegt. Als erster prominenter Europäer reiste der spanische Außenminister José Manuel Albares nach Algier. In den Gesprächen ging es auch um Erdgaslieferungen. Doch Algier wird Großproduzenten wie Qatar, wo zum Beispiel Italien ein Drittel seines Bedarfs deckt, nicht so schnell ersetzen können.
Algerien unterstützt bereits das rohstoffarme Nachbarland Tunesien. Dort droht sich die chronische Wirtschaftskrise nicht nur wegen der höheren Energiepreise weiter zu verschärfen. Für Tunesien und Marokko ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen. Noch ist unklar, ob die Urlauber, die bisher in die Emirate reisten, auch Nordafrika meiden und ins ruhigere Europa ausweichen, zum Beispiel nach Spanien.
