Es ist wieder einmal recht intensiv von der „Bestia Negra“ gesprochen worden in diesen Tagen vor dem Spiel des FC Bayern bei Real Madrid, das am kommenden Dienstag in der Champions League stattfinden wird. Die Spanier haben sich diesen Spitznamen einst für den deutschen Meister ausgedacht, weil die Münchner immer wieder so unerbittlich zuschlagen, ganz egal, ob sie zuvor gut oder schlecht gespielt haben. Beim wilden 3:2-Sieg der Bayern in Freiburg ist die „Schwarze Bestie“ nun in voller Pracht auferstanden.
Mit 2:0 hatten die Freiburger bis zur 81. Minute geführt, bis sie in einem großartigen Fußballspiel zum nächsten Opfer dieses grausamen Wesens mit dem unstillbaren Erfolgshunger wurden. „Das sind halt die Bayern, die machen bis zum Ende immer weiter“, sagte der Freiburger Stürmer Lucas Höler und erklärte, dass sein Team in den acht Jahren, seit er für diesen Klub spielt, nie derart gut mitgehalten hatte mit den Münchnern. „Das ist für uns alle hart, das tut weh“, sagte der Freiburger Trainer Julian Schuster, der seinem Team „nicht viel vorwerfen“ wollte.
Lennart Karl spricht nachher von einem „sehr, sehr krassen Gefühl“
Verloren haben die Freiburger, weil Tom Bischoff seine ersten beiden Bundesligatreffer überhaupt (81., 90.+2) erzielte, bevor Lennart Karl in der neunten Minute der Nachspielzeit das 3:2 folgen ließ. „Das ist ein sehr, sehr krasses Gefühl für mich“, sagte Karl. „Das gibt uns ein sehr, sehr großes Vertrauen. Dieser Sieg ist etwas sehr, sehr Besonderes.“
Für die Bayern war dieser Tag damit perfekt verlaufen, nicht nur wegen der drei gewonnenen Punkte, sondern auch, weil sie einen ordentlichen Schub fürs Selbstvertrauen aus Freiburg mitbringen. „Es gibt keine Saison, in der man erfolgreich ist, ohne diese Emotionserlebnisse. Deswegen bin ich sehr gut gelaunt“, sagte der Münchner Trainer Vincent Kompany.
Zumal zuvor verletzte Spieler wie Jamal Musiala, Manuel Neuer, Aleksandar Pavlovic und sogar Alphonso Davies rechtzeitig vor dem Duell gegen Madrid (Dienstag 21:00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker und bei Amazon Prime) wieder in den Wettkampfbetrieb eingestiegen sind.
Zuvor waren die Freiburger jedoch etwa 75 Minuten lang nicht nur gefährlicher, sondern auch besser und dominant im Spiel mit Ball. Immer wieder fanden sie Wege für ihre Kombinationen bis ins Angriffsdrittel, ohne Ballverluste zu riskieren. Und wenn mal alle Räume zugestellt waren, schlug der Torhüter Noah Atubolu eben einen langen Ball. Lange Zeit schien die Leistung der Münchner ganz und gar nicht als Einstimmung auf die Real-Duelle zu taugen. Zumal der Sportclub bis in die Schlussphase auch die klar besseren Möglichkeiten hatte. Doch Philipp Treu schloss aus zehn Metern freistehend zu unpräzise ab (15.), bevor Neuer sehr gefährliche Bälle von Lucas Höller (28.) und Philipp Lienhardt (34.) hielt.
Die Bayern spielten zunächst seltsam gebremst, was beim Führungstreffer des SC besonders deutlich sichtbar wurde. Joshua Kimmich und Serge Gnabry verteidigten sehr halbherzig, als Johan Manzambi kurz nach der Pause den Raum vor dem Münchner Strafraum durchquerte, unbedrängt schießen konnte und aus 20 Metern zum verdienten 1:0 traf (46.). Nicht nur deshalb sprach der Münchner Sportchef von „einer der schwächeren Leistungen“ der Mannschaft.
Denn Höler, der sein 300. Pflichtspiel für den SC machte, hatte noch zwei riesengroße Möglichkeiten auf weitere Treffer (54., 56.), woraufhin Vincent Kompany doch die Versuchsanordnung änderte. Zwar war der am Knöchel angeschlagene Harry Kane gar nicht erst mit nach Freiburg gereist, aber der Münchner Trainer wechselte nach und nach Olise, Konrad Laimer, Pavlovic und etwas später auch Musiala sowie Davies ein, woraus eine erdrückende Überlegenheit des FC Bayern entstand. Aber das zweite Tor des Nachmittags gelang erstmal Höler (71.), der dabei viel Unterstützung von Neuer erhalten hatte.

Möglich wurde der Treffer nämlich, weil der Münchner Torwart nach einer Freiburger Ecke durch den Strafraum irrte und den Ball unkontrolliert vor die Füße des Freiburger Stürmers legte. Neuer hatte aufgrund von zwei Muskelfaserrissen während der vergangenen fünf Partien nur eine Halbzeit absolviert und bestritt überdies seine erste Bundesligapartie als Vierzigjähriger. Vor der Partie hatte er noch betont, dass es sich bei dieser Partie in Freiburg keinesfalls nur um das Aufwärmprogramm für die wirklich wichtigen Termine handle. „Für uns ist das nicht irgendwie eine Generalprobe, sondern ein ganz normales Bundesligaspiel“, hatte er gesagt.
Das Signal ist klar. Neuer will und soll in den ganz großen Partien, die in den kommenden Wochen folgen, seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zur Geltung bringen. Hätten seine Mitspieler nicht solch eine furiose Schlussphase hinbekommen, wäre sein Fehler womöglich zu einem größeren Thema geworden, so dürfen die Bayern sich für ihre imponierende Widerstandskraft feiern lassen.
