Wer auf Reisen geht und nicht das Gemüt einer Teflonpfanne hat, möchte überwältigt werden. Zum Beispiel von Koalabären, die an Eukalyptusblättern knabbern. Auch Kirchen eignen sich, um ergriffen innezuhalten. Wie empfänglich man für intensive Gefühle ist, hängt natürlich mit den Erwartungen des Reisenden zusammen. Die Überhöhung eines Reiseziels birgt Risiken. Das bekannteste Beispiel ist Paris, Stadt der Liebe, elegant und filmisch so oft romantisch in Szene gesetzt, dass man meinen könnte, das Glück liege dort auf der Straße und müsse nur aufgehoben werden.
Diesem Irrglauben erliegen besonders häufig japanische Touristen. Viele von ihnen dürften lange gespart haben, um einmal im Leben den Eiffelturm zu sehen. Doch von wegen oh, là, là! Paris ist laut, hektisch, schmutzig. Womöglich verbirgt sich der Eiffelturm sogar im Nebel. Was für ein Schock. Der japanische Psychiater Ota Hiroaki, der in Paris lebt, hat im Krankenhaus Landsleute behandelt, die auf diese maximale Ernüchterung mit Schwindel, Herzrasen oder sogar Angstzuständen reagierten. Hiroaki nannte das Phänomen Paris-Syndrom. Wissenschaftlich ist es freilich umstritten, als Begriff aber äußerst catchy.

Ernster zu nehmen scheint das Jerusalem-Syndrom. Anders als Paris ist die Aura der heiligen Stadt für keine bestimmte Gruppe besonders gefährlich. Es kann jeden treffen, wobei sich die Wahrscheinlichkeit, in einen psychischen Ausnahmezustand zu geraten erhöht, wenn man gläubig ist. Zudem hat das Jerusalem-Syndrom im Gegensatz zum Paris-Syndrom zu einer bestimmten Jahreszeit Konjunktur: an Ostern. Momentan ist also Vorsicht geboten.
Vor einigen Jahren veröffentlichte „The British Journal of Psychiatry“ einen Artikel, in dem es hieß, dass sich Jerusalemer Psychiater seit 1980 mit einer wachsenden Zahl von Touristen konfrontiert sehen, die in Jerusalem eine psychotische Dekompensation erleiden. Unterschieden wird zwischen drei Haupttypen: Typ I umfasst Personen, die bereits vor ihrer Reise nach Israel an einer Psychose litten. So hat ein amerikanischer Tourist, der sich für Samson hielt, versucht, einen Stein der Klagemauer zu verschieben.
Zum Typ II zählen Personen mit „eigenwilligen, nicht eindeutig psychotischen Ideen“. Und Typ III, so der Artikel, ist besonders bemerkenswert. In diese Kategorie fallen psychisch gesunde Menschen, die in Jerusalem plötzlich eine psychotische Episode entwickeln. Zum Glück dauert diese für gewöhnlich nur wenige Tage. Der Urlaub dürfte dennoch gelaufen sein. Je heiliger der Ort, desto weniger verzeiht er uns offenbar die Illusion, dass er uns erlösen könnte.
