
In das leise Gemurmel im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt fällt ein Schuss. Entsetztes Schweigen. In jenem Moment absoluter Stille sind auf der Bühne die schemenhaften Figuren dreier Männer zu erkennen, Waffen aufeinander gerichtet. Ein kurzer Wortwechsel, weitere Schüsse fallen. Dunkel.
Mit diesem Knalleffekt beginnt „Bodyguard – The Musical“, Bühnenadaption des Hollywoodfilms „The Bodyguard“ von 1992, in dem Kevin Costner und Gesangsstar Whitney Houston die Hauptrollen spielten. Ein gutes Dutzend Houston-Hits schmücken denn auch das 2012 in London uraufgeführte Bühnenwerk, das trotzdem nicht wie eine Hitparade wirkt, was einiges mit dem Buch des Oscarpreisträgers Alexander Dinelaris zu tun hat, das den Plot eines mittelmäßigen Films zu einem Mix aus Thriller und Konzert gestrafft hat, der auch beim Wiedersehen spannend geblieben ist, vom Wiederhören der Lieder ganz zu schweigen, die zu den eingängigsten der Popgeschichte gehören dürften.
Die Bekanntheit der Songs und vor allem ihre Interpretation durch Stimmwunder Whitney Houston sind allerdings bei jeder Inszenierung des Musicals die entscheidende Hürde, die es zu meistern gilt, wobei die jeweilige Hauptdarstellerin weder eine Stimmimitatorin noch eine optische Houston-Wiedergängerin sein soll, sondern die fiktive Bühnenperson Rachel Marron. Der haucht auf der nun in Frankfurt aufgeführten Tourneeproduktion die fabelhafte, in Oberbayern lebende Amerikanerin Sidonie Smith Leben ein. Der ursprünglich zur Bratschistin und Violinistin ausgebildeten Orchestermusikerin, die erst während des Studiums zum Gesang fand, gelingt es, die im Musical zu erwartende Nähe zum Original zu wahren, dabei aber ihren ganz eigenen Ausdruck herauszustreichen.
Neuauflage der Originalinszenierung von Thea Sharrock
So kann sie überzeugend in der Rolle der ebenso erfolgreichen wie zickigen Rachel aufgehen, deren eigentlich geebneter Weg zur Oscarzeremonie plötzlich ein dunkles Loch aufweist. Ein unheimlicher Stalker (James-Lee Harris) verfolgt sie, hinterlässt Drohbriefe, und dies selbst in ihrer eigentlich gesicherten Garderobe. Ihr Manager Bill Devaney (John Macaulay) sieht sich deshalb dazu veranlasst, einen neuen Bodyguard zu verpflichten. Für die Position will er den früheren Secret-Service-Agenten Frank Farmer (Matt Milburn) verpflichten, der allerdings für kein noch so hohes Honorar für Stars arbeiten möchte. Erst als Farmer, den Milburn eher an Liam Neeson orientiert als an Kevin Costner, von Rachels kleinem Sohn Fletcher (Rio Chigwedere) erfährt, willigt er ein, die Familie zu beschützen, zu der auch Rachels von deren Ruhm etwas ins Abseits gedrängte Schwester Nicki (exzellent: Sasha Monique) gehört.
Doch ihm schlägt nicht nur Rachels unverhohlener Widerwillen seiner Anwesenheit gegenüber ins Gesicht, ihn bestürzen nicht nur die laxen Sicherheitsvorkehrungen im Haus, sondern er merkt auch schnell, dass ihnen der Stalker stets einen Schritt voraus zu sein scheint. Spätestens als Farmer seinen alten Freund Ray Court (Luke Walsh) vom FBI um ein Täterprofil bittet, weiß er, dass mit dem Drohbriefschreiber eine tödliche Gefahr droht, die sich unmerklich schon Zugang zu Rachels Familie verschafft hat.
Dieser Plot wird in der Neuauflage der englischsprachigen Originalinszenierung von Thea Sharrock aus dem Londoner West End im Setdesign von Tim Hatley und mit den noch immer schwungvollen Choreographien von Karen Bruce nun auch in Frankfurt eindrucksvoll auf die Bühne gebracht, mit reichlich Drama, etwas Humor und einigem Kitsch. Dazu gibt es unvergessliche Songs von „I’m Every Woman“ und „One Moment In Time“ bis „I Wanna Dance With Somebody“ und natürlich „I Will Always Love You“. Ein Musical-Herz kann nicht mehr verlangen.
„Bodyguard“, Alte Oper Frankfurt. Weitere Aufführungen bis einschließlich 12. April.
