Aus Entsetzen wird Wut – die italienische Fußball-Schande weitet sich zur Staatsaffäre aus. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni soll sogar im Parlament über den Verfall des „Calcio“ sprechen, Regierung und Opposition drängten in seltener Eintracht auf den Rücktritt des Verbandspräsidenten. Mit Erfolg: Gabriele Gravina gab dem Druck nach und stellte sein Amt am Donnerstag zur Verfügung. Am 22. Juni soll es Neuwahlen geben.
Und der zweite und der dritte Schritt der Aufarbeitung folgten prompt. Auch Sportchef Gianluigi Buffon, Weltmeister-Torhüter von 2006, erklärte seinen Rücktritt, genau wie Trainer Gennaro Gattuso. „ Schweren Herzens, da wir unser gestecktes Ziel nicht erreicht haben, betrachte ich meine Zeit als Nationaltrainer als beendet“, ließ er in einer Stellungnahme mitteilen. „Das Trikot der Azzurri ist das wertvollste Gut im Fußball, weshalb es richtig ist, von Anfang an die Weichen für zukünftige Beurteilungen zu stellen.“
Doch das war sicherlich noch nicht alles. Es gilt die Warnung der „Gazzetta dello Sport“ an den Verband FIGC und das gesamte Land: „Wenn wir 2030 die vierte Ohrfeige vermeiden wollen, müssen wir uns beeilen.“
Giuseppe Bergomi: In Italien wird zu defensiv gespielt!
Schweden, Nordmazedonien, Bosnien. Die drei Play-off-Watschn für die stolze Fußball-Nation haben gesessen, nun soll kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. „Tiefgreifende Reformen“ fordert der 82er-Weltmeister Giuseppe Bergomi, er kratzte im Interview mit web.de gar am Heiligen Gral des Catenaccio: In Italien, sagt Bergomi, werde zu defensiv gespielt!
Einig sind sich die Analysten in einem: Die Probleme gehen tief, sind strukturell bedingt. „Es ist offenkundig, dass der Fußball neu aufgebaut werden muss“, sagte Sportminister Andrea Abodi: Dieser Prozess müsse „mit der Erneuerung der Verbandsspitze beginnen“. Damit war Gravinas Schicksal besiegelt, zumal sich Dutzende Parlamentsabgeordnete dieser Forderung anschlossen. Buffon hatte seine Demission derweil nach eigenen Angaben intern schon eine Minute nach Abpfiff in Bosnien erklärt.

Doch während die Politik noch nach weiteren Schuldigen im Fußball sucht, rät UEFA-Präsident Aleksander Čeferin: Schaut doch mal in den Spiegel. „Die Politiker tragen mehr Schuld als Gravina“, der sein erster Vizepräsident bei der Europäischen Fußball-Union ist, sagte Čeferin. „Ihr habt hier eine der schlechtesten Fußball-Infrastrukturen Europas.“
Aleksander Čeferin: „Es macht mich wütend und traurig“
Ein Blick nach Deutschland: Bayern München, Borussia Dortmund und der VfB Stuttgart boten am vergangenen Bundesliga-Spieltag zusammen nicht fünf, sondern 16 Deutsche von Beginn an auf. Sechs Deutsche haben nach 27 Spieltagen acht oder mehr Tore erzielt.
Kein Wunder also, dass der italienische Senatspräsident Ignazio La Russa eine Prozentregel ins Gespräch bringt: Die Vereine sollten verpflichtet werden, mindestens vier italienische Spieler über die gesamte Spielzeit einzusetzen – nicht nur Milan, Inter und Napoli würden diese Hürde reißen. Como Calcio stürmt mit fünf Siegen in Serie Richtung Champions League, in keinem der Spiele mit einem Italiener von Beginn an.
Auch deshalb sind viele Kritiker für Čeferin nicht mehr als Heckenschützen. „Es macht mich wütend und traurig, dass es Menschen gibt, die versteckt darauf warten, dass etwas schiefgeht, um dann hervorzuspringen“, sagte er. „Sagt mir, welcher italienische Spieler wurde nicht berufen – und hätte berufen werden sollen?“
Als aussichtsreicher Kandidat für Gravinas Nachfolge gilt Giovanni Malagò, Ex-Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (CONI). Auch populäre Namen, die Gattuso als Nationaltrainer nachfolgen könnten, werden gehandelt. Napoli-Coach Antonio Conte beispielsweise, oder Roberto Mancini, Italiens Europameistertrainer von 2021.
Vor fünf Jahren war Italien das heißeste Eisen im europäischen Fußball. Heute dagegen listen die Medien die schlimmsten Blamagen auf, beginnend mit der Niederlage gegen Nordkorea bei der WM 1966 – seitdem heißt eine schändliche Pleite in Italien „una corea“.
